# taz.de -- Hilfe für Betroffene häuslicher Gewalt: Berlin schreibt Schutz vor Gewalt ins Gesetz
> Mit zwei neuen Frauenhäusern und Beratungsstellen baut Berlin sein
> Angebot für Betroffene aus. Das ist dringend nötig, denn noch immer
> finden nicht alle Schutz.
(IMG) Bild: Rote Schuhe stehen als Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen vor dem Rathaus Tiergarten
Wenn sich eine Frau beim Frauenhaus meldet und um Schutz bittet, löst das
oft eine Telefonkette aus. „Falls wir keinen freien Platz haben, rufe ich
erst mal [1][bei der BIG-Hotline] an, also bei der telefonischen Beratung
bei häuslicher Gewalt, die auch Plätze koordiniert. Dann frage ich bei
einzelnen Berliner Frauenhäusern nach, und wenn es da nichts gibt, auch bei
Obdachlosenunterkünften“, sagt Leyla Arslan, Leiterin des Frauenhauses Bora
in Berlin. „Auch die Brandenburger Frauenhäuser telefonieren wir dann ab“,
sagt sie. Außerdem würden sie mit der Betroffenen klären, ob sie
übergangsweise bei einer Freundin oder der Familie unterkommen könne, um
sich und eventuell auch die Kinder erst mal aus der Reichweite des
Aggressors zu bringen.
Im Schnitt würden jeden Tag 10 bis 15 Frauen direkt bei ihnen anrufen, sagt
Frauenhausleiterin Arslan bei einem Pressegespräch zum Gewaltschutz in
Berlin am Mittwoch. Sie erklärt auch, dass es meist nur eine halbe Stunde
dauere, bis freie Plätze bei ihnen wieder reserviert sind. „Ich freue mich
sehr darüber, dass in Berlin im Sommer zwei weitere Frauenhäuser eröffnen“,
sagte sie. Mehr Plätze seien dringend notwendig.
Wie viele Frauen pro Tag sich vergeblich um Schutz in einem Frauenhaus
bemühen, das kann die Senatsverwaltung bisher nicht sagen. Denn es reicht
nicht, die Anrufe zu zählen: Eine von Gewalt betroffene Person könnte
mehrfach anrufen und so viele Anfragen auslösen. Die Sozialverwaltung
kündigte daher in einem Pressegespräch am Mittwoch an, dass sie dies
künftig anders erfassen will, um im kommenden Jahr belastbare Zahlen zu
haben, wie viele Personen die Frauenhäuser tatsächlich abweisen müssten.
Solche Zahlen sind auch dringend nötig. „Jede Frau, die von Gewalt
betroffen ist, muss schnell und verlässlich Hilfe bekommen“, sagt
Sozialsenatorin Cansel Kızıltepe (SPD) bei dem Pressegespräch. Berlin müsse
Schutz und Beratung weiter ausbauen. Denn mit dem [2][im Bund
verabschiedeten Gewalthilfegesetz haben Personen, die häusliche und
geschlechtsspezifische Gewalt] erleben, einen Rechtsanspruch auf Beratung
und Schutz. Das sei ein „Paradigmenwechsel“, betonte Kızıltepe.
Berlin ist eins der ersten Bundesländer, das diese Vorgaben mit einem
eigenen Gesetz umsetzen will. Die Länder bekommen dafür in den kommenden
zehn Jahren Geld vom Bund, für Berlin wären das insgesamt 114,4 Millionen,
im kommenden Jahr soll das Land 4,9 Millionen erhalten. Der Senat will
[3][das Gewalthilfegesetz noch vor der Sommerpause vom Parlament
verabschieden] lassen.
## 390 kostenfreie Familienplätze
Das Gesetz verpflichtet Berlin, ein „bedarfsgerechtes und nachhaltig
finanziertes Gewalthilfeangebot“ aufzubauen. Es soll Frauen und Kinder vor
geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt schützen. Es sei wichtig,
Angebote kontinuierlich zu erweitern, sagte Kızıltepe. Berlin stehe aber
rein rechnerisch und im Vergleich zu anderen Städten bereits jetzt gar
nicht schlecht da.
Da Frauen oft zusammen mit ihren Kindern Zuflucht suchen, braucht es
entsprechend mehr Betten, diese werden inzwischen in „Familienplätzen“
berechnet. Solche Familienplätze in Frauenhäusern und Schutzwohnungen hätte
sie ausgebaut und seit 2020 mehr als verdoppelt, erklärte die Senatorin.
