# taz.de -- Wiederaufbaukonferenz: Die bemerkenswerte Stabilität der ukrainischen Wirtschaft
       
       > Trotz russischer Angriffe auf die ukrainische Industrie bleibt die
       > Ökonomie relativ widerstandsfähig. Banken funktionieren, Unternehmen
       > investieren, Renten werden gezahlt.
       
 (IMG) Bild: Der Weizen in der Ukraine ist reif und muss trotz russischer Angriffe geerntet werden
       
       Ein gutes Dutzend Schweine, etwa 100 Bienenstöcke und 60 Hektar Ackerland
       nennt Landwirt Oleksandr Bondarenko im Dorf Nekremenne sein Eigen. „Wegen
       der Explosionsgeräusche sterben meine Bienen“, berichtet der Bauer dem
       ukrainischen Fernsehsender „Suspilne“, denn sein Hof liegt ganz im
       Nordwesten in der Region Donezk. Die Frontlinie ist etwa 40 Kilometer
       entfernt.
       
       „Ständig fallen russische Drohnen auf meine Felder, die Sonnenblumen halten
       das aus. Aber Weizen fängt Feuer, und wenn ich dann mit
       Pflanzenschutzmitteln und Diesel über die Felder fahre – zack, schon brennt
       alles ab“, so Bondarenko. Er säe unter Raketenbeschuss, doch seinen Hof
       aufgeben wolle er nicht: [1][„Wenn wir aufhören, gewinnt Russland nicht nur
       den Krieg, sondern zerstört auch unsere Zukunft.“]
       
       Wenn am Donnerstag und Freitag die Regierungen der Unterstützerstaaten der
       Ukraine im polnischen Danzig auf der Wiederaufbaukonferenz „Ukraine
       Recovery Conference“ zusammenkommen, steht Europas größtes Agrarland auch
       fernab der Front massiv unter Druck.
       
       Zum einen politisch: Premiermisterin Julija Swyrydenko leitet [2][wegen des
       Streits der Präsidenten beider Länder] die ukrainische Delegation nach
       Danzig anstatt Landesvater Wolodymyr Selenskyj. Aber auch wirtschaftlich:
       Zwar hat die EU einen 90 Milliarden Euro umfassenden Zweijahreskredit
       bewilligt. Doch ausgezahlt ist der Anteil für dieses Jahr ebenso wenig wie
       der 8,1 Milliarden Dollar große Kredit des Internationalen Währungsfonds
       (IWF).
       
       ## Kredite werden dringend gebraucht
       
       Kleine Sache mit großer Wirkung ist dabei der Streit über die Abschaffung
       der Zoll-, beziehungsweise Steuerbefreiung für Kleinsendungen unter 150
       Euro. Diese in der Bevölkerung unpopuläre Maßnahme scheiterte im Parlament.
       Aber EU und IWF bestehen auf Verzollung der Päckchen von Temu, Amazon,
       Shein und anderen. Solange die Ukraine keinen Zoll auf die Pakete erhebt,
       gibt es keine Freigabe der Kredite.
       
       Dabei hat die Werchowna Rada, das Parlament, gerade das Verteidigungsbudget
       auf gut 4,3 Billionen Hrywnja (umgerechnet fast 84 Milliarden Euro) fast
       verdoppelt. Dafür aber werden die Kredite dringend gebraucht. Aber EU und
       IWF warten zur Auszahlung ihrer Kredittranchen auf die Umsetzung
       angemahnter Reformen, wie die Verbreiterung der Steuerbasis, die
       Verringerung der Schattenwirtschaft, Reformen der Verwaltung und Maßnahmen
       zur Vorbereitung zum EU-Beitritt.
       
       Die russische Armee hat Getreidesilos und Mähdrescher zerstört,
       Agrarprodukte gestohlen oder vernichtet, die Logistik gestört und Felder
       vermint. Im Krieg sind die Anbauflächen durch russische Eroberungen
       verringert worden, Fachkräfte sind an der Front oder auf der Flucht statt
       an ihrem Arbeitsplatz, Verkaufserlöse von vernichteten Ernten gingen
       verloren. All das habe dem ukrainischen Agrarsektor Verluste von mindestens
       11 Milliarden Dollar allein seit der russischen Vollinvasion gebracht,
       sagte der Vizeminister für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft der
       Ukraine, Taras Wysotzky.
       
       Die Exporte von Weizen und Mais, bei denen die Ukraine Weltmarktanteile von
       6 und 11 Prozent hält, sind nach den massiven russischen Angriffen auf die
       Häfen im Gebiet Odessa um ein Drittel auf nur noch 4 Millionen Tonnen pro
       Monat gesunken. „In den ersten Monaten des Jahres 2026 wurden die Häfen des
       Großraums Odessa mehr als 180 Mal angegriffen – fast so oft wie im gesamten
       Vorjahr“, berichtet Wysotzky.
       
