# taz.de -- Neues Album von Hanna Fearns: Diese Musik ist Kummer gewohnt
       
       > „Are you alright?“ von Hanna Fearns nimmt Countrymusik als Ausgangspunkt
       > für eine seelische Erkundung von Resilienz jenseits der
       > Americana-Klischees.
       
 (IMG) Bild: Country und Western auf dem Sofa: Hanna Fearns
       
       Auf diesem Album ist immer drei Uhr morgens. Straßenlaternen flimmern, der
       helllichte Tag hat seinen Lärm verloren. Es ist die Zeit der
       Küchengespräche, ein Ort für emotionale Offenbarungen. In diesem
       atmosphärischen Zwielicht siedelt Hanna Fearns ihr drittes Album „Are you
       alright?“ an. Zwischen Gitarren, Klavier und großzügigen Hallräumen
       verwandelt sie in den Songs eigenen und fremden Kummer in warmen,
       [1][modifizierten Country] und fragt sich selbst und andere: Geht es dir
       gut?
       
       Dass diesem Album eine schmerzhafte Erfahrung vorausgegangen sein muss,
       gibt Fearns preis: „I hate that you make me feel like shit“, singt sie
       unverblümt. Kummer kann sehr ergiebig sein, wenn es um das Auswringen von
       Krisen geht. Fearns’ Tränen finden direkt im zweiten Song Worte, wenn sie
       von Sucht und innerer Zerrissenheit singt. Ein schöner und melancholischer
       Einstieg, der so vor sich hin plätschert und Reverb an den richtigen
       Stellen einsetzt – ein bisschen Echo hier, ein bisschen Echo da.
       
       Genauso vielseitig wie Fearns’ Stimme, die mal laut, mal leise, aber immer
       tief und unprätentiös klingt, ist die musikalische Ausrichtung von „Are you
       alright?“. „Radio Silence“ hebt sich durch poppige Melodien von den
       restlichen Songs dieses Albums ab. Ganz ruhig hingegen klingt „Brighton“.
       Nicht flehentlich, auch nicht verzweifelt, dafür spürbar ergriffen.
       
       Zwei Alben hat die 59-jährige Wahlkölnerin bereits veröffentlicht. Nach
       acht Jahren Pause hat Fearns in der Zwischenzeit Geschichten gesammelt für
       Songs über Menschen und ihre Sorgen. Aber: Fearns dreht sich auf „Are you
       alright?“ nicht etwa in der Umlaufbahn ihres Egos, sondern sucht in den
       seelischen Labyrinthen anderer nach Erzählstoff. Bei „It’s just ink“ geht
       es um Menschen, die andere Menschen nicht gut behandeln, oder um eine
       Ärztin, die zur Therapie rät. Chapeau für so viel Zugewandtheit in den
       Songtexten.
       
       ## Man kriegt, was man hört
       
       Fearns verpackt nichts, sie verwendet kaum metaphorische Sprache,
       verdichtet auch nicht zu poetischen Chiffren. Stattdessen bleiben ihre
       Texte auf der Ebene des Gesagten und verzichten auf symbolhafte Überhöhung.
       So hält sie ihre Texte etwas schmucklos, und wahrscheinlich ist es diese
       Einfachheit der Songpoesie, die sie unmittelbar und zugänglich machen.
       [2][Größeres poetisches Wagnis] würde dem Album dennoch mehr Tiefenschärfe
       verleihen.
       
       Im Laufe des Albums findet ein sukzessiver Schlagabtausch zwischen
       Melancholie und Mystik statt – [3][es wird düster]. Fearns macht ihre Sache
       so gut, dass man sofort merkt: Sie ist lange in ihrem musikalischen Terrain
       unterwegs. „Are you alright?“ verschreibt sich klar dem Country-Genre, das
       sich mittlerweile von seinen traditionellen US-Wurzeln loslöst und
       inklusiver und globaler geworden ist. Das zeigt sich etwa im Song „I wanna
       leave“, der sich zwischen den klassischen Westernklängen eine erfrischende
       ungezähmte Seite bewahrt.
       
       Unauffällig fügt sich auch „Angels are carrying light“ in die gebrochene
       Americana-Adaption ein, die leicht pathetische Assoziationen des US-Traums
       weckt: weite Landschaften und unendliche Möglichkeiten. Diese Sehnsucht tut
       dem Album gut: Je weiter es voranschreitet, desto stimmiger klingt seine
       Musik.
       
       Fearns drittes Album schwebt in somnambulen Sphären. Die Hallräume und das
       zurückgenommene Tempo verleihen einigen Stücken eine nächtliche Atmosphäre.
       In diesem Zwielicht entfaltet die Musik eine Stimmung, die an Sofia
       Coppolas sehnsüchtige Bildwelten ebenso erinnert wie an die traumlogische
       Fremdheit von David Lynch – als würden Mazzy Star einen Auftritt in
       „[4][Twin Peaks]“ haben.
       
       Mit ihrem Album stellt Fearns Nähe her, indem sie Menschen an ihrem und dem
       Innenleben anderer teilhaben lässt. Es ist Musik über Verletzlichkeit und
       Unsicherheit, über die Fragilität der Seele. Und über die gleichzeitige
       Resilienz, von der Fearns überzeugt ist: Es wird alles gut werden. Uns wird
       es wieder gut gehen.
       
       16 Jul 2026
       
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