Bis Ende des Jahres sollen in 11 Frauenhäusern 276 Familienplätze mit 647
Betten zur Verfügung stehen, dazu kommen 154 Familienplätze mit 298 Betten
in Schutzwohnungen. Berlin käme damit auf 430 Familienplätze. Laut
Istanbul-Konvention müsste das Land 390 kostenfreie Familienplätze zur
Verfügung stellen, einen pro 10.000 Einwohner*innen. Da Betroffene für die
Plätze in Schutzwohnungen zahlen, zählen diese nicht dazu. So gesehen
fehlten Berlin also noch 114 kostenfreie Familienplätze.
Das Geld vom Bund will die Senatsverwaltung nutzen, um diese Plätze weiter
auszubauen. Die Senatorin sicherte auch zu, dass sie in der Umsetzung
[4][auch Täterarbeit und Prävention mit berücksichtigen] wolle. „Bei der
Gewalthilfe stehen aber die Opfer im Vordergrund, erst mal wollen wir hier
die Not lindern“, sagte sie. Das seien in erster Linie Frauen und Kinder,
aber nach ihrem Verständnis auch alle anderen von Gewalt betroffenen
Personen. Im ersten Entwurf hatte die Senatsverwaltung entsprechend
festgehalten, [5][dass sich das Gesetz an LGBTIQ-Personen richte, aktuell
nennt der Entwurf „Frauen“. Verbände und Initiativen fordern hier
Nachbesserung]. Die jetzige Fassung sei ein „Kompromiss“, sagte die
Senatorin dazu. Perspektivisch wolle sie sich dafür einsetzen, dass das
Gesetz alle berücksichtigt. „Wir beraten auch alle, die zu uns kommen“,
sagte Kızıltepe. „Und Transfrauen sind Frauen und fallen also schon jetzt
darunter“, sagte sie.
Initiativen und Politiker*innen aus der Opposition hatten darüber
hinaus kritisiert, dass das Gewalthilfegesetz auch private Träger zulasse.
Niemand solle mit dieser Arbeit Gewinnabsichten verfolgen, forderten sie.
Bei der Senatsverwaltung sehen sie das entspannter. „Auch private Träger
unterliegen den Qualitätskriterien“, sagte die zuständige Staatssekretärin.
Der Senat wolle sich damit die Möglichkeit offenhalten, mit kommunalen
Trägern zusammenzuarbeiten. „Es kann kein Start-up kommen und in der
Gewalthilfe mitmischen“, sagte sie. Das Gesetz sähe auch keinen
Rechtsanspruch vor, sodass sich niemand einklagen könne.
## Keine Einzelfälle
„Je stärker eine Frau marginalisiert ist, desto höher ist die
Wahrscheinlichkeit, dass sie Gewalt erlebt, und desto schwerer bekommt sie
Hilfe“, sagte Jana Baumann, die den Senat in der Fachgruppe
Betroffenenperspektive unterstützt und berät. Sie forderte, die Strukturen
mehr anzugehen, die Gewalt ermöglichen und begünstigen. „Wir sprechen zu
oft über Einzelfälle“, sagte sie. Es brauche Strukturen, in denen sich
Betroffene sicher fühlten.
Kızıltepe erklärte auch, dass sie die Beratung ausgebaut habe. Bei dem
[6][Verein TIO ist nun eine neue Fachberatungsstelle] gegen häusliche und
sexualisierte Gewalt angesiedelt, die sich insbesondere an marginalisierte
und von Gewalt betroffene Frauen mit Flucht- und Migrationsgeschichte
richtet. Diese Beratungsstelle soll auch mobil tätig sein und besonders in
den Außenbezirken wirken, wo es keine anderen Angebote gibt.
Auch der Verein Wildwasser soll eine Fachberatungsstelle aufbauen. Mit
einer technischen Anlaufstelle, die bei digitaler Gewalt helfen soll, und
mit einer Kampagne in den sozialen Medien reagiert die Verwaltung außerdem
auf neue Gewaltformen. „Niemand darf mit sexualisierter oder häuslicher
Gewalt allein bleiben, weder online noch offline“, sagte die Senatorin. Das
zu erreichen sei am Ende eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.
17 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.big-hotline.de/
(DIR) [2] /Gewalthilfe-fuer-Frauen/!6070639
(DIR) [3] /Klausurtagung-der-Koalitionsfraktionen/!6172919
(DIR) [4] /Hilfe-bei-Gewalt-in-Berlin/!6184214
(DIR) [5] /Hilfe-bei-Gewalt-in-Berlin/!6184214
(DIR) [6] https://tio-berlin.de/projekte/beratungsstelle/
## AUTOREN
(DIR) Uta Schleiermacher
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