# taz.de -- Jason Williamson über die Weltlage: „Wir befinden uns längst in der Postapokalypse“
       
       > Jason Williamson über Klassismus, Gespräche mit sich selbst und die
       > Stimmenvielfalt auf dem neuen Album des britischen Elektropunk-Duos
       > Sleaford Mods.
       
 (IMG) Bild: Komponist Andrew Fearn (links) und Texter und Sänger Jason Williamson entwickeln ihr Projekt Sleaford Mods immer weiter
       
       taz: Jason Williamson, bisher assoziierte man den Sound der Sleaford Mods
       eher mit wütenden Tiraden und sarkastischen Kommentaren. Auf Ihrem neuen
       Album hat man den Eindruck, einem Hörspiel zu lauschen: Verschiedene
       Stimmen nehmen unterschiedliche Perspektiven ein. Was veranlasste den
       Wandel? 
       
       Jason Williamson: Das war weniger eine konzeptuelle Entscheidung, als dass
       es sich einfach ergeben hat. Bestimmte Passagen der neuen Songs konnte ich
       nicht singen. Also suchten wir nach KollegInnen, die das statt meiner tun.
       Dass es immer mehr wurden, fühlte sich stimmig an – gar nicht willkürlich,
       wie es oft passiert, wenn ein Gaststar nach dem anderen als Feature eines
       Albums aus dem Hut gezaubert wird. Deshalb stehen charakteristische Stimmen
       für konkrete Songideen.
       
       taz: Bei der Vorab-Single „The Good Life“ ist neben dem Soul-Punkduo Big
       Special auch die Schauspielerin Gwendolyn Christie zu hören, die dem Song
       einen düsteren, hysterischen Vibe gibt. Wir kennen sie vor allem wegen
       ihrer Rolle als Brienne in der Serie „Game of Thrones“. Wie kam es zur
       Zusammenarbeit? 
       
       Williamson: Wir hegten schon länger den Plan, etwas Gemeinsames zu machen.
       Gwendolyn hatte allerdings noch nie gesungen. Ich schlug vor, dass sie in
       einem Video mitwirkt – das lehnte sie ab. Also textete ich einige Zeilen –
       die sie sich dann eher beiläufig angeeignet hat. Die Aufnahme entstand
       übrigens beim ersten Take.
       
       taz: Worum geht es in dem Stück – die Stimmen bringen ja sehr
       unterschiedliche Gefühlslagen ein?
       
       Williamson: Alle Stimmen nehmen an einem Gespräch teil, das ich immer
       wieder mit mir selbst führe. Es handelt davon, dass ich fast zwanghaft
       KollegInnen runtermache. Seit ich in Therapie bin, ist mir klarer geworden,
       warum das geschieht: aus Neid und Eifersucht. Andere Bands bekamen mehr
       Aufmerksamkeit und sprachen ein breiteres Publikum an. In dem Song gibt es
       verschiedene Perspektiven. Die Tirade zum Auftakt spricht mein altes
       Selbst, das kritisiert. Big Special übernehmen den Gesangspart, der zeigt,
       dass einvernehmliches Miteinander möglich ist. Und Gwendolyns Zeilen bilden
       meinen widerstreitenden inneren Dialog ab.
       
       taz: An der Postpunk-Band Idles haben Sie sich abgearbeitet, weil diese in
       Ihren Augen eine Arbeiterklassen-Position einnimmt und sozialkritische
       Themen auf eine Weise aufgreift, die Sie als kaum glaubwürdig empfinden.
       Klassenkonflikte sind nicht ungewöhnlich in der britischen Popkultur.
       
       Williamson: Rückblickend kann ich sagen: Selbst wenn die Idles auf einen
       Zug aufgesprungen sind, könnte mir das egal sein. Mich frustriert vor
       allem, was ich als Muster wahrnehme: dass Musiker:innen mit
       Working-Class-Background zurückgedrängt werden, während von Haus aus
       privilegierte Menschen immer mehr Gatekeeper-Positionen besetzen, in der
       Musikindustrie und auch sonst in der britischen Gesellschaft.
       
       taz: Das wird verschärft dadurch, dass die Lebenshaltungskosten in den
       Großstädten für junge Leute kaum mehr zu stemmen sind. Wer heute nach
       London zieht, um eine Band zu gründen, braucht reiche Eltern.
       
       Williamson: So gesehen bin ich jetzt Teil des Problems. Ich bin inzwischen
       wohlhabend, davon werden meine Kinder profitieren. Sie haben eine
       günstigere Ausgangssituation, verglichen mit Kindern von Leuten, die mit
       dem Mindestlohn auskommen. [1][Doch für meine Wutausbrüche war die
       Inszenierung der Idles eher der Aufhänger als die Ursache.] Oft traf mein
       Ärger Bands, die wenig mit uns zu tun haben und zudem weniger bekannt sind.
       Ich war ziemlich obsessiv.
       
       taz: Unlängst haben Sie dann doch einen Podcast mit Joe Talbot, dem Sänger
       der Idles, gemacht. Warum?
       
