# taz.de -- Vorwürfe gegen „Antifa Ost“: Mit allen Mitteln?
> Bei den Blockaden des AfD-Parteitags werden einige Linke fehlen – weil
> sie in Haft sitzen. Auch die Szene diskutiert über Angriffe auf Neonazis.
(IMG) Bild: Antifa-Soli-Aktion im Mai 2025 an der JVA Billwerder in Hamburg, wo Clara W., eine der Beschuldigten im Budapest-Komplex, einsaß
Es war am 2. Dezember 2011, als in Jena rund 50.000 Menschen vor einer
Konzertbühne im Paradiespark standen. Udo Lindenberg, Clueso und andere
spielten dort. „Für die bunte Republik Deutschland“, lautete das Motto. In
der Menge waren, begleitet von ihren Eltern, auch Nele A., Paula P. und
Maja T. – damals alle um die zehn Jahre alt, alle aus Jena. Das Konzert war
eine Antwort auf eine Mordserie, deren Hintergrund einen Monat zuvor
aufflog und die Republik erschütterte: Die Morde des
„Nationalsozialistischen Untergrunds“.
Drei Rechtsextreme aus Jena hatten in den Jahren von 2000 bis 2007 zehn
Menschen ermordet und Anschläge verübt – ohne dass die Behörden sie fassten
und das rechte Motiv erkannten. Nach dem Auffliegen war in Jena in
kürzester Zeit das Konzert organisiert worden. „Wir werden den braunen
Spuk, den braunen Terror beenden“, rief Udo Lindenberg.
Für Nele A., Paula P. und Maja T. wurde die Losung offenbar Antrieb. Als
Jugendliche gingen sie auf Demos gegen Rechtsextreme, protestierten gegen
den Thüringer Pegida-Ableger. Und womöglich wären sie auch jetzt am Samstag
wieder in ihrem Heimatbundesland auf der Straße. Wenn in Erfurt
Zehntausende den Bundesparteitag der AfD blockieren wollen.
Aber Nele A. und Maja T. sitzen im Gefängnis, in Willich in
Nordrhein-Westfalen und im ungarischen Budapest. Auch Paula P. war bis vor
zwei Wochen noch inhaftiert, wurde gegen Auflagen dann aber haftverschont.
Der Vorwurf gegen die drei und rund ein Dutzend weiterer Beschuldigter: Sie
hätten es nicht beim Protest gegen Rechtsextreme belassen, sondern diese
auch militant attackiert – als Teil der „Antifa Ost“, wie sie die Behörden
nennt.
Seitdem ist die Gruppe ein Symbol der Sicherheitsbehörden: für einen
radikalisierten, enthemmten Linksextremismus. Einer, dem
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und seine Länderkollegen
zuletzt den Kampf ansagten. In der linken Szene dagegen erfährt die Gruppe
breite Solidarität, ihr Weg aber auch Kritik.
Maja T., Nele A. und Paula P. – heute Mitte 20 – äußern sich zu den
Vorwürfen und ihrem Politikansatz nicht direkt, aus Gründen. [1][Nele A.
und Paula P. stehen mit vier weiteren jungen Linken derzeit in Düsseldorf
vor Gericht]. [2][Gegen sieben weitere Linke läuft ein Prozess in Dresden].
Und auch das jüngste Urteil gegen Maja T. in Ungarn – [3][acht Jahre Haft]
– ist noch nicht rechtskräftig.
## Keine Sehnsucht nach Gewalt
In Erfurt, beim Protest gegen die AfD, wird Maja T. aber mit einem Grußwort
dabei sein. Vorgetragen von Vater Wolfram Jarosch, der Lehrer in Jena ist.
„Seid gewiss, ich stehe stets an eurer Seite, ob in Gedanken aus Budapest
oder in den Straßen unser aller Zuhause“, steht mit Schreibmaschine getippt
auf Karopapier, das Maja T. aus der Haft schickte. Es sei offen, „ob wir
aus diesem Schlamassel“, dem Rechtsruck, „unbeschadet herauskommen“. Aber
das Widersprechen und das Einstehen füreinander sei „so vernünftig wie
notwendig“.
