# taz.de -- Wie über Migration gesprochen wird: Revue der Fremd-Wörter
> Das aktuelle Vokabular für den Umgang mit Migration zeigt vor allem
> eines: Sie richtet sich allgemein gegen ein „zu viel an Anderen“.
(IMG) Bild: Auch die rassistischen Proteste in Belfast richteten sich gegen Migranten
Manchmal kann kommentieren auch bedeuten, die Ereignisse der letzten Zeit
Revue passieren zu lassen. Dabei sieht man, wie die verschiedenen Szenen
ein Gesamttableau ergeben. Wie die unterschiedlichen Worte eine Sprache
bilden. Im vorliegenden Fall geht es um den Umgang mit Anderen, mit
Fremden. Um die Sprache, die diesen Umgang bestimmt. Fremd-Wörter
sozusagen.
Den Auftakt machte der US-amerikanische Kriegsminister. Er gab das
Leitmotiv vor. Dazu nutzte er ausgerechnet seine Rede beim Jahrestag des
D-Days, dem Gedenken an die Landung der Alliierten 1944. Größer könnte die
Verkehrung nicht sein. Damals bildete die Landung der US-Soldaten den
Auftakt zur Befreiung vom Nationalsozialismus. In einer absurden Analogie
verglich Pete Hegseth diese mit der heutigen Ankunft von Asylsuchenden und
warnte: Dies sei eine „Invasion“: Europäische Strände würden heute von
Männern mit einer gefährlichen Ideologie gestürmt: „Wann werden die
europäischen Hauptstädte etwas gegen diese Invasion unternehmen?“
Wie ein Echo darauf nimmt sich das [1][Treffen rechtsextremer Aktivisten in
Portugal aus – organisiert von Martin Sellner], dem ehemaligen Chef der
österreichischen Identitären. Das Leitmotiv der völkischen Aktivisten ist
gewissermaßen die exakte Antwort auf das, was als „Invasion“ bezeichnet
wird: nämlich „Remigration“ und „Reconquista“ – also Rückeroberung. Das
bedeutet nicht weniger als den Stopp beziehungsweise die Rückabwicklung
aller nicht-westlichen Immigration. Unterstützt wird dieses Vorhaben von
AfD- ebenso wie von FPÖ-Politikern. Mit dem Überraschungsgast Gregory
Bovino, ehemaliger Chef des US-Grenzschutzes.
In Belfast konnte man dann sehen, wie so ein Projekt ausschaut, wenn es
sich auf die Straße übersetzt. [2][Nach dem tödlichen Messerattentat eines
sudanesischen Migranten wuchsen sich die Proteste innerhalb kürzester Zeit
zu massiven Unruhen aus]. Unter der Ägide von rechtsradikalen Aktivisten.
Und unterstützt durch Postings von Elon Musk. Erst gingen Müllcontainer,
dann Autos, dann Häuser in Flammen auf. Brandbeschleunigung sozusagen.
Angezündet von „maskierten Männern, die Familien aus ihren Häusern
vertreiben, indem sie sie niederbrennen“, so beschrieb die nordirische
Regierungschefin Michelle O'Neill das Szenario.
## Sprache von Invasion und Remigration
Aber die Sprache von Invasion und Remigration übersetzt sich nicht nur in
rechtsradikale Ausschreitungen. Sie bestimmt nicht nur die Ränder. Längst
ist sie in die Mitte eingedrungen. In die Mitte Europas. Hier trifft sie
auf ein völlig überfordertes, ineffizientes europäisches Asylsystem. Dieses
soll nun durch das „Gemeinsame Europäische Asylsystem“ erneuert werden.
Das rechte Aggressionsvokabular wird hier durch eine gemäßigtere Wortwahl
ersetzt. So wird Invasion und Remigration in das scheinbar neutrale, einzig
der Effizienz verpflichtete „Border-Management“ übersetzt. Eine harmlose
Bezeichnung für das, was an den Grenzen Europas Abschottung, Abschreckung,
Abschiebezentren, Kooperation mit Drittstaaten bedeutet.
Aber damit ist das Problem noch nicht erschöpft. Ausgerechnet die Schweiz
führte vor, dass dieses weit über diese bekannten Szenarien hinausgeht.
Eine Volksinitiative wollte die Einwohnerzahl des Landes strikt auf 10
Millionen begrenzen. Angesichts der eminenten ökonomischen Auswirkungen,
die das gehabt hätte, war die Ablehnung erstaunlich knapp.
## „Begrenzungsinitiative“ und „Dichtestress“
Was sich hier aber zeigte, ist nicht zu unterschätzen: Mittlerweile wird
jede Migration zum Problem. Nicht nur nicht-westliche. Denn die Initiative
zielte auch auf Deutsche, Italiener, Franzosen, die sich hier angesiedelt
haben.
Die „Begrenzungsinitiative“ richtete sich allgemein gegen ein zu viel an
Anderen: zu viele, mit denen man Raum, Jobs, Wohlstand teilen muss. Sie
richtete sich gegen eine Überfüllung, die das Land – angeblich –
überfordert. Und auch für diese Ausweitung der Problematik gibt es einen
passenden Terminus. Die psychische und physische Belastung durch zu viele
Andere hat es zu einem eigenen Begriff gebracht: „Dichtestress“.
Erst damit ist das Vokabular der Fremd-Wörter komplett.
23 Jun 2026
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