# taz.de -- Antifaschistische Landpartie: Wenn die Kleinstadthütte brennt
       
       > Antifas aus der Großstadt fahren gern aufs Land, um die Genoss*innen
       > vor Ort zu unterstützen. Aber ist das überhaupt eine Hilfe?
       
 (IMG) Bild: Aus der Stadt auf's Land: Antifa-Demonstration in Bornhagen in Thüringen 2016
       
       Um Bornhagen in Thüringen, knapp 200 Einwohner*innen, blüht der Löwenzahn.
       Plötzlich steigen 200 junge Menschen in Sportklamotten mit Sonnenbrillen
       aus Reisebussen. Sie laufen, Parolen rufend, von Hunderten
       Polizist*innen mit Wasserwerfern begleitet, durchs Dorf. Sie tragen
       Transparente auf denen steht: „Gegen die Idiotie des Landlebens“ und
       „Scheiß Drecksnest“. Dann fahren sie wieder nach Hause.
       
       Zehn Jahre ist das her. Im Mai 2016 hatten antideutsche Gruppen aus Halle
       und Berlin zu einer Demo durch den Wohnort des [1][thüringischen
       AfD-Vorsitzenden Björn Höcke] aufgerufen. Sie richteten sich explizit auch
       gegen „die Provinz“. Die Organisator*innen schrieben danach auf
       Facebook: „Das Dorf ist empört, wir sind erfreut.“
       
       Das war natürlich Provokation. Solche „Strafexpeditionen“, also
       linksautoritäre Stippvisiten, um Aufmerksamkeit auf rechte Landstriche zu
       richten, gibt es kaum noch. Trotzdem berührt die Aktion eine Frage, die
       Antifaschist*innen schon lange diskutieren und die immer noch aktuell
       ist: Sollten Antifas aus der Stadt aufs Land fahren? Und wenn ja: Wann ist
       es gut, wann eher schädlich und wie kann nachhaltige Solidarität aussehen?
       
       ## Ort der Emanzipation
       
       Wenn wir den Gegensatz von Stadt und Land aufmachen, dann ist der
       Antifaschismus eher in der Stadt zuhause und der Faschismus eher auf dem
       Land. Aus radikal linker – und städtischer – Perspektive ist die große
       Stadt der Ort der Emanzipation, die Provinz der des Rückschritts.
       
       Schon Rosa Luxemburg nannte die Peripherie ein „Reservat der Reaktion“. Dem
       deutschen Faschismus dagegen war die große Stadt das Feindbild: lauter
       anonyme, entfremdete, kommunistische, jüdische Perverse. Auf dem Land
       verorteten die Nazis [2][das ursprüngliche, deutsche Leben].
       Vater-Mutter-Kinder, der Gemüsegarten, der Schäferhund.
       
       In der heutigen Realität kommt man mit solchen Kategorien nicht weit. Fast
       sechzig Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben nicht in Großstädten,
       sondern in Dörfern, Klein- und Mittelstädten, auch bekannt als „ländlicher
       Raum“ oder „Provinz“.
       
       Großstadt-Antifas mögen sich mitunter überlegen fühlen, wenn sie durch
       ihren Szenekiez schlendern – vom linken Straßenfest zum besetzten Haus, zur
       linken Kneipe, zum angesagten Club. Aber sie wissen auch, dass keine
       Veränderung zu machen ist, ohne die Provinz mitzunehmen.
       
       Außerdem will man die Genoss*innen in der Provinz nicht hängenlassen,
       die durch ihr Engagement viel mehr riskieren als Großstädter*innen. „Antifa
       heißt Landarbeit“, das ist seit den 90er Jahren auch in den Großstädten
       angekommen.
       
       Aber was heißt „nicht hängenlassen“? Ist es nicht paternalistischer
       Größenwahn, wenn Nachwuchs-Antifas aus Hamburg-Altona in die
       schleswig-holsteinische Kleinstadt fahren, [3][um das von Nazis
       angegriffene Jugendzentrum zu verteidigen]? Welche Straßenerfahrung sollen
       die schon mitbringen? Wer muss dann am Ende wen verteidigen?
       