       Williamson: Er sagte irgendwann, dass ich ihn mobbe. Meine erste Reaktion
       war: Wie bitte? Doch er hatte recht. Daraufhin habe ich mich bei ihm
       persönlich entschuldigt. Verstehen Sie mich nicht falsch: [2][Ich finde
       nach wie vor, dass es am Zustand der Gesellschaft viel zu kritisieren
       gibt.] Und ich beziehe mich dabei auf Dinge, die ich gut kenne. In den
       meisten Songs des neuen Albums stecken Seitenhiebe auf Künstlerkollegen,
       auch wenn die Anspielungen vielleicht nicht alle verstehen. Das öffentliche
       Kritisieren verkneife ich mir eher.
       
       taz: „Elitist G.O.A.T.“ ist ein weiterer Song auf dem neuen Album, der mit
       einem differenzierten Klangbild überrascht, dank der luftig-leichten Stimme
       der neuseeländischen Folksängerin Aldous Harding.
       
       Williamson: In seiner Demofassung habe ich mich mit dem Stück zunächst
       schwergetan. Inzwischen ist es mein Lieblingssong. Für mich kam die Wende,
       als Andrew hinter dem Keyboard hervorkam und sich zu mir aufs Sofa setzte.
       Statt dass er weiter am Sound feilte – dafür bezahlen wir ja die
       Tontechniker –, arbeiteten wir gemeinsam am Arrangement. [3][Er brachte
       eine neue Ebene ein], die es vorher nicht gab – zugleich ist sie ein „Fuck
       Off“ an alle, die zu wissen glauben, wofür die Sleaford Mods stehen.
       
       taz: Wo finden Sie Ihre musikalische Inspiration?
       
       Williamson: Ich habe seit jeher unterschiedliche Musik gehört, von
       Softpopsänger Kenny Loggins bis hin zu The Jam. Ich bin kein Experte für
       Postpunk oder Rap. Meistens greife ich auf Dinge zurück, die ich in meiner
       Jugend gehört habe. Ehrlich gesagt, tue ich mich eher schwer mit neuer
       Musik. Was mich vor allem fasziniert, sind Leute, die einen Sound
       entwickelt oder ein Genre mit geschaffen haben. Dass jemand die Weichen neu
       gestellt hat, wird oft erst Jahre später klar.
       
       Haben Sie ein Beispiel? 
       
       Williamson: Bei der Arbeit am neuen Album habe ich mich mit dem Werk von
       David Bowie Mitte der 1970er beschäftigt, mit Alben wie „Low“. Vor dem
       Hintergrund, in welchem fragilen Zustand er damals war, finde ich besonders
       interessant, was ihn angetrieben hat, woher Bowie die Entschlossenheit
       nahm, Neues auszuprobieren.
       
       taz: Nach den Verwerfungen, die entstanden sind, seit die Tories im Jahr
       2020 den Brexit durchgeboxt hatten, reagiert seit 2024 in Großbritannien
       die Labour-Partei. Die politische Stimmung im Land ist dadurch kaum besser
       geworden. Aktuell sieht es eher danach aus, als könne bei der nächsten
       Unterhauswahl der Rechtspopulist Nigel Farage gewinnen. Erfüllt Sie diese
       politische Entwicklung mit Sorge?
       
       Williamson: Es wird sicher noch reichlich Gelegenheiten geben, Farage an
       den Karren zu fahren. Vielleicht scheitert er ja auch an sich selbst. Die
       Frage ist, ob das vor oder nach der Wahl passiert. Und ob er überhaupt
       gewinnt – es gibt ja auch noch vernünftige Leute. Andererseits scheint sein
       Gerede, dass Großbritannien von Immigranten überschwemmt wird, wirklich zu
       verfangen. Viele Leute glauben, dass die Flüchtlingsboote, die über den
       Ärmelkanal kommen, unserer eigentliches Problem sind. Was mir auffällt:
       Seit ein, zwei Jahren hängen vielerorts englische Nationalfahnen.
       
       taz: Ich dachte immer, St.-George-Beflaggung sei Folklore von Fußballfans?
       
       Williamson: Die Art, wie die Fahnen präsentiert werden, hat sich verändert.
       Besonders präsent sind sie in Arbeitervierteln von Kleinstädten – nicht da,
       wo die Mittelschicht wohnt. Die Leute befestigen Plastikfähnchen mit
       Gefrierbeutelklammern an Laternenmasten. Alles wirkt superordentlich, mit
       den Fahnen im Mittelpunkt. Ehrlich gesagt erinnert mich diese Ästhetik an
       das Deutschland der 1930er Jahre.
       
       taz: Rechtsruck ist ein globales Phänomen. Neben den sozialen Problemen
       gibt es auch noch die Klimakrise. Ihr Album heißt passenderweise „The
       Demise of Planet X“. Was folgt auf den Untergang?
       
       Williamson: Eigentlich befinden wir uns längst in der Postapokalypse – und
       in einer Spirale von Hoffnungslosigkeit. Letztlich bleibt einem nichts
       anderes übrig, als das Positive im Negativen zu suchen. Damit meine ich
       keineswegs ein happy mindset oder positives Denken. Eher geht es mir darum,
       aus der Misere etwas Kreatives zu machen. Und dem Gefühl, eigentlich
       überflüssig zu sein, etwas entgegenzusetzen. Einfach, um sich seine
       Lebensenergie zu erhalten.
       
       17 Jan 2026
       
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