# taz.de -- Streik bei Vivantes-Tochterunternehmen: Ein Ende ist nicht in Sicht
       
       > Nach dem 50. Streiktag ist immer noch keine Einigung beim landeseigenen
       > Klinikkonzern Vivantes absehbar. Die Gesundheitsreform erschwert die
       > Verhandlungen.
       
 (IMG) Bild: Einfache Forderung, schwieriger Kompromiss: Die Beschäftigten der Vivantes-Töchter fordern gleiche Bezahlung
       
       50 Tage Streik, 16 Verhandlungsrunden und immer noch kein Ergebnis: Diese
       ernüchternde Zwischenbilanz der laufenden Tarifrunde bei den
       Vivantes-Tochterunternehmen zieht Verdi am Dienstag. Die Gewerkschaft sieht
       jetzt den Berliner Senat in der Pflicht, die festgefahrenen Verhandlungen
       mit dem landeseigenen Klinikkonzern zu lösen. „Es kann nicht sein, dass die
       ganze Stadt die Entscheidungsunfähigkeit der Regierung ausbaden muss“, sagt
       Landesbezirksleiter Benjamin Roscher.
       
       Die Hoffnung, dass der 17. Verhandlungstermin am Mittwoch die Wende bringt,
       ist bei den Beschäftigten gering. „Die Angebote haben sich in den letzten
       fünf Monaten nicht wirklich verändert“, berichtet Sporttherapeut Nicodem
       Tomkowiak. Besonders erzürnt sei er über den letzten Vorstoß der
       Arbeitgeberseite, sagt Tomkowiak, der auch Mitglied der Tarifkommission
       ist.
       
       Darin bietet Vivantes zwar die geforderte stufenweise Angleichung an den
       Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD), aber nur im Tausch gegen
       eine deutliche Reduktion der Jahressonderzahlungen. Dabei hatten die
       Beschäftigten die Boni erst in der letzten Tarifrunde 2021 erkämpft. „Wir
       nennen es linke Tasche, rechte Tasche“, sagt Sterilisationassistentin Nancy
       Hoffmann. Von einem ernstgemeinten Angebot könne keine Rede sein.
       
       Für die rund 2.200 Beschäftigten der Vivantes-Tochterunternehmen geht es
       nicht nur um Lohnsteigerungen, sondern um die Umsetzung eines politischen
       Versprechens. Eigentlich wollte der Senat die zahlreichen Töchter der
       landeseigenen Unternehmen „schnellstmöglich“, wie es im Koalitionsvertrag
       heißt, wieder eingliedern. Damit stünde den Beschäftigten auch eine
       Bezahlung [1][nach dem deutlich höheren TVöD zu]. Auch in den Genuss der
       betrieblichen Altersvorsorge über die Versorgungsanstalt des Bundes und der
       Länder (VBL) kommen die Beschäftigten der Töchter derzeit nicht.
       
       ## Kein Geld für TVöD
       
       Da der Senat aber entgegen seinen Versprechungen keine Anstalten macht, die
       Tochterunternehmen wieder einzugliedern, will Verdi zumindest eine
       tarifliche Angleichung erreichen.
       
       Laut Verdi ist man der Vivantes-Geschäftsführung schon weit
       entgegengekommen, sagt Landesbezirksleiter Roscher. Man sei bereit für ein
       mehrjähriges Stufenmodell, auch habe man schweren Herzens Abschied von der
       betrieblichen Altersvorsorge genommen. „Was wir hier machen, ist schon eine
       Kompromisslinie“.
       
       Der Grund für die Blockadehaltung der Geschäftsführung ist vor allem
       finanzieller Natur. Der Klinikkonzern steht unter großem Druck, sein
       jährliches Millionendefizit deutlich zu verringern. Allein 2025 machte
       Vivantes über 120 Millionen Euro Miese. Das Land droht, die Summe nicht
       mehr auszugleichen, sollte das Unternehmen sein Defizit nicht mit einem
       Sanierungsprogramm verringern.
       
       Hinzu kommt, dass [2][die angekündigten Sparmaßnahmen der Bundesregierung
       bei der Kranken- und Pflegeversicherung] den finanziellen Druck auf die
       Klinikkonzerne noch weiter erhöhen werden.
       
       ## Senat am Zug
       
       „Die finanziellen Spielräume, unser jetziges Angebot aufrechtzuerhalten,
       werden angesichts der drohenden massiven Kürzungen im Kliniksektor mit
       jeder weiteren Woche geringer“, sagte Vivantes-Geschäftsführerin Dorothea
       Schmidt Ende Mai.
       
       Statt zusätzlichen Druck auf Vivantes auszuüben, könnte das Land auch
       einfach ein größeres Defizit in Kauf nehmen, um die TVöD-Angleichung zu
       finanzieren, schlägt Verdi vor. Ein Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts
       am Montag sorgte für mehr Rechtssicherheit für diesen Schritt. Das Gericht
       wies eine Klage der DRK-Kliniken ab, die den regelmäßigen Finanzausgleich
       für unrechtmäßig erklären wollten. Damit wäre es zumindest theoretisch
       möglich, die Wiedereingliederung aus dem Landeshaushalt zu finanzieren.
       
       „Die Entscheidung stärkt die Handlungsfähigkeit des Landes Berlin“, sagt
       Benjamin Roscher. Doch die werde nicht genutzt, weil der Finanzsenator
       Stefan Evers (CDU) im Hintergrund massiv blockiere.
       
       Den Beschäftigten bleibt also nur, durch Arbeitsniederlegung weiter Druck
       aufzubauen. Doch es braucht lange, bis der Streik sich überhaupt im
       Klinikalltag bemerkbar macht. Grund sind die geltenden
       Notdienstvereinbarungen, deren Personalschlüssel Verdi als viel zu üppig
       für einen Notdienstbetrieb kritisiert. Diesen setzte die Geschäftsführung
       durch den Gang vor das Arbeitsgericht im Februar fest.
       
       Verdi wirft Vivantes vor, mit juristischen Maßnahmen das Streikrecht der
       Beschäftigten einzuschränken. „[3][Durch die Besetzung, die das Gericht
       festgelegt hat, ist kaum eine Einschränkung spürbar“,] sagt Verdi-Sekretär
       Ben Brusniak. Außerdem setze Vivantes verstärkt auf Leasingkräfte, um den
       Ausfall durch den Arbeitskampf auszugleichen. Generell sei die Beteiligung
       sehr gut. Im Schnitt seien 350 bis 450 Kolleg:innen am Tag im Streik.
       Auch die Motivation sei nach wie vor sehr hoch. „Wir werden den Streik noch
       sehr viel länger durchhalten, wenn es sein muss“, sagt Brusniak.
       
       9 Jun 2026
       
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