# taz.de -- Der gefährliche Erfolg der Rechten: Die Wahlergebnisse geben ihnen recht
> Die FPÖ treibt seit Jahren die österreichische Politik vor sich her. Hier
> zeigt sich, wie Anbiederung den Rechtsextremen in die Hände spielt.
(IMG) Bild: Knallchargen in Dreifaltigkeit: Triumvirat des Bösen bei 70-Jahr-Feier der FPÖ in der Hofburg, Wien
Für viele Rechtsaußenparteien in Europa gilt die Freiheitliche Partei
Österreichs (FPÖ) als Vorreiter. Unter Jörg Haider erzielte sie mit
rassistischen Kampagnen schon in den 1980ern erste Höhenflüge, zuerst in
Kärnten, dann im ganzen Land. Ihre Regierungsbeteiligung Anfang der 2000er
Jahre brachte Österreich heftige internationale Kritik ein. Heute ist die
FPÖ etabliert und kein großer Aufreger mehr. Sie ist an fünf
Landesregierungen beteiligt – in vier Bundesländern als Juniorpartner, in
der Steiermark stellt sie gar den Landeshauptmann. Nächstes Jahr könnte sie
mit Oberösterreich und Tirol zwei weitere gewichtige Bundesländer blau
einfärben.
In der Parlamentswahl 2024 wurde die FPÖ unter Herbert Kickl erstmals zur
bundesweit stärksten Kraft. Beinahe hätte sie mitregiert, wären die
Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP nicht auf den letzten Metern
gescheitert. Seither liegt die FPÖ durchgehend bei 35 Prozent und mehr,
meilenweit vor allen anderen Parteien. Ihre Kernthemen sind Migration,
EU-Kritik, Teuerung und ein Festhalten an Österreichs Neutralität.
Gewissermaßen ist die FPÖ ein Sonderfall. Sie wurde schon 1956 als
Nachfolgepartei des von Ex-Nazis geprägten „Verband der Unabhängigen“
gegründet. Jahrzehntelang war sie wenig erfolgreich, erst unter Haider
änderte sich das. Heute sieht die AfD die FPÖ als erklärtes Vorbild.
Herbert Kickl und Alice Weidel traten bereits gemeinsam auf, im Juni
feierte die AfD-Spitze das 70-jährige Bestehen der österreichischen
Schwesterpartei mit.
Bei allen historischen Unterschieden: Thematisch, ideologisch und im
politischen Stil trennt die Parteien wenig. Was lässt sich für die
anstehenden ostdeutschen Landtagswahlen also vom (Negativ-)Beispiel
Österreich lernen?
## Learning 1: Die FPÖ ist gekommen, um zu bleiben
Lange galt die FPÖ als bloße Protestpartei gegen die EU, gegen Zuwanderung,
gegen die Klüngelei und die Reformunfähigkeit der Altparteien. Diese Lesart
ist kaum noch haltbar, auch wenn sich die FPÖ immer noch gern so inszeniert
und während der Coronapandemie davon profitierte. Längst hat die FPÖ ihre
Stammwählerschaft aufgebaut. Mittlerweile reicht ihre Basis tief in den
ländlichen Raum, wo früher die konservative ÖVP fast alles dominierte.
Selbst handfeste Skandale ändern nichts an ihrer Beliebtheit. Die
Ibiza-Affäre 2019 ließ die damalige Regierung platzen. Die FPÖ ging in
Opposition, war kurzzeitig im Umfragetief, erholte sich aber binnen
kürzester Zeit. Auch zahlreiche Korruptionsvorwürfe aus jener Zeit blieben
folgenlos. Wer hofft, man müsse Rechtsaußenparteien nur einmal mitregieren
lassen, damit sie sich selbst entzaubern, wird enttäuscht.
## Learning 2: Der Wettlauf nach rechts außen schwächt die politische Mitte
Für den anhaltenden Erfolgslauf der FPÖ gibt es viele Erklärungen: die
jahrzehntelange Parteibuchwirtschaft von ÖVP und SPÖ, der Verweis auf die
„wahren“ Probleme im Land, der „frische“ politische Stil. Doch auch
inhaltlich hat die FPÖ eine Kernkompetenz, und das ist nun mal das
Bespielen des Asyl- und Migrationsthemas.
