# taz.de -- Berlin will in den UN-Sicherheitsrat: Bewerbung vor der Welt
> Deutschland will unbedingt einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat
> haben. Doch die Konkurrenz ist stark und ein Erfolg keineswegs
> ausgemacht.
(IMG) Bild: Deutschland will mit an den Tisch: eine Aufnahme vom leeren Saal des UN-Sicherheitsrats im August 2016
Johann Wadephul läuft den Kommunikationsmarathon. Der deutsche
Außenminister wirbt derzeit in New York um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat.
Deutschland will unbedingt als nichtständiges Mitglied in das wichtigste
Gremium der Vereinten Nationen einziehen. Doch die Werbetour, oder besser
formuliert der Wahlkampf in New York, dem Sitz der Weltgemeinschaft, ist
kein Heimspiel – und die Zeit drängt.
Bereits am Mittwoch wollen die 193 Staaten darüber abstimmen, welches Land
für den Zeitraum 2027 und 2028 in die Gruppe der wichtigsten Entscheider
auf UN-Ebene aufrücken darf. Zwei Drittel der abgegebenen Stimmen sind
notwendig, damit Deutschland den erhofften Posten bekommt. Wenn alle
abstimmen, braucht es 128 Stimmen.
Die Vereinten Nationen stecken in einer Krise. Reformen kommen nur
schleppend voran, blockiert durch nationale Eigeninteressen.
Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen kritisieren mangelnde
Beteiligung der Zivilgesellschaft, fehlende Gleichberechtigung und zu wenig
Engagement für Bildung, Diversität und die Klimakrise. Besonders die
Inselstaaten drängen auf Lösungen. Kein Wunder also, dass Wadephul auf
seiner Werbetour sich extra Zeit nimmt für diese Länder.
Dass die USA in der Person von US-Präsident Donald Trump ihre Abscheu gegen
das Gremium in den vergangenen Monaten unmissverständlich deutlich gemacht
haben, fasste den Unmut in harscher Weise zusammen. Bitter waren die
gnadenlosen Streichaktionen der USA, [1][die große Finanzlücken in das
Budget verschiedenster UN-Organisationen rissen]. Deutschland gehört
inzwischen zu den größten Geldgebern, doch Geld allein garantiert keine
Stimmen.
## Ukrainekrieg und Nahost im Fokus
Der UN-Sicherheitsrat gilt als das wichtigste Organ der Vereinten Nationen.
Die ständigen Mitglieder – USA, Russland, China, Frankreich und
Großbritannien – entscheiden über Sanktionen, Friedenstruppen und
Waffenembargos. Hinzu kommen zehn nichtständige Mitglieder, die alle zwei
Jahre neu gewählt werden. Dabei spielt der regionale Proporz eine zentrale
Rolle. In der afrikanischen Gruppe tritt Simbabwe an, in der
lateinamerikanischen und karibischen Gruppe sind es Trinidad und Tobago,
und in der Asien-Pazifik-Gruppe konkurrieren die Philippinen mit Kirgistan.
Seit Russlands Invasion in die Ukraine im Februar 2022 hat sich die
geopolitische Lage verändert. Russland blockiert im Sicherheitsrat jede
Verurteilung und lehnt Blauhelmmissionen ab. Auch im Nahen Osten
verschärfen sich die Fronten: Die USA stehen fest an Israels Seite.
Deutschlands Haltung zu Israel, den Bombardierungen im Gazastreifen und
einem möglichen Einmarsch im Libanon wird kritisch beobachtet und könnte
das Abstimmungsverhalten beeinflussen.
Wadephul wirbt in New York mit Schlagworten wie Frieden, Respekt und
Verständigung. Doch nicht alle Staaten nehmen diese Botschaften wohlwollend
auf. Polen etwa erinnert an den Streit über Reparationszahlungen, und viele
EU-Staaten, die Palästina anerkannt haben, könnten Deutschlands Haltung
negativ bewerten.
