# taz.de -- Kunst der Woche: Die Wirklichkeit im Foto neu erfunden
> Die Architekturfotografien von Maximilian Meise eröffnen neue Realitäten.
> Neues ist auch im Skulpturenpark Schlossgut Schwante zu entdecken.
(IMG) Bild: Das Colosseum aus einem besonderen Winkel betrachtet: Es ist, als hätte Maximilian Meisse Architektur an andere Orte gestellt
Auf den Fotografien ist Berlin zu erkennen, etwa der Gendarmenmarkt, der
freilich wie nach London versetzt wirkt. Wir sind [1][in Venedig oder in
Rom, wo Maximilian Meisse] für sein „Colosseo V“ einen Aufnahmestandort
gefunden hat, von dem aus die römische Arena nicht länger Teil des urbanen
Gefüges ist und stattdessen in eine sonnenbeschienene, offene Landschaft
versetzt scheint. Meisse erfindet die Wirklichkeit über ihr Abbild
gleichsam neu.
Tatsächlich, sagt er, kommen in der Architekturfotografie drei Aspekte zum
Tragen. Zunächst der dokumentarische Aspekt, da sich kaum ein Medium so
direkt mit der Wirklichkeit auseinandersetzt wie die Fotografie. Dann der
bildmäßige Aspekt, wenn nicht mehr durch das Foto hindurch nur das Motiv
gesehen wird, sondern die Bildkomposition selbst die Wahrnehmung bestimmt.
Und schließlich der Aspekt des Entwurfs, wenn das Bild den Ort noch einmal
ganz neu beschreibt.
Fremd schaut auch die Landschaft in Tirol und Norditalien aus, die Meisse
[2][erstmals in seiner unbedingt sehenswerten Ausstellung „Archetypen der
Architektur und Landschaft“ in der Papierhalle des Wasmuth Verlags] zeigt.
Konzentriert sich Meisse in der Architektur auf Grundelemente wie Säule,
Bogen, Gesims und Giebel, die er in harten Ausschnitten akzentuiert,
verzichtet er hier auf den Horizont. So verdichtet er das Motiv Bergwelt,
das nicht mehr zu verorten ist. Die Faszination liegt ganz in der Formation
der Bergrücken und Kerbtäler und dem Licht, in dem sie erscheinen.
## Fragile Stelen aus Beton
Das [3][Gras steht wieder hoch im Skulpturenpark vom Schlossgut Schwante],
der jedes Jahr aufs Neue bezaubert. Erfreut trifft man wieder auf alte
Bekannte wie drei kinetische Arbeiten von George Rickey, Carsten Nicolais
„Echo“-Kammer oder Bettina Allamodas „Outdoor Wrap“. Und dann entdeckt man
[4][neue Arbeiten wie die Videoinstallation von Donata Wenders], die, wie
Andreas Greiners „1728“ (2022), im Hofladen zu sehen ist.
Greiner, der bei Ólafur Elíasson studierte, arbeitet an der Schnittstelle
von Waldökologie und künstlicher Intelligenz. Mit „1728“ entwirft er ein
konkretes Bild und zugleich eine planerische Zukunft. Denn das quadratische
Muster zu dem er 1728 Buche-, Kiefern- und Bergahornsamen parametrisch
angeordnet hat, ist der Entwurf für angedachte Waldpflanzungen mit
ausgesonderten Bäumen aus Baumschulen, die sonst vernichtet würden.
In Karl Karners Aluguss Skulptur „Feed“ (2025) [5][haben sich dann Wespen
häuslich niedergelassen. Mit ihrem Nest] scheint das Konzept der Plastik
erst richtig aufzugehen, die der Bildhauer und gelernte Kunstgießer im
Verfahren des Wachsausschmelzens erstellt hat, wobei er Äste, Blüten und
Samen in die organisch fließende Form integrierte. Neu zu entdecken sind
auch Sofia Goscinskis „Desert Plants“ (2020–25), von Kakteen inspirierte,
fragile Stelen aus Beton und Bronze, die sich zu einer scheinbar die Zeiten
überdauernden Pflanzung gruppieren.
30 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.meisse.de/
(DIR) [2] https://wasmuth-verlag.de/blog/archetypen-der-architektur-und-landschaft-fotografien-von-maximilian-meisse/
(DIR) [3] /Die-Kunst-der-Woche/!5938922
(DIR) [4] https://www.schlossgut-schwante.de/guide
(DIR) [5] /Die-Wespe-das-unterschaetzte-Insekt/!5335445
## AUTOREN
(DIR) Brigitte Werneburg
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