# taz.de -- Architekt Francis Kéré: „Ich packe Fantasien da rein“
       
       > Ein Gespräch mit Francis Kéré. Der Architekt aus Burkina Faso in Berlin
       > verbindet lokales und neues Bauen. Und setzt auch mal einen Palaverbaum
       > in seine Architektur.
       
 (IMG) Bild: Kinder in der Grundschule Gando (Burkina Faso), für die Francis Kéré 2004 mit dem Aga Khan Award for Architecture ausgezeichnet wurde
       
       taz: Francis Kéré, moderne Architektur mit lokalen Bauweisen zu verbinden
       haben schon 1970 Jean-François Lamoureux und Jean-Louis Marin bei ihrem
       Internationalen Außenhandelszentrum Senegal (CICES) in Dakar versucht, oder
       1974 die Lehmbauexpertin Hannah Schreckenbach bei ihrem Postoffice in
       Accra. Sie haben dieser Idee neues Leben gegeben, indem Sie sie noch
       konsequenter umgesetzt haben: mit Schulbauten. War Ihnen bewusst, was für
       ein kluger Schachzug das war? Sie wurden für die kleine Grundschule in
       Gando gleich mit dem Aga-Khan-Preis belohnt. 
       
       Francis Kéré: Nein, das war mir nicht bewusst. Ich musste eine Schule
       bauen, denn in Gando, meinem Dorf, in dem meine ganze Familie lebt, gab es
       keine Schule. Nur weil mein Vater wollte, dass ich lesen und schreiben
       lerne, bekam ich die Chance, hier in Berlin zu studieren. Ich musste
       einfach vielen Kindern die Möglichkeit geben, zur Schule zu gehen. Ich
       hatte wirklich nur mein Dorf im Sinn. So fing es mit den Schulbauten an.
       Und 20 Jahre nachdem ich mich darauf konzentriert habe, nur dringend
       benötigte Gebäude wie Schulen, Krankenhäuser zu bauen und das Operndorf von
       Christoph Schlingensief, will es die Ironie des Schicksals, dass ich jetzt
       doch Regierungsgebäude baue.
       
       taz: Afrika ist voll experimenteller, avantgardistischer moderner
       Architektur. In der Kolonialzeit traute man sich, hier zu bauen, was man
       sich zu Hause nie getraut hätte. Die unabhängig gewordenen Staaten wollten
       dann an die internationale Moderne anschließen. Wie blicken Sie als
       Architekt aus Burkina Faso auf dieses moderne Bauerbe in Westafrika, das
       teilweise schon wieder verloren gegangen ist? 
       
       Kéré: Ja, man hat da ein großes Laboratorium der Architektur. Man sieht die
       Bauten überall, wohin man geht. Ich hoffe, dass wir sie für die nächsten
       Generationen bewahren können, denn tatsächlich sind viele schon wieder
       verschwunden, weil sie nicht gepflegt wurden. [1][Nach der Unabhängigkeit
       versuchte man spektakulär zu bauen.] Und da ging die Entwicklung
       bedauerlicherweise sehr schnell dahin, dass nur noch Attrappen entstanden,
       mit dem Anschein moderner qualitätvoller Architektur.
       
       taz: Afrika entwickelt sich wirtschaftlich, ist es womöglich wieder der
       Kontinent, auf dem zukunftsweisende Architektur die besten Chancen hat? 
       
       Kéré: Der Bedarf ist da, es wird also viel gebaut werden in der kommenden
       Zeit. Und ich habe Grund, optimistisch zu sein. Es sind gute Leute zu
       Wortführern geworden. Ich denke etwa an Lesley Lokko, die [2][Leiterin der
       Architekturbiennale von Venedig 2023], und an das von ihr [3][gegründete
       African Future Institute]. Eine junge Generation von Studierenden wird von
       dieser Institution und dieser Stimme wachgerüttelt, die sie an gute
       Architektur heranführt. Die eben nicht von Entwicklern stammt, die nur
       Quadratmeter und Preise kennen. Der eigene Beruf wird optimistisch gesehen.
       Vor allem muss man aber die potenziellen Auftraggeber erreichen, dass sie
       auf qualitätvoller Architektur bestehen, weil sie deren Mehrwert erkennen.
       Dann kann etwas Zukunftsträchtiges geschaffen werden.
       
       taz: Apropos Auftragsgeber, in Deutschland wurden Sie von Elke und Jens
       Ehrhardt beauftragt, das Museum Ehrhardt in Plüschow zu bauen. Wie kam es
       dazu? 
       
       Kéré: Den beiden gefiel, dass mein Bauen grundsätzlich
       gemeinschaftsstiftend sein will. Sie sind als Auftraggeber unglaublich.
       Denn sie sagen: Ja, die Sammlung ist uns wichtig, aber uns ist genauso
       wichtig, für das Dorf einen Ort zu schaffen, an dem es zusammenkommt. An
       dem sich die Leute aufhalten, miteinander reden, Kaffee trinken und auch
       Kunst entdecken, wenn sie mögen. Das war die Idee bei der Entstehung.
       
       taz: Welche afrikanischen Erfahrungen sind in dieses Projekt eingeflossen?
       Die Dachkonstruktion erinnert an Ihre Bauten in Afrika. War sie von Anfang
       an geplant? 
       