Besonders intensiv hat die Bundesregierung bei den afrikanischen Staaten
lobbyiert, der zahlenmäßig größten Gruppe. Diese fordert seit Langem einen
ständigen Sitz im Sicherheitsrat. UN-Generalsekretär António Guterres
unterstützt diese Forderung und nennt die Abwesenheit Afrikas eine
„historische Ungerechtigkeit“. Auch Deutschland und Großbritannien
befürworten Reformen, die mehr Macht für Länder wie Brasilien, Indien oder
Japan bringen könnten. Doch Russlands Veto blockiert solche Pläne
regelmäßig.
## Berlin gegen Wien gegen Lissabon
Zwei Plätze für den nichtständigen Sitz sind indes in der Gruppe Westeuropa
zu vergeben: Neben Deutschland stehen Portugal und Österreich zur Wahl.
Portugal punktet mit guten Beziehungen zu Lateinamerika und wirbt mit den
Schlagworten Prävention, Partnerschaft und Schutz. 13 Jahre lang hat sich
Portugal auf diesen Moment vorbereitet, erklärte der portugiesische
Außenminister Paulo Rangel Ende April in Lissabon. Er lobte vor allem die
Anstrengungen seines Landes für den Schutz der Meere etwa bei den
UN-Nachhaltigkeitszielen, für Peacebuilding und Diplomatie und den Kampf
gegen Armut und Ausgrenzung.
Österreich ist ein schwierigerer Konkurrent. Zwei deutschsprachige Länder
im Sicherheitsrat gelten als unwahrscheinlich, weshalb Portugal als gesetzt
gilt. Österreich war bereits dreimal Mitglied, zuletzt 2009/10, und ist
seit 1979 einer der vier UN-Hauptsitze. Wien beherbergt die Internationale
Atomenergiebehörde (IAEA), die Opec und die [2][OSZE].
Österreichs Neutralität, einst ein Trumpf, hat jedoch an Glaubwürdigkeit
verloren. 2021 ließ der damalige Kanzler Sebastian Kurz die israelische
Flagge am Kanzleramt hissen, was Österreichs Engagement für eine
Zweistaatenlösung konterkarierte. Gleichzeitig hielt das Land lange an
einem [3][russlandfreundlichen Kurs] fest, um Gasimporte zu sichern.
Dennoch sieht sich Österreich als verlässliche Kraft des Multilateralismus.
Es trieb den Atomwaffenverbotsvertrag voran und vermittelte in Konflikten,
etwa auf dem Balkan. 2015 wurde in Wien das Iranabkommen ausgehandelt, das
Donald Trump später aufkündigte.
Deutschland bringt als zehnmal so großes Land mehr Gewicht in die
Waagschale. Doch kleinere Staaten könnten sich eher von Österreich oder
Portugal vertreten fühlen. Die Bundesregierung hat jahrelang für den Sitz
geworben. Jeder Handelsdeal, jeder diplomatische Besuch und jede
Ministerreise diente auch diesem Ziel. Auch die ehemalige
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock brachte den deutschen Sitz auf
ihren unzähligen Reisen immer wieder ins Spiel. Sie ist noch bis September
Präsidentin der UN-Vollversammlung.
Ein Scheitern Deutschlands bei der Abstimmung wäre eine Blamage. Die
Bundesregierung sieht sich als zentralen Akteur der internationalen
Politik. Bundeskanzler Friedrich Merz, oft als „Außenkanzler“ bezeichnet,
betont die enge Abstimmung zwischen Kanzleramt und Außenministerium. „Eine
Nichtwahl wäre ein spürbarer außenpolitischer Rückschlag“, sagt auch Adis
Ahmetovic, außenpolitischer Sprecher der SPD, der taz. Die Kandidatur sei
ein Gradmesser für Deutschlands internationale Glaubwürdigkeit.
Doch die Vereinten Nationen sind längst nicht mehr der alleinige Ort für
wichtige Entscheidungen. Die Nato, EU-Gremien und kleinere Bündnisse
gewinnen an Bedeutung. Und bilaterale Absprachen sind in Mode. Ein Donald
Trump etwa telefoniert lieber direkt mit Wladimir Putin oder Xi Jinping,
als auf Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat zu warten.
2 Jun 2026
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