# taz.de -- Ende des Atomabkommens New Start: „Nuklearwaffen für die EU wären konsequent dumm“
       
       > Der Abrüstungsvertrag zwischen den USA und Russland sei praktisch schon
       > tot gewesen, sagt Florian Eblenkamp von der Kampagne zur Abschaffung von
       > Atomwaffen. Trotzdem sei er sinnvoll gewesen.
       
 (IMG) Bild: Strahlende Vergangenheit: die Präsidenten Dimitri Medwedew (links) und Barack Obama nach der Unterzeichnung von New Start 2010
       
       taz: Herr Eblenkamp, der New-Start-Vertrag limitiert die Zahl der
       Atomsprengköpfe in Russland und den USA auf jeweils 1550 Stück. Das ist
       ausreichend, um die Welt einige Male ins Armageddon zu bomben. Welchen
       Unterschied macht es denn, wenn das Abkommen am Donnerstag ausläuft und
       neue Sprengköpfe hinzukommen könnten? 
       
       Florian Eblenkamp: Natürlich sind die nuklearen Waffenarsenale schon so
       zerstörerisch, dass ein Sprengkopf mehr da keinen großen Unterschied macht.
       Dass der Vertrag ausläuft, zeigt aber, dass bei Atomwaffen jegliche
       Zurückhaltung verloren geht. Das Vertrauen zwischen den USA und Russland
       ist komplett erodiert. Beide Seiten können sich nicht auf die Weiterführung
       eines Abkommens einigen, für das sie nicht mal etwas an ihrer aktuellen
       Politik ändern müssten, sondern einfach die bestehende Praxis weiterlaufen
       lassen könnten.
       
       taz: Russland erfüllt seit seiner Vollinvasion in der Ukraine einen
       wichtigen Teil des Vertrags nicht mehr: Eigentlich sieht das Abkommen vor,
       dass Moskau und Washington ihre atomaren Waffenbestände gegenseitig
       inspizieren. Welchen Wert hatte das Abkommen überhaupt noch? 
       
       Eblenkamp: Obwohl der Vertrag in der Praxis vielleicht schon tot war, hat
       er rechtlich gesehen noch etwas gebracht. Beide Seiten hielten sich
       höchstwahrscheinlich an die Zahl der zulässigen Atomsprengköpfe, um im
       Zweifel dem jeweils anderen Vertragsbruch vorwerfen zu können. Mit dem
       Auslaufen des Abkommens [1][ist der Aufrüstung mit strategischen
       Nuklearwaffen keine Grenze gesetzt.] De facto modernisieren aber alle
       Atomwaffenstaaten ihre Arsenale derzeit massiv. In gewissem Sinne war damit
       auch New Start eine Farce.
       
       taz: Putin hat vorgeschlagen, dass die USA und Russland das, was vom
       Vertrag übrig ist, um ein Jahr verlängern. Also, dass beide Seiten – ohne
       gegenseitige Inspektionen – an der Zahl von 1550 Gefechtsköpfen festhalten.
       Was hat es damit auf sich? 
       
       Eblenkamp: Ich denke, das wäre erst mal gar nicht so schlecht. Auch Trump
       hat ja am Anfang seiner Regierungszeit von Entnuklearisierung als eine
       seiner Prioritäten gesprochen. Davon ist leider nicht mehr viel übrig. In
       der Praxis kommt Putins Wunsch sicher auch daher, dass Russland momentan
       einfach kein Geld hat, um in Nuklearwaffen zu investieren. Der Krieg in der
       Ukraine bindet zu viele Ressourcen. Atomwaffen und deren Trägersysteme sind
       unfassbar teuer und gleichzeitig nicht das, was Russland derzeit
       militärisch weiterbringt.
       
       taz: Putin wollte die vergangen Jahre trotzdem nicht über ein neues
       Anti-Atomwaffen-Abkommen verhandeln, weil er gesagt hat, wir machen das
       erst, wenn die USA ihre Ukraine-Hilfen zurückfahren. 
       
       Eblenkamp: Ja, damit hat er seinen Bluff entlarvt, dass man über diese
       Dinge erst reden kann, wenn der Krieg in der Ukraine vorbei ist. Das war
       Verhandlungstaktik, aber dafür ist Putin doch bekannt. Vielleicht ist das
       auch ein Beleg dafür, dass Russland merkt, im nuklearen Bereich Abstriche
       machen zu müssen, wenn es diesen Krieg in der Ukraine weiterführen will.
       Die militärischen Ressourcen sind begrenzt und Atomwaffen tragen in der
       Ukraine nicht dazu bei, dass man auf dem Schlachtfeld einen Vorteil hätte.
       Sie sind viel zu kompliziert einzusetzen, auch normativ und rechtlich.
       
       taz: Die russische Führung hat [2][aber immer wieder genau mit einem
       solchen Einsatz gedroht].
       
       Eblenkamp: Putin hat versucht, damit psychologischen Druck aufzubauen. Aber
       trotz dieser oft wiederholten Drohungen gibt es ja Waffenlieferungen an die
       Ukraine. Es gibt auch ukrainische Angriffe in Russland, als
       Selbstverteidigung. All das sollte die nukleare Abschreckung Moskaus
       eigentlich verhindern. Vielleicht erleben wir, dass die nukleare
       Abschreckung in der Realität nicht so viel bringt, wie manche Strategen
       meinen.
       
       taz: [3][Donald Trump meinte mal, er wäre für einen Atomwaffenvertrag mit
       Russland und China.] Ist das keine gute Idee? 
       
