# taz.de -- Marine Le Pens Kampagne für Klimaanlagen: Autoritär heißt heute, keine Regulierung zu akzeptieren
       
       > Marine Le Pen stellt ihren „Großen Klimatisierungsplan“ vor. Die
       > Initiative geht einher mit einem symptomatischen Vorwurf gegen die
       > französischen Grünen.
       
 (IMG) Bild: Marine Le Pen fordert Klimaanlagen gegen die Hitze, flächendeckend. Wer das kritisch sieht gilt den Rechten als „autoritär“
       
       Es war während einer dieser unerträglichen Hitzewellen. Nunmehr ist man in
       Frankreich längst bei der nächsten angelangt. Und jedes Mal klingt es
       erneut wie eine Verheißung: flächendeckende Klimaanlagen. Genau das sieht
       Marine Le Pens „Großer Klimatisierungsplan“ vor. Der Staat solle Schulen,
       Spitäler, Altersheime mit entsprechenden Geräten ausstatten sowie deren
       private Installierung unterstützen und fördern.
       
       [1][Die massive Hitze ist für alle eine Belastung]. Insbesondere ungekühlte
       öffentliche Räume – wie etwa Krankenhäuser – sind eine Zumutung. Kein
       Wunder also, dass der Vorschlag viele offene Ohren fand (zumal in
       Frankreich, das immer wieder so etwas wie der Hotspot der Hitzewelle ist).
       Auch wenn diese Forderung von Le Pen kam.
       
       Es ist dies ein ebenso geschickter wie erstaunlicher Schachzug der
       Rechts-außen-Politikerin.
       
       Erstaunlich ist er, denn bisher gehörte sie zur [2][Phalanx der
       Klimawandelleugner]. Nun aber will sie die Symptome von dem, was es für sie
       nicht gibt, bekämpfen. Insofern ist es keine kleine Ironie, wenn nun in
       Frankreich ausgerechnet die radikalen Rechten von der Klimakrise
       profitieren.
       
       ## Gesunder Menschenverstand als Tarnung
       
       Geschickt aber ist Le Pens Vorstoß insofern, als er sich einfach als
       vernünftig ausgibt. Besser gesagt: als Inbegriff des gesunden
       Menschenverstands. Ihre Forderung mag durchaus berechtigt sein – rein
       sachlich aber ist sie sicher nicht. Auch wenn sie sich so ausgibt. Denn
       nicht zufällig geht sie mit einem symptomatischen Vorwurf gegen die Grünen
       einher: Für diese seien, so Le Pen, Klimaanlagen „rechts“. Deshalb würden
       sie diese ablehnen. Deshalb wollten sie diese verbieten und würden
       stattdessen Verhaltensregulierung aller Art fordern. So weit Le Pen.
       
       Jenseits der Problematik, dass solche Geräte nur das Symptom – die Hitze –
       behandeln. Dass sie zwar unmittelbar notwendig sind – keine Frage –, aber
       keine grundlegende Lösung des Problems bieten. Dass es weitreichenderer und
       grundsätzlicherer Maßnahmen bedarf. Mehr noch: dass Klimageräte das Problem
       noch steigern, weil sie zur weiteren Aufheizung beitragen. Jenseits von
       alledem aber sind solche Geräte natürlich nicht politisch – weder links
       noch rechts.
       
       Politisch aber ist, wie sie eingesetzt, wie sie zum Spielball gemacht
       werden. Sie dienen dazu, „autoritäre“ Regulierung von „freier“
       Nichtregulierung zu unterscheiden.
       
       ## Faschismus als Negativfolie
       
       [3][Jan-Philipp Reemtsma hat kürzlich eine Debatte ausgelöst. Er hat in der
       FAZ die Frage aufgeworfen, ob der Faschismusbegriff noch dazu tauge, die
       Realität zu analysieren]. Der Literaturwissenschaftler verneint dies.
       Ständig vor dem Faschismus zu warnen, diene nur der „wechselseitigen
       Vergewisserung“ der Warner.
       
       Aber vielleicht sollte man es genau andersherum machen. Genau umgekehrt.
       
       Vielleicht sollte man den Begriff des Faschismus nicht dazu gebrauchen, um
       Kontinuitäten auszumachen, sondern vielmehr Unterschiede: nicht als
       Wiederkehr von etwas Altem, nicht als Referenz – sondern vielmehr als
       Negativfolie.
       
       ## Verbote gelten als „Diktatur“
       
       Und da zeigt sich: Der historische Faschismus traf auf eine
       Disziplinargesellschaft, auf disziplinierte Subjekte. Auch wenn diese
       Gesellschaft längst in der Krise war. Der Faschismus war gewissermaßen die
       Fortsetzung davon: Gleichschritt, Gleichschaltung, Aufmärsche.
       
       Heute treffen autoritäre Tendenzen auf eine ganz andere Gesellschaft: auf
       Subjekte, die keinerlei Einschränkung wollen, akzeptieren, tolerieren. Und
       der neue Autoritarismus setzt genau das fort. Insofern ist er eben nicht
       die Wiederkehr des alten Faschismus. Es sind neue autoritäre Tendenzen, die
       gewissermaßen genau umgekehrt funktionieren. Autoritär heißt heute,
       keinerlei Regulierung akzeptieren. Deshalb gilt für die neuen Autoritären
       jedes Verbot als „Diktatur“.
       
       Und genau dafür ist Le Pens Vorstoß symptomatisch. Nicht weil Klimaanlagen
       rechts oder links wären – sondern weil ihr Verdikt über die Grünen als
       Verbotspartei genau dieser Verkehrung folgt. Sie gelten den Autoritären,
       die jede Einschränkung zurückweisen, als „autoritär“. Das ist die verquere
       Logik des neuen Autoritarismus – der vielleicht einer neuen Benennung
       bedarf.
       
       28 Jul 2026
       
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