Die Bundesanwaltschaft sieht in Maja T., Nele A., Paula P. und den anderen
dagegen eine kriminelle Vereinigung, die mit brutaler Härte zur
Selbstjustiz griff. Die Gruppe soll, in wechselender Besetzung, ab 2018
über Jahre Rechtsextreme in Ostdeutschland attackiert haben, im Februar
2023 auch in Budapest, wo sich alljährlich Neonazis aus ganz Europa
versammeln. Den Attackierten wurde nach Aufmärschen aufgelauert, vor ihren
Wohnungen, in Szenekneipen. Es waren NPD-Leute, ein militanter
Kameradschaftsanführer, aber auch ein zufällig erspähter Kanalarbeiter mit
Szene-Mütze. Angegriffen wurden sie stets aus einer vermummten Gruppe
heraus, teils mit Schlagstöcken oder Gummihämmern. Sie erlitten
Knochenbrüche und Platzwunden, in einem Fall gab es einen
Schädelbasisbruch.
Nach den Angriffen in Budapest und einer Großfahndung tauchte ein dutzend
deutscher Antifaschist*innen ab, darunter Maja T., Paula P. und Nele A. Im
Dezember 2023 wurde Maja T. in Berlin gefasst und ein halbes Jahr später
nach Ungarn ausgeliefert – rechtswidrig, wie das Bundesverfassungsgericht
später feststellte. Gegen das im Februar verhängte Urteil legten sowohl
Maja T. als auch die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Verhandelt wird
darüber nun am 18. und 30. September in Budapest. Bis dahin sitzt Maja T.
weiter in Haft.
Paula P. und Nele A. stellten sich im Januar 2025 mit fünf weiteren
Gesuchten selbst und mussten ebenso in Haft. Der Vorwurf gegen sie:
versuchter Mord. In Ungarn und den USA ging man inzwischen noch einen
Schritt weiter. Dort ist die „Antifa Ost“ als Terrororganisation
eingestuft. Hierzulande fordert die AfD gleiches. Innenminister Dobrindt
kündigte zumindest einen härteren Kurs gegen Linksextremismus an. Die
Innenministerkonferenz fordert für Deutschland Ein- und Ausreiseverbote und
[4][ein „vollständiges Verbot“ der linken Plattform Indymedia], Sachsen
will die Einführung einer Linksextremismusdatei.
Auch vor den Protesten in Erfurt warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz,
dass sich neben „einer breiten nichtextremistischen Mobilisierung“ auch
„gewaltorientierte Linksextremisten“ angekündigt hätten. Deren Vorgehen
reiche von Bedrohungen über Beschädigungen bis zu Brandstiftungen und
körperlichen Angriffen.
## Nie Selbstzweck, nie Selbstjustiz
Die „Antifa Ost“-Beschuldigten wiesen in Erklärungen in Dresden und
Düsseldorf die Vorwürfe gegen sie als völlig überzogen zurück: Der Staat
wolle ein Exempel statuieren, greife eine ganze Bewegung an. Auch Maja T.
beklagte in Budapest einen politischen Prozess und das Zerrbild einer
„mörderischen Antifa“.
Aber: Auch in der linken Szene wird über den Weg der „Antifa Ost“
diskutiert, wenn auch zumeist nicht öffentlich. Wo man sich einig ist: Die
rechte Bedrohung ist heute so groß wie lange nicht. Dagegen sei auch
Militanz ein Mittel, als „antifaschistische Selbstverteidigung“. Zugleich
gibt es auch Kritik. Diese Militanz dürfe „nicht zum Selbstzweck
verkommen“, warnte etwa die Leipziger Gruppe Kappa. Es brauche eine
gesellschaftliche Einbettung, sonst drohe ein „Gewaltfetisch“. Andere
fürchten eine „Macker-Antifa“, eine Soli-Gruppe für die Dresdner
Beschuldigten warnte vor „einer Glorifizierung bestimmter Aktionsformen“.
