# taz.de -- Arbeitskämpfe im Gesundheitswesen: Ausgebremst vom Kürzungsstift
> Viele Krankenhäuser kämpfen in Berlin um ihr Überleben. Das gefährdet
> zunehmend den Kampf der Beschäftigten um gute Arbeitsbedingungen.
(IMG) Bild: Ein Block und Moloch, das von Vivantes betriebene Urban-Krankenhaus
Die Zeichen bei Vivantes, dem deutschlandweit größten kommunalen
Gesundheitskonzern, stehen auf Streik. Noch bis zum 25. März haben [1][die
rund 2.200 Beschäftigten der Vivantes-Töchter-Unternehmen Zeit,] über einen
unbefristeten Streik abzustimmen. Ben Brusniak, Verhandlungsleiter der
Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, gibt sich kampfbereit: „Die Kolleginnen
und Kollegen werden seit Ewigkeiten beschissen. Es wird Zeit, dass das
jetzt aufhört.“
Eigentlich hat der Senat im Koalitionsvertrag versprochen, die in
Tochterunternehmen ausgelagerten Sterilisationsassistent:innen,
Reinigungskräfte, Logistik- und Serviceangestellten wieder in den
Mutterkonzern zurückzuführen. Damit würden die Beschäftigten unter den
Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVÖD) fallen. Der TvöD bedeutet
nicht nur mehr Geld, sondern auch Schutz vor Altersarmut durch den Anspruch
auf Betriebsrente. „Ohne die Betriebsrente enden viele Beschäftigte in den
Vivantes-Tochterunternehmen direkt in der Altersarmut“, sagt
Gewerkschaftssekretär Brusniak.
Die Geschäftsführung wollte in dieser Tarifrunde zu einem schnellen,
geräuschlosen Abschluss kommen. Doch auch in der dritten Verhandlungsrunde
am 6. März schaffte es Vivantes nicht, ein verhandlungsfähiges Angebot für
die Gewerkschaft auf den Tisch zu legen. Denn das landeseigene Unternehmen
fährt jährlich ein dreistelliges Millionendefizit ein.
In den vergangenen Jahren konnte die Berliner Krankenhausbewegung einige
Achtungserfolge im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen erzielen.
Entlastungstarifverträge bei Vivantes und Charité 2021, dann auch Anfang
2024 beim Jüdischen Krankenhaus. [2][Im vergangenen Jahr konnten die
Beschäftigten der Charité-Tochter CFM eine Annäherung an das Lohnniveau des
Mutterkonzerns erstreiten.]
Doch die jahrelange strukturelle Unterfinanzierung macht Arbeitskämpfe
trotz streikbereiter und gut organisierter Belegschaft zäh. Die jüngste
Eskalation bei den Vivantestöchtern zeigt: Die Sparpolitik im
Gesundheitswesen wird zunehmend zur Gefahr im Kampf um gute Arbeit im
Gesundheitswesen.
## Senat lässt Kliniken allein
Auch bei Vivantes zeigt sich: Der Senat lässt die Klinikkonzerne zunehmend
allein, auch wenn er indirekt mit am Verhandlungstisch sitzt. Trotz des
Versprechens ist eine Wiedereingliederung in absehbarer Zeit nicht in
Sicht. Auf taz-Anfrage verweist die Senatsverwaltung für Finanzen auf eine
Arbeitsgruppe aus dem Jahr 2024. Diese sei in ihrem Abschlussbericht zu dem
Ergebnis gekommen, dass eine Wiedereingliederung der Tochterunternehmen der
Krankenhäuser angesichts der angespannten Haushaltslage nicht tragbar sei.
Ein neuer Stand, lässt die Senatsverwaltung mitteilen, liege derzeit nicht
vor.
„Bisher haben wir kein Signal erhalten, dass man Mehrkosten durch Übernahme
des TVÖD seitens des Landes übernehmen wird.“, sagt Vivantes-Sprecher
Christoph Lang. Der Senat erwartet also, dass Vivantes die Tarifrunde aus
eigenen Mitteln stemmen kann. Angesichts des Defizits von 120 Millionen,
die der Konzern allein 2025 eingefahren hat, eine herausfordernde Aufgabe.