Sebastian Kurz versuchte ab 2017 mit verschärfter Asylpolitik, der
Schließung der Balkanroute und strikter Message Control, der FPÖ den Wind
aus den Segeln zu nehmen. Kurzfristig gelang das, langfristig legitimierte
es genau jene Themen, mit denen die FPÖ heute wieder wächst.
Auch Kanzler Christian Stocker (ÖVP) übernimmt freiheitliche Rhetorik, wenn
er eine „harte, aber gerechte Asylpolitik“ verfolgt. Das von der ÖVP
forcierte Kopftuchverbot in Schulen, das sich ausdrücklich an muslimische
Mädchen richtet, ist reine Symbolpolitik und dürfte bald vom
Verfassungsgerichtshof gekippt werden. Die Wahlergebnisse geben aber der
FPÖ recht, nicht der ÖVP. Österreich ist das beste Beispiel dafür, dass
Versuche, eine Rechtsaußenpartei rechts außen zu überholen, fast
zwangsläufig schiefgehen.
## Learning 3: Ohne klare Abgrenzung verschiebt sich das Sagbare
Die FPÖ hat verschoben, was politisch sagbar und tragbar ist. Tabubrüche
werden kaum noch als solche wahrgenommen. Vor wenigen Wochen
veröffentlichte [1][die FPÖ einen „Remigrationssong“], der Abschiebungen in
einen Schlagersong verpackt. Auf Youtube wurde das Video mehr als
130.000-mal gesehen, Aufregung löste es aber kaum noch aus.
Auch zu den Identitären fehlt der FPÖ eine glaubwürdige Distanzierung,
Parteichef Kickl verharmloste sie als „NGO von rechts“. Rechtsextreme
Vorfälle aus den hinteren Parteireihen oder im FPÖ-Nahbereich werden
dementiert oder als harmlos abgetan, eine konsequente Abgrenzung bleibt
aus. Wo keine klare Grenze gezogen wird, verschieben sich die Maßstäbe und
die Öffentlichkeit stumpft ab.
## Learning 4: Achtet eure Brandmauer
Eine wirkliche Brandmauer gab es in Österreich ohnehin nie. Schon 1983
koalierte die sozialdemokratische SPÖ unter Fred Sinowatz mit der damals
als liberal geltenden FPÖ, die sich später unter Haider radikalisierte.
Heute sind die Türen vor allem bei der ÖVP weit geöffnet.
Im Bund ohnehin, wo es beinahe zur Zusammenarbeit Stockers mit Kickl
gekommen wäre. Doch auch in fünf Bundesländern regiert die ÖVP mit den
Freiheitlichen, obwohl es Alternativen dafür gegeben hätte. Jede dieser
Koalitionen wurde seitens der Konservativen mit lokalen Besonderheiten oder
menschlichen Qualitäten des rechtsextremen Partners begründet. In Summe
normalisierten sie jedoch die FPÖ als Regierungspartei.
Auch in Ostdeutschland ist diese Erosion bereits im Gang. Auf kommunaler
Ebene stimmten demokratische Parteien hunderte Male AfD-Anträgen zu, und
auch parteiintern gerät der [2][Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU]
zunehmend unter Druck. Aus vielen kleinen Ausnahmen wird eine neue
Normalität.
Aus Österreich lässt sich vor allem [3][lernen, was nicht funktioniert].
Das Abwarten auf die selbstheilende Kraft der Regierungsverantwortung. Die
inhaltliche Anbiederung der Mitte. Das Wegsehen bei Verflechtungen in
rechtsextreme Milieus. Eine Partei, der man wiederholte
Grenzüberschreitungen durchgehen lässt und inhaltlich nichts
entgegenzusetzen hat, wird dadurch nicht moderater. Vielmehr wird das ganze
Land rechter.
2 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=27Pbo4zHiC4&list=RD27Pbo4zHiC4&start_radio=1
(DIR) [2] /Unvereinbarkeitsbeschluss-der-CDU/!6031425
(DIR) [3] /Ilko-Sascha-Kowalczuk-ueber-die-AfD/!6196841
## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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