Die Militanzdebatte ist ein Klassiker in der linken Szene. Sie wird immer
wieder geführt. In den 1990ern, als es darum ging, sich der entfesselten
Neonazi-Gewalt zu erwehren, nach Randalen am 1. Mai, nach dem G8-Gipfel in
Heiligendamm 2007 oder dem G20-Gipfel in Hamburg zehn Jahre später. Und nun
nach den Aktionen der „Antifa Ost“.
In Erklärungen der Beschuldigten der „Antifa Ost“ mühen diese sich um
Kontextualisierung. Etwa in einem anonymen Papier „einiger der vom GBA als
Antifaschist_innen Verfolgten“, [5][das vor Prozessbeginn in Düsseldorf an
die taz ging]. „Auch wenn gewaltvoller Widerstand gegen Nazis heute von
vielen moralisch abgelehnt wird, kann seine historische Bedeutung nicht
geleugnet werden“, heißt es dort. Heute sei man wieder an einem Punkt, wo
sich alle Demokrat*innen fragen müssten, „bis zu welchem Punkt man das
staatliche Gewaltmonopol schwerer gewichtet, als die Notwendigkeit,
Faschismus zu bekämpfen“. Festgehalten wird aber auch: Antifaschistische
Praxis dürfe nie Selbstzweck und Selbstjustiz sein.
## „In mir sehnt sich nichts nach Gewalt“
Auch Maja T. bekräftigte im Budapester Prozess Antifaschismus als
„Grundlage meines Handelns“. Dieser sei die „notwendige Selbstverteidigung“
gegen „das Totalitäre, das Autoritäre, die Vernichtung und Verachtung“.
Maja T. wird bisher nur eine Beteiligung an den Angriffen in Budapest
vorgeworfen. Ob T. dort aber auch selbst zuschlug, konnte bis zum Schluss
nicht nachgewiesen werden. Videobilder zeigten Maja T. nur in den Tattagen
in einer Gruppe weiterer deutscher Beschuldigter in Budapest – das reichte
dem Gericht. Maja T. betonte dagegen im Saal: „In mir sehnt sich nichts
nach Gewalt.“
Die Militanzdebatte um die „Antifa Ost“ wurde bereits rund um einen ersten
Prozess in Dresden geführt, wo im Mai 2023 die Leipzigerin Lina E. und drei
Mitangeklagte für die linke Angriffsserie verurteilt wurden, mit bis zu gut
fünf Jahren Haft. Auch sie schweigen bis heute zu den konkreten Vorwürfen.
In einer Erklärung aber betonten auch sie damals: Man müsse „über die
gesellschaftliche Realität rechter Gewalt sprechen, die antifaschistisches
Engagement notwendig macht“. Dagegen hätten „alle Formen antifaschistischer
Arbeit ihre Berechtigung“. Es sei „nicht hinnehmbar, aus Mangel an eigener
Betroffenheit wegzuschauen“.
Lina E. äußerte sich zumindest zu ihrem Werdegang: aufgewachsen in Kassel,
Studium der Erziehungswissenschaften, Arbeit mit beeinträchtigten Kindern.
Ihre Bachelorarbeit schrieb sie zu „akzeptierender Jugendarbeit“ am
Beispiel des Jenaer Jugendclubs der späteren NSU-Terroristen. Es war deren
Terror, der auch Lina E. politisiert haben soll.
[6][In diesem Mai wurde Lina E. aus der Haft entlassen], nach zwei Dritteln
verbüßter Strafe, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Gerichte hatten
ihr attestiert, sie habe sich „von ihrer früheren Gewaltbereitschaft
losgesagt“. Es gebe eine gute Prognose, dass sie künftig straffrei leben
wird. Sie wollte daraufhin ihre Arbeit als Sozialarbeiterin wieder
aufnehmen, ihr Studium abschließen.
Am Dienstag aber endete die Freiheit von Lina E. schon wieder. Da sollte
sie als Zeugin im aktuellen Dresdner Antifa-Prozess aussagen, [7][der auch
gegen ihren früheren Partner Johann G. geführt wird]. Sie verweigerte die
Aussage, auch um sich nicht selbst zu belasten. Das Gericht verhängte sechs
Monate Beugehaft gegen Lina E., nahm sie [8][noch im Gericht fest]. Die
Leipzigerin reagierte gefasst: Sie werde dem „standhalten“, sagte sie dem
Richter.