       Eblenkamp: Ja, das wäre toll. Aber das würde alles noch viel komplizierter
       machen. Zwischen den chinesischen und amerikanischen Verhandlungsführern
       herrscht ein riesiges Misstrauen, da gibt es keinerlei Bewegung. Außerdem
       ist China nicht in die Strukturen eingebunden, die es zwischen Russland und
       den USA seit dem Kalten Krieg gibt. Man muss schon realistisch bleiben:
       China hat jetzt ungefähr 600 atomare Sprengköpfe, das ist nur ein Bruchteil
       der Bestände in den USA und Russland.
       
       taz: Trotzdem ist das ist nicht wenig. 
       
       Eblenkamp: Ja, jeder Sprengkopf ist einer zu viel. Aber die große
       Verantwortung zur nuklearen Abrüstung liegt bei den USA und Russland. Denn
       sonst müssten auch Großbritannien und Frankreich mit ihren wenigen 100
       Sprengköpfen in einen solchen Vertrag eingebunden sein. Oder Israel. Oder
       Nordkorea. Oder Indien und Pakistan.
       
       taz: Auch in Deutschland gibt es Forderungen nach einer atomaren Aufrüstung
       – wenn nicht für die Bundeswehr, dann zumindest für die EU, heißt es immer
       mal wieder. Wäre das nicht ein konsequenter Schritt, wenn man sagt, dass
       man unabhängiger von den USA werden möchte? 
       
       Eblenkamp: Es wäre konsequent, aber konsequent dumm. Es sprechen sehr viele
       Gründe dagegen. Erst mal auf EU-Ebene: Es gibt gar keine gemeinsame
       Verteidigungspolitik. Ein Deal zwischen den Mitgliedsländern auf
       bilateraler Ebene wäre ebenso illusorisch. Dagegen spräche auch, dass
       Österreich, Irland und Malta dem [4][Atomwaffenverbotsvertrag] beigetreten
       sind und völkerrechtliche Verpflichtungen haben, genau bei so etwas nicht
       mitzumachen. Da sieht man mal den guten Impact dieses Vertrags.
       
       taz: Und Atomwaffen für Deutschland? 
       
       Eblenkamp: Hier geht die Debatte doch völlig an der Realität vorbei. Man
       hätte damit den Zwei-plus-vier-Vertrag aufgekündigt. Man hätte Russland
       jedes Argument gegeben, seinen Krieg auszuweiten. Deutschland müsste auch
       den Nichtverbreitungsvertrag aufkündigen, der ohnehin schon schwer
       angeschlagen ist. Dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis auch Iran,
       Saudi-Arabien oder Südkorea Atomwaffen hätten.
       
       taz: Wie kommt es, dass dieses Thema dann immer wieder aufkommt? 
       
       Eblenkamp: Das ist eine Kombination aus Ideenlosigkeit, um ein komplexes
       Problem vermeintlich einfach zu lösen, und Kraftmeierei. Ich möchte mal den
       Politiker sehen, der Atomsprengköpfe in seinem Wahlkreis haben will. Diese
       Waffen müsste man auch irgendwo testen. Welches europäische Land würde
       Gebiet dafür hergeben? Außerdem: Es wird oft so getan, als müsste man
       Atomwaffen besorgen, und dann hätte man schon die Abschreckungswirkung. Mit
       der militärischen Fähigkeit ist es aber nicht getan.
       
       taz: Ach so? 
       
       Eblenkamp: Man muss doch auch glaubwürdig zeigen, dass man die Waffen
       einsetzen würde. Man muss sich dann immer wieder mal auf die Brust trommeln
       und sagen: „Wir sind irgendwie ein bisschen böse.“ Und das müsste man so
       machen, dass jemand wie Putin davon beeindruckt ist. Im Zweifel ist aber
       jemand wie Putin, dem die Menschenwürde egal ist, immer glaubwürdiger, wenn
       er mit diesen Waffen droht. Es ist deswegen eine sehr schlechte
       Verteidigungsstrategie, sich auf Nuklearwaffen einzulassen – jenseits von
       allen taktischen Überlegungen und völkerrechtlichen Problemen, die man sich
       damit einfängt.
       
       taz: Sehen Sie einen Weg zur atomaren Abrüstung? 
       
       Eblenkamp: 2026 bietet einige Gelegenheiten dazu: Im April und Mai gibt es
       Überprüfungskonferenzen des Nichtverbreitungsvertrags und im November des
       Atomwaffenverbotsvertrags. Die Länder, die dort zusammenkommen, müssen mit
       dem Finger auf die Staaten zeigen, die Atomwaffen akzeptieren. Man kommt
       aus diesem Strudel raus, indem man auf die wissenschaftlich breit
       erforschten Risiken und nicht auf die vermuteten Benefits der nuklearen
       Abschreckungstheorie abzielt. In dieser Frage kommt auch Deutschland eine
       Rolle zu, die es bislang nicht ausfüllt. Deutschland hat keinerlei Einfluss
       auf die Rüstungspolitik Russlands oder der USA, trägt aber den Großteil der
       Risiken. Ein Krieg zwischen beiden Ländern würde sich aller
       Wahrscheinlichkeit nach in Europa abspielen. Deutschland könnte dazu
       beitragen, dass mehr über die Risiken anstatt über die Abschreckung
       gesprochen wird.
       
       4 Feb 2026
       
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