       ## Bedrohung auf dem Schulhof
       
       Die schlagkräftigste Antifa-Szene findet man nicht in der Großstadt, wo man
       Neonazis eher vom Hörensagen kennt. Sondern da, wo auch die Rechten sind:
       im ländlichen Raum. Die reale, handfeste Bedrohung auf dem Schulhof, im
       Freibad oder an der Bushaltestelle schafft Entschlossenheit und
       Zusammenhalt bei denen, die sich dagegen behaupten müssen.
       
       Wo die linke Szene zu klein ist für die x-te Abspaltung, da schließt man
       lieber die Reihen. In Görlitz, Halberstadt oder Bargteheide ist man trotz
       inhaltlicher Differenzen immer wieder zur Zusammenarbeit gezwungen. In
       Großstädten sieht das ganz anders aus, [4][innerlinke Konflikte sind hier
       an der Tagesordnung] – auch, weil man es sich (vermeintlich) leisten kann.
       
       Die Frage, ob eine von beiden Gruppierungen der anderen überlegen ist – die
       zahlenmäßig stärkere, aber fragmentierte Großstadt-Antifa oder die
       überschaubare, aber handlungsfähigere Kleinstadt-Antifa –, weist vielleicht
       schon auf das Problem hin. Wenn beide auf Augenhöhe wären, wieso sollte es
       dann paternalistisch sein, wenn die eine der anderen hilft?
       
       In vielen kleinen Orten wünschen sich Antifaschist*innen dennoch
       Unterstützung aus der Großstadt. Ob die Hamburger*innen oder
       Berliner*innen nahkampferprobt sind, will man vielleicht gar nicht so
       genau wissen. Die gewaltvolle Konfrontation versucht man in den meisten
       Fällen ohnehin zu vermeiden – das gilt zumindest für die
       Kleinstädter*innen, die auch hinterher noch Gartenzaun an Gartenzaun mit
       den Rechten leben müssen deren Kinder den Kindern der anderen auf dem
       Schulhof begegnen. Die Großstädter*innen, die nur ein paar Stunden da sind
       und dann ciao, sehen das womöglich anders.
       
       Wer Menschen von außerhalb dazu holt, gibt ein Stück weit die Kontrolle ab.
       In Demmin hat das bis auf ein Mal gut geklappt. In die
       9.500-Einwohner*innen-Stadt in Mecklenburg-Vorpommern kommen jedes Jahr am
       8. Mai Hunderte Rechtsextreme, um einen „Trauermarsch“ zu veranstalten. Als
       Anlass dienen ihnen die [5][Massensuizide in den letzten Tagen des Zweiten
       Weltkriegs]. Zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1945 nahmen sich rund
       1.000 Menschen in Demmin das Leben, auch aus Angst vor der anrückenden
       Roten Armee.
       
       Gegen den rechtsextremen Trauermarsch mobilisiert seit 2009 das [6][lokale
       Bündnis 8. Mai Demmin]. Heinz Wittmer, 57, ist von Anfang an dabei. Er
       erinnert sich, wie sie 2008 nicht mal zwei Hände voll Leute waren, die sich
       mehr als 300 Neonazis entgegenstellten.„Es mussten mehr Leute her, die am
       8. Mai auf der Straße sind“, sagt er.
       
       ## Party gegen Trauermarsch
       
       Die Arbeit des Bündnisses bestand von Anfang an darin,
       Antifaschist*innen aus anderen Städten dazu zu bewegen, am 8. Mai nach
       Demmin zu kommen. Mit Erfolg: Zwei Jahre später waren sie mehr als die
       Neonazis. Das Bündnis setzte ab 2015 auch auf Partycharakter, gegen den
       geschichtsrevisionistischen Trauermarsch der Neonazis. Es kamen über die
       Jahre immer mehr Linke.
       
       Im vergangenen Jahr dann der Rekord: mehr als 3.000 Menschen, davon rund
       700 aus Berlin, fünf Reisebusse aus Hamburg. Das ist auch ein Verdienst
       [7][des antifaschistischen Aktionsbündnisses Widersetzen], das seit Ende
       2024 am 8. Mai nach Demmin mobilisiert.
       