       Kéré: Nein. Ich muss zugeben, je länger ich in meinem Metier arbeite, desto
       öfter sehe ich, wie eine Idee im Austausch mit dem Kunden, aber auch mit
       den Behörden ein stärkeres Gewicht bekommt als geplant. Am Anfang hatte ich
       einen einfachen Pavillon im Kopf. Zwar handelt es sich dabei um einen
       Neubau, aber er fügt sich in das Ensemble einer barocken Herrenhausanlage
       aus dem 18. Jahrhundert ein. Daher bestand die Denkmalbehörde auf einem
       Satteldach, das ich nicht vorgesehen hatte. Ich hatte mir aber vorher die
       traditionelle Bauweise der Gegend angeschaut und schon entschieden, die
       beiden grundlegenden Materialien Holz und Ziegel zu trennen. Deshalb war
       die Idee eines überkragenden Holzdaches gleich da. Wir haben also keinen
       Fachwerkbau, sondern einen simplen Lehmbau und darüber einen hölzernen
       Dachstuhl, unter dem sich nicht nur die Menschen versammeln, sondern der
       bepflanzt auch eine Heimstatt für Insekten und Tiere sein wird. Wir brennen
       die Ziegel nicht, das verbraucht nur Energie und treibt CO₂ in die Luft.
       
       taz: Der Pritzker-Preis 2022, der wichtigste internationale Preis für
       Architektur, hat Sie international bekannt gemacht. Jetzt bauen Sie auch
       große Komplexe, etwa das neue Parlamentsgebäude in Porto-Novo in Benin. Wie
       lässt sich Ihr Prinzip, möglichst auf regionale Bautraditionen und
       regionale Materialien zurückzugreifen, hier durchhalten? 
       
       Kéré: Das ist die große Fragestellung bei solchen Projekten. Der Bau des
       Parlamentsgebäudes hat 2021 begonnen, also schon vor dem Pritzker-Preis. Es
       war unser größter Auftrag bis dahin. Aber wie kann man, was im Kleinen sehr
       gut funktioniert, auf etwas viel Größeres übertragen? Ein Parlament ist
       eben auch repräsentatives Gebäude, und in der Diskussion über die
       Spannweiten war klar, dass wir strukturell etwas anderes Dauerhaftes
       brauchen. Wenn man ihn intelligent, also sparsam einsetzt, bin ich nicht
       gegen Beton. Deshalb habe ich mich nicht geniert, hier damit zu arbeiten.
       Zentral aber war die Idee des Palaverbaums. Das ist ein großer,
       schattenspendender Baum, der Wahrzeichen des Dorfes ist, das sich bei ihm
       versammelt. Mit ihm war der sinnstiftende Gedanke gefunden, das
       Parlamentsgebäude baulich zu einem Symbol der Demokratie zu machen. Im
       Palaverbaum fand sich die Formsprache, die dann lokal durchbuchstabiert
       werden konnte. Benin hat eine lebendige Kunstwelt, die zusammenarbeitet und
       die Ahnen respektiert. Wir haben Leute aus allen Regionen eingeladen, ihre
       Ideen und Materialien beizubringen, und überall werden Künstler tätig.
       Tatsächlich versuchen wir neben der Struktur alles lokal zu bespielen.
       
       taz: Ist das eine Stahlbetonkonstruktion? 
       
       Kéré: Ja. Ein Hof im Zentrum bildet eine Oase. Ich stelle mir vor, wie die
       Parlamentarier nach einer hitzigen Debatte in diesen Garten gehen können
       und dort abkühlen. Dann können sie wieder reingehen und weiterarbeiten. Ich
       packe Fantasien da rein, kindliche Träume davon, dass die Eltern sich nicht
       scheiden lassen, sondern in Harmonie zusammenleben. Gerade war ich mit
       meinem Lieblingsfotografen Iwan Baan dort, es fehlt nur noch die
       Gartenanlage.
       
       taz: Architektur will nicht nur gebaut werden, sondern auch gesehen und
       bestaunt, auch medial vermittelt. Eine großartige Form der Vermittlung ist
       nach wie vor das Buch. Sie legen nun mit dem Buch „Building Stories“ aus
       dem Taschen Verlag eine Werkübersicht vor. Das Buch ist klug strukturiert,
       dazu wunderbar designt und layoutet. Aber ist es nicht irritierend, dass
       sich bei den Aufnahmen oft nicht unterscheiden lässt, was eine Fotografie
       vor Ort und was ein Rendering ist? 
       
       Kéré: In der Tat generieren wir heutzutage Realität durch Bilder. Es
       stimmt, es sind ein paar Projekte im Buch zu finden, die zeigen wir in
       Renderings. Glücklicherweise sind es nicht viele. Man kann es schon
       erkennen, wenn man sich die Personen im Raum anschaut. Im Rendering sehen
       sie etwas flach aus, eher gezeichnet, aber man muss schon genau schauen.
       Die Aufnahmen, die mir am meisten am Herzen liegen, dokumentieren den
       Prozess des Bauens selbst, mit all den Menschen, die daran beteiligt sind.
       
       25 Jun 2026
       
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