       ## Die ukrainische Handelsbilanz ist tiefrot
       
       Zusätzlich werden die Einnahmen der Ukraine dadurch geschmälert, dass
       Ungarn, die Slowakei und Polen Importsperren gegen ukrainische Lebensmittel
       verhängt haben, trotz der seit Ende Oktober verlängerten
       EU-Freihandelsquoten für Kyjiw. Zugleich steigen die ukrainischen
       Agrarimporte weiter – vor allem auch aus Polen.
       
       Die ukrainische Handelsbilanz ist entsprechend tiefrot. Das Loch im
       Staatsbudget liegt bei 19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die
       Staatsverschuldung ist mit 120 Prozent des BIP für ein Schwellenland hoch.
       Ohne Hilfen von EU, IWF und Weltbank sowie Milliardeninvestitionen der
       Osteuropaförderbank EBRD wäre das Land zahlungsunfähig. „Die Ukraine ist
       nicht insolvent, aber noch nicht selbsttragend“, bilanziert die
       Ukraine-Expertin des Wiener Instituts für internationale
       Wirtschaftsvergleiche, Olga Pindyuk.
       
       „Das Land ist heute eine Brückenökonomie – weder klassische Kriegs- noch
       Friedenswirtschaft, sondern ein System, das sich auf Wiederaufbau und
       EU-Integration ausrichtet, während der Krieg weiter tobt“, beschreibt die
       Kiev School of Economics die Lage.
       
       Das Bankensystem ist trotz Krieg stabil. Die Inflation liegt laut IWF bei
       rund 6 bis 8 Prozent, die Landeswährung Hrywnja hat sich nach deutlichen
       Abwertungen stabilisiert. Das BIP soll 2026 um fast 2 Prozent wachsen. Der
       IWF bescheinigt dem Land eine „hohe makroökonomische Stabilität“.
       
       Während die traditionell starke Stahlindustrie wegen der häufigen
       Stromausfälle aufgrund der heftigen russischen Winterangriffe darbt, bildet
       die Entwicklung und Produktion vor allem von Drohnen mit ihrem
       Exportpotenzial ein neues Standbein der ukrainischen Wirtschaft. Es
       entsteht ein neuer industrieller Mittelstand. Achillesferse der
       ukrainischen Wirtschaft aber bleibt die hohe Abhängigkeit von ausländischem
       Geld.
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krieg-im-Westen-der-Ukraine/!6185820
 (DIR) [2] /Eskalation-zwischen-Polen-und-Ukraine/!6189328
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mathias Brüggmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ukraine
 (DIR) Wirtschaft
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) GNS
 (DIR) Wie sich die Zeit gewendet hat
 (DIR) Lettland
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Streitgespräch über Aufrüstung: „Europa sollte stärker werden als Russland.“ – „Da widerspreche ich.“
       
       Ist die Warnung vor einem Angriff auf Nato-Gebiet alarmistisch? Müssen wir
       so massiv aufrüsten? Ein Streitgespräch mit Carlo Masala und Max Mutschler.
       
 (DIR) Lettlands Ministerpräsident über Grenzen: „Wir müssen stark, geeint und widerstandsfähig sein“
       
       Lettlands neuer Ministerpräsident heißt Andris Kulbergs. Er erklärt,
       weshalb die baltischen Staaten besser kooperieren sollten.
       
 (DIR) Widerstand in der besetzten Ostukraine: Sie bereiten Bauchschmerzen
       
       In den besetzten Gebieten der Ukraine wehren sich die „wütenden Mavkas“ mit
       kreativen Mitteln: etwa Wodka mit Abführmittel für die russischen Soldaten.
       
 (DIR) Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Danzig: Werben um private Investoren für den Wiederaufbau der Ukraine
       
       518 Milliarden Euro benötigt die Ukraine geschätzt für den Wiederaufbau.
       EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigt Beginn der
       Auszahlung des Milliarden-Darlehens an.
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Tusk steht zur Ukraine-Hilfe trotz des Streits
       
       An diesem Donnerstag beginnt in Danzig eine Aufbaukonferenz für die
       Ukraine. Diese kann auch bei Selenskyjs Fehlen weiter mit Hilfe aus Europa
       rechnen.
       
 (DIR) Psychische Probleme nach Kriegseinsatz: Warum in Russland der Absatz von Antidepressiva steigt
       
       In Russland erreichen die Verkäufe von Medikamenten gegen Angststörungen
       und Antidepressiva neue Höchststände. Behörden relativieren, Betroffene
       werden alleingelassen.