## Im Knast noch viel zu tun
Diese Szene verfolgte auch ein Angeklagter aus Berlin, Thomas J. Der
49-Jährige ist der mit Abstand älteste Beschuldigte, ein Kampfsportler. Die
Anklage wies auch er zu Prozessbeginn als „Konstrukt“ zurück. Er verstehe
ja, wenn auf Angriffe gegen Neonazis mit Strafverfahren reagiert werde.
Nicht aber, dass das nicht vor einem regulären Gericht verhandelt werde,
sondern die Bundesanwaltschaft den Fall an sich zog und sie zu
„Staatsfeinden hochstilisiert“.
Thomas J. erzählte, [9][was er zuvor auch der taz bei einem Haftbesuch
berichtete]: wie er zum Antifaschismus kam. Seine Jugend in Königs
Wusterhausen, Anfang der 1990er, sei eine Zeit „voller Gewalt“ gewesen.
Rechtsextreme hätten ihn und andere gejagt, Menschen getötet.
Antifaschismus sei da unumgängliche Gegenwehr gewesen. Auch heute wieder
sei die rechtsextreme Gefahr „offensichtlich“, so Thomas J. „Solange eine
gesamtgesellschaftliche Verantwortung ausbleibt, ist es notwendig, dass
Betroffene selbst Verantwortung übernehmen und sich auch wehren.“ Auch
„konsequente Mittel“ gegen Neonazis stellten den Rechtsstaat nicht infrage.
[10][Vor fünf Wochen ließ das Gericht Thomas J. überraschend frei]. Ein
Kronzeuge, ein früherer Szenebekannter, hatte im Prozess eingeräumt, dass
seine Vorwürfe gegen ihn nur Mutmaßungen seien. An einem Abend vor
anderthalb Wochen sitzt Thomas J. in einer linken Szenekneipe in Berlin, es
ist voll und heiß, an den Wänden hängen Antifa-Fahnen. Zu den Vorwürfen
sagt er auch dort nichts. Aber er berichtet zwei Stunden von seiner
Haftzeit. Es sei durchaus möglich, sich auch hinter Gittern Freiräume zu
erarbeiten, sagt er. Mit Eingaben an die JVA-Leitung, mit Sport, mit
Solidarität unter Gefangenen. Die Haftentlassung habe auch ihn völlig
überrascht. „Ich hatte in der Woche im Knast eigentlich noch viel zu tun.“
Gelächter. Als Erstes in Freiheit habe er seine Mutter angerufen – und dann
einen Döner gegessen.
Die Angriffsserie der „Antifa Ost“ ist seit den Festnahmen vorerst beendet.
Auch das Innenministerium bekundete zuletzt, dass sich das
Gefährdungspotenzial der Gruppe dadurch „erheblich verringert“ habe – ein
Widerspruch zu Dobrindts jüngster Kampfansage.
In Erfurt dürfte sich auch ein anderer Antifaschismus zeigen. Einer, der
nicht auf klandestine Kleingruppenmilitanz setzt, sondern auf Masse und
zivilen Ungehorsam, auf Straßenblockaden und Allianzen mit Gewerkschaften
und Vereinen. Neu ist das nicht: [11][Schon vor 16 Jahren blockierte solch
ein Bündnis einen Neonazi-Großaufmarsch in Dresden]. Angesichts einer
„faschistischen Partei“, die „Massendeportationen“ plant, sei „ziviler
Ungehorsam gerechtfertigt und geboten“, heißt es im Aktionskonsens zu
Erfurt. Und: „Die antifaschistische Bewegung ist stark, wenn sie vielfältig
und geeint zugleich ist.“
Es ist ein Satz, den wohl auch die „Antifa Ost“-Beschuldigten
unterschreiben würden. Und auch Maja T. betont im Grußwort aus Budapest:
„Lasst euch nicht auseinanderreißen im Kampf um das Recht auf Kommen und
Bleiben, das Recht auf Leben und Teilhabe, Würde und Vertrautheit.“
3 Jul 2026
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