# taz.de -- Bundeswehr in Litauen: Der Sand als momentan größter Gegner
       
       > Ein Dienst in Litauen könnte bei der Bundeswehr bald Pflicht werden,
       > kündigt der Verteidigungsminister an. Eine Übung zeigt, worum es dabei
       > gehen könnte.
       
 (IMG) Bild: Stets übungsbereit: Verteidigungsminister Boris Pistorius begutachtet das Bundeswehr-Manöver in Litauen von einem Radpanzer aus
       
       Mit Nachdruck wiederholt der General, dass hier nichts simuliert wird. „Sie
       sind Zeuge einer Übung der Panzerbrigade 45“, sagt Christoph Huber und
       deutet mit dem Pfeilstock auf die überdimensionale Karte, die vor ihm
       liegt. Nur wenige Kilometer von der belarussischen Grenze entfernt,
       [1][lässt er die in Litauen stationierte Bundeswehr-Brigade] zum ersten Mal
       den Einsatz proben: mit einer Gefechtsübung, bei der auch scharf geschossen
       wird.
       
       Es ist heiß am Montag auf dem Truppenübungsplatz in Pabradė, etwa eine
       Autostunde nordöstlich von Vilnius und nur rund fünf Kilometer von der
       Grenze zu Belarus entfernt. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD)
       lugt mit sandverschmiertem Gesicht aus einem Radpanzer, um sich ein Bild
       von der Übung zu machen. Kurz darauf flankieren ihn mehrere Kampfpanzer,
       die mit ohrenbetäubendem Knall auf einen imaginären Gegner am Waldrand in
       800 Metern Entfernung feuern.
       
       Es ist die erste große Übung der vor einem Jahr in Litauen aufgestellten
       Bundeswehr-Brigade. Die Soldat*innen sollen in dem Manöver zeigen, was
       sie können, und damit hoffentlich auch jenseits der Grenze ein Zeichen
       setzen: Die Nato-Ostflanke ist gegen eine mögliche russische Aggression
       gewappnet. Für die einmonatige Übung „Freedom Shield“ bringen die
       Bundeswehr und ihre Partner in der multinationalen Kampfgruppe 800
       Fahrzeuge und 2.900 Soldat*innen zusammen, davon 2.500 aus Deutschland.
       
       Ein sehr offensichtlicher Gegner auf dem Trainingsgelände ist der Sand, der
       jeden Schritt zur Qual macht. Ein LKW holpert mit dröhnendem Motor über die
       bucklige Piste und wirkt dabei mindestens einmal so, als bliebe er gleich
       stecken. Am Ort des Übungsgeschehens verlässt ein Tross aus litauischen und
       deutschen Journalist*innen die Pritsche des Lastwagens und watet eine
       Böschung hinauf, von der aus in der Ferne Panzer am Waldrand zu sehen sind.
       
       ## Symbolisch umherschwirrende Drohnen
       
       Das Übungsszenario, das auch der Kommandeur Huber mit dem Pfeilstock zu
       erklären versuchte, geht in etwa so: Niederländische Panzer stecken,
       nachdem sie einen gegnerischen Vormarsch verzögert haben, in der Klemme.
       Sie lassen sich deshalb unter Feuerschutz von norwegischen Panzern hinter
       die eigenen Reihen zurückfallen. Um den gegnerischen Vormarsch zu stoppen,
       wird eine Brücke gesprengt, um daraufhin mit Drohnen und allerlei schwerem
       Gerät – Panzer, Hubschrauber, ein Kampfjet – dem Gegner den Garaus zu
       machen.
       
       Weil scharf geschossen wird, müssen Zielscheiben als Gegner herhalten. Vom
       Beobachtungspunkt lässt sich nicht sehen, ob die Kampfpanzer und die beiden
       Tiger-Hubschrauber in der Ferne wirklich irgendetwas treffen. Auch die
       handvoll Drohnen, die bald aufsteigen, schwirren eher symbolisch über die
       Köpfe der Journalist*innen hinweg. Der unbewaffnete Eurofighter, der
       mit einer angedeuteten Drehung um die eigene Achse über das Szenario
       hinwegdonnert, sorgt zumindest für einen kurzen Jauchzer bei einem
       litauischen Journalisten.
       
       Die permanente Bundeswehr-Einheit in Litauen, die Panzerbrigade 45,
       entstand auf ausdrücklichen Wunsch und Einladung des baltischen Landes.
       Litauen besitzt bisher keine eigenen Kampfpanzer – eine Marktlücke, die
       Rheinmetall derzeit mit einem Milliardendeal zu füllen weiß. Doch bis die
       ersten litauischen Panzer vom Band laufen, dienen der Verteidigung des
       3-Millionen-Lands mit der 600 Kilometer langen Grenze nach Belarus nur
       knapp 20.000 eigene Soldat*innen. Ein großer Teil von ihnen ist in
       Freiwilligenverbänden organisiert.
       
       Der Aufstellungsappell für die Bundeswehr-Brigade vor einem Jahr glich
       deshalb einem Volksfest: Die ersten deutschen Soldat*innen wurden unter
       bunten Fähnchen im Zentrum von Vilnius empfangen. Bis Ende 2027 soll die
       Einheit komplett sein und dann 4.800 Bundeswehr-Soldat*innen und 200 zivile
       Mitarbeiter*innen umfassen. Derzeit sind insgesamt etwa 500 deutsche
       Soldat*innen permanent vor Ort.
       
       Die Infrastruktur von Kasernen über Logistik bis zur deutschen Schule wird
       vom Gastland gestellt – und so wie es aussieht, liefert Litauen noch
       schneller, als es der Zeitplan ursprünglich vorsah. Auf der deutschen Seite
       scheint es dagegen etwas gemütlicher zuzugehen.
       
       Pistorius sagte am Montag, dass sich wohl doch nicht jeder Posten in der
       Litauen-Brigade mit Freiwilligen besetzen lasse. Während der
       Verteidigungsminister umständlich von Engpässen bei IT-Spezialisten sprach
       und versicherte, 90 Prozent der Brigade kämen dennoch aus Überzeugung,
       setzte der Inspekteur des Heeres ein klares Zeichen. „Wir werden Ende 2027
       einsatzbereit sein. Punkt“, sagte Christian Freuding.
       
       Für Bundeswehr-Fans sind die Bedingungen in Litauen tatsächlich gut – sieht
       man mal von dem kleinen Haken ab, dass man im Ernstfall an der
       Nato-Ostflanke direkt an der Front landen könnte. Es gibt Auslandszuschläge
       und moderne Kasernen. Große Übungen mit scharfer Munition waren in
       Deutschland auch für lange Zeit eher die Seltenheit – hier sollen die
       Soldat*innen künftig zweimal im Jahr solche Manöver erleben.
       
       23 Jun 2026
       
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