# taz.de -- Konzert von Sängerin Aldous Harding: Wortkarg, schwankend, exzentrisch
       
       > Der neuseeländische Popstar Aldous Harding hat bei seinem Konzert im
       > Berliner Huxleys am Sonntag dringend benötigte Kühle in die überhitzte
       > Stadt gebracht.
       
 (IMG) Bild: Ein Durchdeklinieren der Merkwürdigkeiten: Aldous Harding auf der Bühne
       
       Als die neuseeländische Königin des Verschrobenen, Aldous Harding, die
       Bühne des Berliner Huxleys betritt, kippt die Stimmung im Saal ins Sakrale.
       Schon die geisterhafte Klimaanlagenkälte und die blaue Dunkelheit hier
       oben, über dem Baumarktparkplatz, standen beim Betreten des Raums in
       bizarrem Kontrast zum davor hitzehechelnden Herrmannplatz, der lärmenden
       Fête de la musique in den umliegenden Straßen und der stechenden
       Abendsonne. Doch nun, als Harding in glänzendem Baseballblouson, ihre Arme
       um sich selbst geschlungen, „Train on the Island“, den titelgebenden Song
       ihres kürzlich veröffentlichten Albums anstimmt, versinkt die Menge im
       andächtig Anderen.
       
       Als melodisch-zugänglicher wird ihre letzte Veröffentlichung beschrieben,
       doch Hardings ganz eigener, mythischer Exzentrik tut dies keinen Abbruch.
       In schwankenden Bewegungen windet die Sängerin ihre Hände, drückt etwas
       schützend, streichelnd an ihren Körper, was man nicht erkennen kann, bis
       man versteht, dass da nichts ist, [1][nur die bizarre Gestik und diese für
       sie so typischen kehligen Klänge]; und, dass es vielleicht genau dieser
       immaterielle Klang ist, um den die 36-Jährige sich da windet, während im
       Hintergrund ein vogelähnlicher Synthesizer fiepst.
       
       Was folgt, ist Stille. Sie wird sich durch den Abend ziehen und damit das
       eindringlichste Geräusch werden, welches Harding auf diesem Konzert
       erzwingt. Dann ruft jemand „Wooooohoooo“. Auch das ein wiederkehrender
       Klang, leitet der ohrenscheinlich gleiche Rufer doch nach fast allen der
       gespielten Songs damit den begeisterten Applaus des Publikums ein, das,
       bestehend aus einer Menge bildenden Künstlern, Architekten mit schicken
       Brillen, Lichterfelder Nepo-Baby-Influencer, Charlottenburger Großmüttern,
       jede Menge schwangerer Frauen und
       Devendra-Banhart-in-allen-Phasen-Lookalikes mit glänzenden Augen,
       vereinzelt oder zu Paaren verschlungen mit großer Ernsthaftigkeit der
       Performance lauscht.
       
       ## Starre Mimik
       
       Und was für eine Performance das ist. Ein Durchdeklinieren der
       Merkwürdigkeit, die hier, in Hardings Fall ganz wörtlich zu nehmen ist.
       Jede ihrer Gesten möchte man sich einprägen, jedes
       abgebrochen-geschleuderte Handgelenk, jedes müde Schulterzucken, jedes
       Beinschlendern, jedes Atmen, jede Ambivalenz im Schlucken der Töne, der
       starren Mimik. Und diese fremdartige Bewegung, als sei sie der
       geschmeidigste Stock, wenn sie sich bei „Fever“, einem der Songs des
       vorangegangenen Albums, auf den Boden legt und kurz ins Mikro schluckt,
       bevor sie „Coats“ anstimmt, eins dieser toll-lyrisch verrätselten neuen
       Lieder: „Big thick coats on the dogs of people/Just trying to help“
       („Dicke, schwere Mäntel an den Hunden der Leute / ich will doch nur
       helfen“), wie es im Refrain heißt.
       
       Das aufmerksame Zuhören gilt auch für die Bühne. Die Präzision, mit der
       Hardings Bandkollegen all diese Töne produzieren, erfordert Konzentration
       auf allen Seiten. Da sind spukende Orgelklänge („If Lady Does it“),
       reibende Stahlbesen („San Francisco“) und überhaupt die hypnotisierenden
       Schlagzeughände des seitlich sitzenden Sebastian Rochford.
       
       Meist ist es [2][die deutsche Chanteuse Nico zu Velvet Underground-
       Zeiten], mit der Aldous Hardings Tamborinvorliebe und Bereitwilligkeit zum
       geplante Abrutschen ins Knirschende verglichen wird, doch kommt einem auch
       die Seriösität des späten Lou Reed in den Sinn, beobachtet man das
       Wortkarge, ein Bewusstsein der eigenen Performanz bei gleichzeitigem
       Ignorieren des Publikums. Nur wenig Kommunikation von Aldous Harding
       richtet sich in den Raum. Kurz vor Schluss der einzige klare Satz: „Im
       happy to be here, thank you so much“. Was für eine schlichte, schöne und an
       diesem Abend so allgemeingültige Wahrheit.
       
       22 Jun 2026
       
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