# taz.de -- Neues Album von Aldous Harding: Gestaltwandlerin im Wassertank
> Die Neuseeländerin Aldous Harding bleibt in den Liedtexten ihres neuen
> Albums „Train on the Island“ rätselhaft. Die Musik klingt dafür umso
> zugänglicher.
(IMG) Bild: Zurück zur Natur: Aldous Harding
Wer sich Sorgen macht, Aldous Harding könne ihre eigene Weirdness
abhandenkommen, also genau das, wofür sie von ihrem Publikum verehrt wird,
kann beim Anschauen des Videoclips zum Song „One Stop“ entspannen. Die
Vorabsingle klingt zwar genau wie das dazugehörige neue Album „Train on the
Island“, noch geschmeidiger und zugänglicher als die auch schon recht
einschmeichelnden Vorgänger „Designer“ (2019) und [1][„Warm Chris“ (2022).]
Ihr aktuelles Material ist also weit weg vom kargen Frühwerk der
neuseeländischen Künstlerin, das seinerzeit gerne „Gothic Folk“ gelabelt
wurde.
Doch der höchst unbehagliche Kurzfilm für „One Stop“ führt Harding weit
abseits von folkiger Indie-Gemütlichkeit: Eingesperrt in einen leeren
Wassertank aus Beton führt sie darin einen wilden Tanz auf. Ihre
schlangenartigen Verrenkungen bringen sie zum Keuchen und Schwitzen, ihr
Blick wirkt gequält. Zwischendurch muss sie sich hinlegen. Warum sich die
36-Jährige für die Kunst überhaupt so verausgabt, bleibt unklar. Der
klaustrophoben Situation zu entrinnen, scheint gar nicht ihr Ziel zu sein.
Freude an der Bewegung erst recht nicht. Zum Ende hin meint man ein „what
the fuck“ von ihren Lippen abzulesen.
Der Songtext wirkt nicht minder verrätselt. Unter anderem geht es um die
Rückkehr an einen Ort, den Harding einmal gut kannte; nun oszilliert sie
zwischen Vertrautheit und Entfremdung. Inwiefern eigenen Erinnerungen, auf
die sich unsere Identität stützt, überhaupt zu trauen ist? „I’m gonna write
what I know / Things I ain’t known for a long time.“
„One Stop“ erweist sich auch musikalisch als Shapeshifter, mit Hardings
Stimme und einem repetitiven Klavier als Konstanten: Atmosphäre,
Instrumentierung und Rhythmen werden immer neu austariert, stete
Verschiebungen unter der fluffigen Oberfläche offenbaren sich nur langsam.
Ihre Singstimme setzt sie auf eine Weise ein, die man immer noch
chamäleonhaft nennen kann, auch wenn sie diesmal weniger übertrieben
moduliert. Dass sie in verschiedenen Stimmen, Dialekten und Tonlagen singt,
war bislang ihr vieldiskutiertes Alleinstellungsmerkmal.
## Verlorene Unschuld
Vermutlich muss man sich der enigmatischen Musikerin gar nicht nähern, um
ihr Rätsel zu knacken, wie es Fans und Kritiker:innen gerne tun. Besser
wäre, sich einfach von der surrealen Anmutung sanft durchschütteln zu
lassen. Etwa beim Albumauftakt „I Ate the Most“, der über pulsierendes
Synthie-Geplucker immer neue Fährten legt, die im Sand verlaufen:
Essstörungen, sexuelle Identität. Es bleibt das Gefühl verlorener Unschuld,
jedoch frei von Pathos: „No regrets, just things that will haunt me / Maybe
I’ll bury them“.
Auch das fünfte Album von Aldous Harding ist zusammen mit ihrem
langjährigen Weggefährten John Parish entstanden, weithin bekannt als
Leib-und-Magen-Produzent von [2][PJ Harvey.] Seine luftige Produktionsweise
gibt der warmen Instrumentierung Raum zum Atmen. Neben der Harfenistin Mali
Llywelyn, dem Pedal-Steel-Gitarristen Joe Harvey-Whyte, Synth-Künstler
Thomas Poli und dem Schlagzeuger Sebastian Rochford ist es Hardings
Ex-Partner Huw Evans alias H. Hawkline, der mit Bass, Orgel und Gitarre die
minimalistischen Arrangements in subtil flirrenden Klang verwandelt.
H. Hawkline tritt zudem als Duettpartner in Erscheinung. Beim melodiösen
„Venus in the Zinnia“, dem beschwingtesten Song des Albums, transportiert
schon das Video sonnige Entspanntheit. Für potenzielle Abgründigkeit sorgen
aber auch hier enigmatische Lyrics. Zeilen wie „I cut my hair, nobody loved
it / Thank you for sharing“ knipsen ein Kopfkino an, das signalisiert: Nix
ist, wie es scheint – selbst wenn der weitere Zusammenhang auch hier ein
Rätsel bleibt.
7 May 2026
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## AUTOREN
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