Dem kommunalen Konzern wird das Defizit vom Land ausgeglichen. Doch
Vivantes befindet sich gerade in einem Sanierungsprogramm. Laut dem
Konzernsprecher habe sich Vivantes verpflichtet, das Defizit bis 2029 um
jährlich 15 Millionen zu verringern – ansonsten gebe es kein Geld mehr vom
Land.
## Schwarze Zahlen nicht in Sicht
Die Hoffnung, dass Vivantes bald wieder schwarze Zahlen schreibt, ist indes
gering. Denn fast alle Krankenhäuser in Berlin klagen über finanzielle
Probleme. Das liegt zum einen daran, dass die Krankenkassen seit Jahren
trotz Lohn- und Preissteigerungen die Behandlungspauschalen kaum erhöht
haben. „Die Mittel, die Krankenhäuser für den laufenden Betrieb erhalten,
decken oft nicht vollständig die tatsächlichen Kosten.“, klagt Marc
Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft.
Dazu kommt, dass Berlin seit Jahren bei der Finanzierung der
Investitionsmittel spart. Die Krankenhausgesellschaft hat einen jährlichen
Bedarf von 500 Millionen Euro errechnet, im aktuellen Doppelhaushalt
2026/27 sind lediglich 160 Millionen vorgesehen. Die Folge: Neue
Patientenhäuser, aufwendige Gebäudesanierungen und die Ausrüstung hoch
spezialisierter Stationen müssen aus den ohnehin schon knappen
Betriebskosten finanziert werden.
Die chronische Unterfinanzierung kann schnell zur Insolvenz führen, [3][wie
im Falle des Jüdischen Krankenhauses in Berlin-Wedding (JKB).] Nachdem
infolge eines Wasserschadens die Eröffnung eines neuen Bettenhauses
verschoben werden musste, konnte das angeschlagene Spital die Kredite nicht
mehr bedienen. Signale, dass über 300-Jahre alte Haus in kommunale
Trägerschaft zu überführen, gab es bisher keine. Stattdessen hofft man auf
einen privaten Investor.
Die Insolvenz droht die Errungenschaften eines monatelangen Arbeitskampfes
zunichtemachen. Erst Anfang 2024 erstritten die Beschäftigten einen
Entlastungstarifvertrag, der Überstunden reduzieren und die
Betreuungsschlüssel auf den Stationen verbessern soll. Der Vertrag ist
aufgrund der Krise schon seit Monaten ausgesetzt. Laut einer Sprecherin des
JKBs will die Geschäftsführung mit Verdi auch noch einen
Sanierungstarifvertrag verabreden „der beispielsweise die befristete
Aussetzung der in Kürze anstehenden, erneuten Tariferhöhung regelt.“
## Wie viel Zurückhaltung ist angebracht?
Ist es unter diesen Bedingungen überhaupt möglich, noch bessere
Arbeitsbedingungen zu erkämpfen? „Die Krankenhäuser sind extrem knapp dran,
das macht die Verhandlungen härter“, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretärin
Gisela Neunhöffer. Doch gleichzeitig warnt Neunhöffer davor, zu viel
Zurückhaltung zu üben und der Argumentation zu folgen, Tarifsteigerungen
und gute Arbeitsbedingungen würde die wirtschaftliche Stabilität der Träger
gefährden. Ob ein Haus schwarze Zahlen schreibe oder nicht, liege am
Management und den politischen Rahmenbedingungen, sagt Neunhöffer.
Große Hoffnungen liegen derzeit darauf, dass [4][die Umsetzung der
anstehenden Krankenhausreform die finanzielle Situation der Krankenhäuser
verbessert.] Gründe, sich zurückzuhalten, haben die Beschäftigten indes
nicht: Der Fachkräftemangel ist immer noch stark und wird sich in den
kommenden Jahren weiter verschärfen. Gute Arbeitsbedingungen und höhere
Löhne sind nach wie vor das vielversprechendste Mittel gegen den Notstand.
15 Mar 2026
## LINKS
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(DIR) [4] /Bundestag-verabschiedet-Klinikreform/!6160528
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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