# taz.de -- Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses: Einmal quer durch den Garten
> CDU und SPD setzen im Parlament eine Debatte über „Wirtschaft und Arbeit“
> an. Dazu fällt jedem etwas anderes ein. Eine echte Debatte fällt darum
> aus.
(IMG) Bild: Das neue Gaststättengesetz bietet auch mehr Möglichkeiten für die Berliner Außengastronomie
Von Bürokratieabbau spricht der erste Redner, von Sozialabbau seine
Nachfolgerin am Mikrofon, [1][von gebührenfreier Bildung als Basis] für
alles der nächste, und schließlich erwähnt Wirtschaftssenatorin Franziska
Giffey auch noch das unter Führung ihrer SPD zurückgekaufte Stromnetz.
Vielleicht hätte die schwarz-rote Koalition die von ihr angesetzte Debatte
im Landesparlament in ihrem Titel doch einengen sollen. Unter „Wirtschaft
und Arbeit“ lässt sich hörbar fast alles fassen.
Dabei liegen ja zwei Gesetzentwürfe vor, an denen sich Koalition und
Opposition konzentriert und ohne Ausflüge zu ihren Lieblingsthemen konkret
abarbeiten könnten. Zwei Wochen vor dem Start in die parlamentarische
Sommerpause beschließt das Abgeordnetenhaus an diesem Tag sowohl Berlins
erstes Gaststättengesetz als auch ein erneuertes Vergabegesetz.
Beide sind durchaus umstritten. Während Senatorin Giffey sich von
Lockerungen und längeren Öffnungszeiten einen Schub für die Gastronomie
erhofft, befürchten Stimmen aus den Bezirken Dauerstreit mit genervten
Anwohnern. Und beim Vergabegesetz sieht etwa die Linksfraktion durch höhere
Schwellensummen, ab denen die Regeln greifen sollen, schier das ganze
Gesetz unterminiert. Für sie konterkariert das eine offiziell angestrebte
Vergabe anhand arbeitnehmerfreundlicher Regeln.
Aus Sicht der CDU-Fraktion war das Vergabegesetz zuletzt weit von seiner
Grundidee entfernt, öffentliche Aufträge an ihre Mitarbeiter gut bezahlende
und gut behandelnde Unternehmen zu vergeben. Es sei das „wirtschafts- und
mittelstandsfeindlichste Gesetz Deutschlands“, meint ihr Vorsitzender Dirk
Stettner und verweist auf einen „Wust von Nachweisen und Zertifikaten“, die
vorzulegen gewesen seien. Das soll Betriebe zunehmend von einer Bewerbung
abgehalten haben.
## Tariftreuepflicht nun schon ab 1.000 Euro
Nun sollen die Vorgaben des Gesetzes nur noch bei größeren Aufträgen
gelten: bei Lieferungen und Dienstleistungen erst ab 75.000 statt 10.000
Euro, bei Bauarbeiten ab einer halben Million statt 50.000 Euro. Der
Linkspartei-Abgeordnete Damiano Valgolio sieht dadurch eine ordentliche
Bezahlung ausgehebelt.
Da hatte er aber möglicherweise vor dieser Kritik nicht [2][auf Seite 6
oben des Gesetzentwurfs] geschaut: Denn dort steht ausdrücklich anderes:
„Die Tariftreueverpflichtung gilt jedoch für alle Aufträge oberhalb einer
Bagatellgrenze von 1.000 Euro.“ Die Grenze lag hier zuvor deutlich höher,
nämlich bei 10.000 Euro. „Starke Wirtschaft und gute Arbeit gehören
zusammen“, sagt Senatorin Giffey dazu.
Das geht merklich auch in Richtung der Industrie- und Handelskammer. Deren
Pressestelle verschickt noch während der laufenden Parlamentsdebatte
kritische Töne ihres Präsidenten Sebastian Stietzel zur 1.000-Euro-Grenze.
„Um Missverständnissen vorzubeugen: Gute Arbeit muss natürlich angemessen
bezahlt werden“, schiebt der voran. Doch eine Nicht-Tarifbindung sei
„Ausdruck der kleingewerblich und mittelständisch geprägten Berliner
Wirtschaftsstruktur, nicht mangelnder Fairness“.
Die Grünen-Fraktion und – in einer Pressemitteilung – der Bund für Umwelt
und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisieren die Neuerungen von einer
anderen Seite. Der Abgeordnete Christoph Wapler sieht darin „Deregulierung
zu Lasten fairer Unternehmen“. „Die ökologischen und sozialen Standards
laufen jetzt weitgehend leer“, sagt er.
## Giffey: Anwohnerschutz berücksichtigen
SPD-Fraktionschef Raed Saleh sieht das ganz anders: „Wir sorgen dafür, dass
öffentliche Aufträge nicht über Lohndumping finanziert werden.“ Das sei
nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch der
wirtschaftlichen Vernunft. Der schon erwähnte Linkspartei-Abgeordnete
Valgolio hingegen wähnt die Koalition der CDU mit Salehs Sozialdemokraten
grundsätzlich auf einem ganz anderen Kurs: Die habe „beim Thema gute Arbeit
komplett versagt“. Denn sie habe nicht wie angekündigt, Tochterfirmen des
landeseigenen Krankenhauskonzerns Vivantes wieder ins Mutterunternehmen
eingegliedert.
Beim Gaststättengesetz, das es leichter machen soll, einen Betrieb zu
eröffnen und Außergastronomie nach 22 Uhr zu ermöglichen, vermisst der
Grünen-Abgeordnete Wapler eine sorgfältige Vorbereitung. Sonst würde man
nicht „den Bezirken sogenannte Ausgehviertel überhelfen, von denen Sie
selbst nicht wissen, wo die eigentlich sind“, sagte er in Richtung von
Franziska Giffey.
Die Senatorin mag das nicht so stehen lassen: Dem Beschluss an diesem
Donnerstag sei ein eineinhalbjähriges Beteiligungsverfahren vorangegangen.
Und Nachtruhe soll auch in Kneipengegenden weiterhin sein. So lässt sich
jedenfalls ein Versprechen Giffeys auslegen: „Wir werden den Anwohnerschutz
berücksichtigen.“
18 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /SPD-Streit-um-Gebuehrenfreiheit/!6002463
(DIR) [2] https://www.parlament-berlin.de/adosservice/19/IIIPlen/vorgang/d19-3192.pdf
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
## TAGS
(DIR) Abgeordnetenhaus
(DIR) Franziska Giffey
(DIR) Wirtschaft
(DIR) Berlin
(DIR) Schwarz-rote Koalition in Berlin
(DIR) Franziska Giffey
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Außengastronomie: Bezirke spucken Senat ins Bier
So schnell wird das nichts mit dem abends vor der Kneipe länger draußen
Sitzen. Die Bezirke lehnen das neue Gaststättengesetz des Senats in
jetziger Form ab.
(DIR) Klausurtagung der Koalitionsfraktionen: Ein Kraftakt gegen den Dauerstreit
CDU und SPD raffen sich 5 Monate vor der Wahl zu einem Beschlusspaket auf
und loben sich dafür. Von Opposition wie Wirtschaft kommt hingegen Kritik.
(DIR) Länger draußen trinken: Feiern contra schlafen
Wirtschaftssenatorin Giffey präsentiert ein neues Gaststättengesetz. Es
sieht längere Zeiten für Außengastronomie vor. Zwei Wirte reagieren
skeptisch.