# taz.de -- Klausurtagung der Koalitionsfraktionen: Ein Kraftakt gegen den Dauerstreit
> CDU und SPD raffen sich 5 Monate vor der Wahl zu einem Beschlusspaket auf
> und loben sich dafür. Von Opposition wie Wirtschaft kommt hingegen
> Kritik.
(IMG) Bild: Raed Saleh (SPD; r.) und Dirk Stettner (CDU) fanden auf jeden Fall gut, was bei ihrer Fraktionsvorstandsklausur rausgekommen ist
Die zentrale Frage soll gewesen sein: „Haben wir noch die Kraft, etwas
umzusetzen, oder gehen wir in einen Dauerstreit?“ Sinngemäß wiedergegeben
beschrieb SPD-Fraktionschef Raed Saleh am Mittwoch vor Journalisten so, was
die Ausgangslage vor der Fraktionsvorstandsklausur mit Koalitionspartner
CDU war. Heraus kam bei dem zweitägigen Treffen am Templiner See in
Potsdam, noch über ein Dutzend Gesetze zu beschließen und vor allem ein
Mietenkataster auf den Weg zu bringen, das bundesweit einzigartig wäre. Die
im Abgeordnetenhaus oppositionellen Grünen und Linken konnten allerdings
genauso wenig wie die Berliner Wirtschaft viel Kraft in den Ergebnissen
erkennen.
Wie Saleh und sein CDU-Kollege Dirk Stettner beide so Schulter an Schulter
in dem Pressegespräch im Abgeordnetenhaus saßen, konnte man sich fragen,
wie das alles gehen soll, wenn sich zumindest Teile der SPD schon für eine
Koalition mit ganz anderen Partnern warmlaufen. Immerhin sind es nur noch
151 Tage bis zur Parlamentswahl am 20. September. Doch versteht man Saleh
richtig, dann würde weiterer Koalitionsstreit beide Parteien im Ergebnis
mehr Stimmen enttäuschter Wähler kosten, als dem anderen Partner einen
Erfolg zu gönnen. „Politik muss die Kraft haben, trotz Wahlkampfs ihren Job
zu machen“, formulierte es der SPD-Fraktionschef.
Und dass sowohl die Klausur wie manches andere später als geplant kam, soll
auch nicht schlimm sein – Saleh erinnerte dazu an das Sprichwort: „Was
lange währt, wird schließlich gut.“ Die Reaktionen aber fielen weit weniger
begeistert aus. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Sebastian
Stietzel, gestand der Koalition zwar viele Beschlüsse zu, mehr aber auch
nicht: „Ein mutiges Gesamtkonzept für ein wachsendes Berlin sehen wir darin
allerdings nicht“, sagte er. Das Vergabegesetz zu ändern ist aus seiner
Sicht zwar richtig, bleibe aber weiter hinter den Möglichkeiten im
Brandenburger Umland zurück und damit ein Wettbewerbsnachteil.
[1][Grünen-Fraktionschef Werner Graf] sieht in dem Beschlusspaket
„scheinsoziale Ankündigungen der SPD und einen ideologischen Radwegestopp
der CDU“. Die Koalition verpasse es zudem, den Bau weiterer Bürohochhäuser
zu stoppen. Von der Linksfraktion hieß es, es wäre besser gewesen, den
Vergabemindestlohn zu erhöhen, statt durch angehobene Wertgrenzen soziale
Kriterien außen vor zu lassen. Das angekündigte Mietenkataster lehnte
allein die AfD-Fraktion ab.
Zu den in Potsdam gefassten Beschlüssen gehört auch das Bestreben, dass
Mitarbeiter von Tochtergesellschaften des landeseigenen Klinikkonzerns
Vivantes [2][genauso viel wie ihre dortigen Kollegen verdienen]. Ziel soll
es sein, die Töchter wieder in die Muttergesellschaft zurückzuholen. Auch
vorgesehen: ein Einfach-Bauen-Gesetz, mit dem neue Wohnungen schneller
entstehen sollen. Nachfolgend weitere zentrale Beschlüsse der
Klausurtagung.
## Verwaltungsreform
„Wir wollen die Reform unserer Verwaltung bis zum Sommer abschließen“,
kündigte CDU-Fraktionschef Stettner an. Das hieße: bis zum 2. Juli, dem Tag
der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses vor den Parlamentsferien. Noch
am Dienstag hatten die IHK und der Verein Berliner Kaufleute und
Industrieller, aber auch die Stiftung Zukunft Berlin [3][vor einer weiteren
Verzögerung gewarnt], weil der Senat einen wichtigen Baustein der Reform
nicht wie erwartet beschlossen hatte.
## Gewalthilfe
Als erstes Bundesland soll Berlin nach dem Willen der Koalition das
Gewaltschutzgesetz auf Landesebene umsetzen, das Bundestag und Bundesrat
2025 beschlossen haben. Das soll unter anderem besseren Schutz vor
häuslicher Gewalt ermöglichen, beispielsweise mit mehr Beratungsangeboten
und Kapazitäten in Frauenhäusern. Ab 2032 soll es einen Rechtsanspruch auf
solche Hilfe geben. Berlin sei die Stadt der Frauen, sagt SPD-Fraktionschef
Saleh. Daher sei Schutz wichtig.
## Radwege in Nebenstraßen
Schwarz-Rot will das 2018 von einer rot-grün-roten Koalition beschlossene
Mobilitätsgesetz [4][in einem entscheidenden Punkt ändern]. Bislang gibt es
vor, an jeder Hauptstraße einen Radweg anzulegen. Nun soll das nicht mehr
nötig sein, wenn der „nicht sachgerecht eingerichtet werden kann, oder eine
qualifizierte alternative Strecken- oder Wegeführung auf Nebenstraßen im
unmittelbaren Umfeld vorhanden ist“. Denn laut Logik von CDU-Mann Stettner
sorgen engere Hauptstraße für Stau, der sich in Nebenstraße ergießt, wo die
Grünen dann ihre Poller aufstellen würden – „und dann sind wir in dem
ideologischen Wahnsinn, den wir weg haben wollten“.
## Was nicht kommt
Keine Einigung gab es hingegen beim gerade angesichts des aufwendigen
Mietenkatasters [5][theoretisch einfachen Thema Anwohnerparken]. Ein
entsprechender Ausweis kostet 10,20 Euro pro Jahr, anderswo in Deutschland
hingegen teils mehrere Hundert Euro. Das Thema soll noch nicht mal auf der
Tagesordnung gestanden haben. Denn laut SPD-Mann Saleh war schon vor der
Klausur klar: „Da kommen die Positionen nicht zusammen.“
22 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Werner-Graf-ueber-den-Gruenen-Wahlkampf/!6169576
(DIR) [2] /Tarifverhandlungen-bei-Vivantes-Toechtern/!6167352
(DIR) [3] https://www.stiftungzukunftberlin.eu/pressemitteilung-berliner-wirtschaft-und-zivilgesellschaft-warnen-vor-verzoegerung-der-verwaltungsreform-21-04-2026/
(DIR) [4] https://gesetze.berlin.de/bsbe/document/jlr-MobGBEpP43
(DIR) [5] /Keine-Erhoehung-der-Parkgebuehren/!6137136
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
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