# taz.de -- Die Fälle Pelicot und Fernandes: Die Rückkehr der Ur-Horde
       
       > Auch Perversionen ändern sich. Etwa, auf welche Art Frauen heute zum
       > totalen Objekt erklärt werden kann. Die Fälle Pelicot und Fernandes nach
       > Freud.
       
 (IMG) Bild: Was bei einer solchen Auslöschung der weiblichen Subjektposition zurückbleibt, ist eine Gemeinschaft von Männern
       
       So wie das Normale historisch ist, sich also mit der Gesellschaft
       verändert, so ist es auch mit dem, was als Abweichung gilt: Perversion
       meint nicht immer dasselbe. Das bedeutet, dass es heute neue Formen von
       Perversion gibt.
       
       Das hatte schon der Fall Pelicot sichtbar gemacht. Auch die Vorwürfe im
       Fall Collien Fernandes/Christian Ulmen werfen – bei allen Unterschieden –
       ähnliche Fragen auf. Ob eine Ehefrau real anderen Männern ausgeliefert wird
       oder ob, wie im Fall Ulmen vorgeworfen, ihre Identität virtuell missbraucht
       worden sein soll: In beiden Konstellationen stellt sich die Frage, welche
       Fantasie, welche Machtordnung in einem solchen Handeln sichtbar wird. Was
       wäre – sofern die Vorwürfe zutreffen – der Lustgewinn daran?
       
       [1][Das sind Fragen, die nicht dem Täterschutz dienen.] Denn Perversionen
       geben immer Aufschluss über die Gesellschaft. Sie sind deren spezifische
       Kehrseite. Anders gesagt: Jede Gesellschaft entwickelt jene Perversionen,
       die ihr entsprechen.
       
       Wie aber ist das in einer Gesellschaft, die die sexuelle Freiheit derart
       erweitert hat? Wenn eine Gesellschaft nicht mehr die Unterdrückung der
       Triebe verlangt, wenn diese in vielfältigsten Formen ausgelebt werden
       können, dann verschiebt sich die Grenze zwischen Erlaubtem und Verbotenem.
       
       ## Verschiebung vom Vollzug auf den Willen
       
       Heute hängt diese Grenze nicht mehr am unmittelbaren Sexualakt, sondern an
       etwas anderem: am Moment des Einverständnisses. Damit verschiebt sie sich
       vom Vollzug auf den Willen der Beteiligten. So hat Dominique Pelicot, der
       seine Ehefrau über Jahre mit K.-o.-Tropfen betäubt und anderen Männern zur
       freien Verfügung angeboten hat, sie im Internet unter dem Titel inseriert:
       „Ohne ihr Wissen“.
       
       In der Zeit eines „neuen sexuellen Taktgefühls“, das auf Einverständnis und
       Respekt beruht (so die Soziologin Irène Théry), bildet dieses „ohne“ den
       größtmöglichen Gegensatz, den wahren Transgress. Die Frau sagt nicht Nein.
       Es geschieht nicht einfach gegen ihren Willen, sondern gänzlich ohne
       diesen.
       
       Neu ist nicht der Wunsch, jemanden ganz und gar zu besitzen. Aber neu ist
       der völlige Verzicht auf das Begehren der Frau, das gänzliche
       Durchstreichen ihrer Person. Nicht nur metaphorisch, sondern ganz effektiv
       wird sie zum reinen Objekt, über das man eine völlige Verfügungsgewalt hat.
       
       Auch im Fall Ulmen/Fernandes steht der Vorwurf eines „ohne ihr Wissen“ im
       Raum – wenn auch anderer Art. Fernandes wirft Ulmen vor, unter ihrem Namen
       Männer angeschrieben und in diesem Zusammenhang pornografisch anmutendes
       Material verbreitet zu haben. Ulmen bestreitet zentrale Vorwürfe; für ihn
       gilt die Unschuldsvermutung. Wenn man die Vorwürfe als Struktur betrachtet,
       erscheint hier ein „ohne“ durch Identitätsaneignung: ohne ihr Wissen und
       ohne ihre eigene Stimme.
       
       ## Temporäre Auslöschung der Frau
       
       Was bei einer solchen – realen oder behaupteten – Auslöschung der
       weiblichen Subjektposition zurückbleibt, ist eine Gemeinschaft von Männern.
       Diese bildet dann eine merkwürdige Neuversion von dem, was Freud die
       Ur-Horde genannt hat. Bei dieser war der Ur-Vater der unumschränkte
       Herrscher der Horde, der Einzige, dem sexuelle Befriedigung zustand. Die
       Söhne waren zur Abstinenz gezwungen.
       
       In der pervertierten Neufassung dominiert jemand wie Pelicot nicht durch
       privilegiertes Genießen, sondern durch Macht. Eine Allmacht nicht nur über
       die Frau – sondern auch über die anderen Männer, die er bei ihrem Tun
       filmte und bewertete. (Er hortete die Dokumente in dem Ordner
       „Missbrauch“!) In dieser Perversion wird die Machtausübung, die Auslöschung
       des Wollens der anderen, über die sexuelle Befriedigung gestellt. Diese
       Macht wird libidinös besetzt. Lustgewinn durch Omnipotenz sozusagen.
       
       Der Fall Ulmen bietet eine andere Version davon: Ulmen ist nicht der
       Ur-Vater. Hier mutiert die Männergemeinschaft zur Brüderhorde. Schon bei
       Freud behalf sich diese durch Homosexualität, um dem despotischen Vater zu
       entgehen. Wozu aber braucht es heute, wo Homosexualität ja längst kein Tabu
       mehr ist, solch eines „Umwegs“, solch einer Pervertierung?
       
       In der Logik der Vorwürfe würde der Zugang zu dieser Brüderhorde dadurch
       eröffnet, dass die Identität der Frau angeeignet wird: Nicht sie spricht,
       sondern jemand spricht als sie. Der Fall, wie Fernandes ihn schildert,
       ließe sich damit als Fantasie lesen, in der die Frau nicht mehr Subjekt der
       Kommunikation ist, sondern deren Maske. [2][Es ginge dann nicht nur um
       Erniedrigung, sondern um eine symbolische Auslöschung] der störenden Frau.
       Das ist das Bild, das die Perversionen uns zeigt: Die Kehrseite der
       Liberalisierung erweist sich als Rückkehr der Ur-Horde.
       
       26 May 2026
       
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