       Immer, sagt Wittmer, hätten sie für Absprachen geworben, mit denen, die
       kommen. „Wir ham gesagt: Wir wünschen uns, dass die Leute sich an gewisse
       Sachen halten.“ Keine brennenden Barrikaden zum Beispiel, auf der Straße
       sitzen sei okay, aber nicht noch die Autos der Nazis kaputt zu hauen.
       Warum? „Damit die Menschen in Demmin nicht noch mehr gegen uns sind. Wir
       wollen ja immer noch versuchen, die Menschen hier zu erreichen mit unseren
       Inhalten.“
       
       Einmal, 2016, war das gründlich schief gegangen. Da hatten
       Antifaschist*innen während einer NPD-Kundgebung aufgeblasene Sexpuppen
       in die Peene geworfen, auf der die Nazis immer ihre Gedenkkränze schwimmen
       lassen. In dem Fluss hatten sich 1945 Hunderte Demminer*innen ertränkt.
       
       Die Sexpuppenaktion riss Wunden bei den Einwohner*innen auf und holte
       Traumata hervor, die die Stadt jahrelang nicht aufgearbeitet hatte. Die
       Aktion sei mit den lokalen Organisator*innen nicht abgesprochen
       gewesen, sagt Wittmer.
       
       ## Haustürmobilisierung kostet Zeit
       
       In Demmin haben sie deshalb auch überlegt, die Menschen aus der Region
       stärker einzubinden. Aber so eine Haustürmobilisierung kostet Zeit, oft
       bedeutet es jahrelange kontinuierliche Arbeit. „Wir konnten nicht ewig
       warten, bis wir den Nazis was entgegensetzen“, sagt Wittmer. Wie überall,
       wo die Ressourcen begrenzt sind, entscheidet der Pragmatismus mit.
       
       Aber kann man dauerhaft etwas verändern, ohne die mühselige, kleinteilige
       Arbeit mit den Menschen vor Ort? Bei der letzten Bundestagswahl wählten
       47,3 Prozent der Demminer*innen per Zweitstimme die AfD. Die jüngsten
       Umfragen prognostizieren der Partei für die Landtagswahl im September 36
       Prozent.
       
       Vielleicht, nein ganz sicher, lässt sich der Rechtsruck nicht stoppen,
       indem die Antifa aufs Land fährt, wenn die Genoss*innen dort Hilfe
       anfordern. Aber für diejenigen, die den Rechten in der Provinz tagtäglich
       die Stirn bieten, macht es einen riesen Unterschied, ob jemand kommt, wenn
       sie nach Unterstützung rufen.
       
       ## Pflicht zum Großstadt-Soli
       
       Sollte es nicht eine Pflicht sein, sie nicht hängen zu lassen – und zwar
       die Pflicht jede*r Bürger*in? Eine Großstadtabgabe, ein Soli. Dafür, dass
       man in Berlin-Kreuzberg, Leipzig-Connewitz, Köln-Ehrenfeld, Hannover-Linden
       oder Hamburg-St. Pauli seine Ruhe vor rechten Kackbratzen hat.
       
       Allerdings richtet die Unterstützung mehr Schaden an, wenn die Berliner
       Gym-Boys oder Hamburger Schläger-Girls Absprachen mit den Locals
       ignorieren. Aber endet man dann nicht bei Befehl und Gehorsam? Autonome
       organisieren sich bekanntlich nicht wie das Militär.
       
       Vielleicht lautet die Frage gar nicht, ob Stadt-Antifas aufs Land fahren
       sollten, sondern ob sie bereit sind, dort nicht die Hauptrolle zu spielen.
       Ob sie sich an Abmachungen halten, die sie selbst lieber nicht treffen
       würden.
       
       Im Zweifel kann das bedeuten, zusammen mit der SPD zu demonstrieren. Oder
       mitzusingen, wenn die ganze Kundgebung mit den [8][Omas gegen Rechts]
       „Imagine“ singt. Ja, das kann weh tun. Aber eine wehrhafte Antifa muss das
       aushalten können.
       
       4 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [6] https://www.aktionsbuendnis-dm.de/
 (DIR) [7] /Antifa-Blockade-in-Demmin/!6086946
 (DIR) [8] /Omas-gegen-Rechts/!t6033233
       
       ## AUTOREN
       
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