# taz.de -- Krieg in Libanon: Israels Militär macht ganz Südlibanon zur Kampfzone
> Militärsprecher Adraee ruft fast die ganze Großstadt Sour zur Flucht auf.
> Über 150.000 Menschen lebten dort. Auch Hisbollah greift weiter in Israel
> an.
(IMG) Bild: Zerstörung nach israelischen Luftangriffen in der südlichen Hafenstadt Tyros am 28. Mai 2026
Ein rot-gelber Feuerball und eine riesige Wolke steigen zwischen Gebäuden
in der Stadt Sour in Südlibanon auf. Ein in den sozialen Netzwerken
geteiltes Video dokumentiert den israelischen Angriff am Donnerstagmorgen.
Ein Gebäude wurde getroffen, ein Feuer ausgelöst.
Am Dienstag trafen außerdem israelische Luftangriffe den Staudamm in
Qaraoun im Osten des Landes. Die Behörde für den Fluss Litani gab bekannt,
dass wiederholte Angriffe auch die Zufahrtsstraßen zu dem Damm sowie
dazugehörende Anlagen getroffen haben. „Jegliche direkten oder indirekten
Angriffe auf den Qaraoun-Staudamm oder seine Anlagen können katastrophale
Folgen haben“, so die Behörde laut der staatlichen Nachrichtenagentur. Der
Damm brach glücklicherweise nicht. Er spielt eine wichtige Rolle für die
Wasserversorgung des Landes.
Ungeachtet des eigentlich vereinbarten und offiziell weiterhin geltenden
Waffenstillstands weitet die israelische Armee die Bombardierung im Land
sowie ihre Bodenoffensive in Südlibanon drastisch aus. Der israelische
Militärsprecher Avichay Adraee hat am Donnerstag alle Gebiete südlich des
Flusses Zahrani zur Kampfzone der israelischen Armee erklärt. Dazu gehört
auch die Großstadt Sour und Umgebung. Mit Ausnahme eines Viertels soll die
ganze Stadt flüchten, [1][erklärte Adraee online]. Über 150.000 Menschen
leben eigentlich dort.
Der sogenannte Waffenstillstand gilt seit Mitte April. Seitdem haben
israelische Angriffe mindestens 608 Menschen in Libanon getötet, teilt die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Unter den Getöteten waren auch
[2][die Journalistin Amal Khalil] und zahlreiche Ersthelfer. Auf
israelischer Seite wurden dem Militär zufolge im Zeitraum der Waffenruhe 10
Soldaten getötet, 6 davon durch Sprengstoffdrohnen der Hisbollah auf
Nordisrael sowie im besetzten Südlibanon. Dort demoliert die israelische
Armee mit Bulldozern weiterhin zivile Infrastruktur. Laut Berichten sind
auch zivile Unternehmer daran beteiligt. [3][Ganze Orte werden dem Erdboden
gleichgemacht.]
## Hunderttausende in Libanon auf der Flucht
Kurz nach dem Angriff der USA und Israels in der Islamischen Republik Iran
Ende Februar stieg auch die von Iran unterstützte militante Hisbollah in
den Krieg ein und griff nach einer Phase der Zurückhaltung wieder in Israel
an. Seitdem wurden durch Angriffe der Hisbollah und Irans insgesamt 24
Israelis getötet, darunter 23 Soldat*innen. Im selben Zeitraum haben
israelische Angriffe in Libanon rund 3.200 Menschen getötet, so das
libanesische Gesundheitsministerium. Erst am Wochenende zerstörte eine
israelische Bombe das Zentrum eines für Rettungseinsätze verantwortlichen
Zivilschutzes im Süden.
Angriffe auf zivile Einrichtungen und Zivilist*innen sind [4][im
Völkerrecht verboten, sie gelten als Kriegsverbrechen]. Eine
Zwangsvertreibung der Zivilbevölkerung ist ebenso völkerrechtswidrig.
Die israelischen Angriffe und Aufforderungen zur sogenannten Evakuierung
haben in Libanon eine erneute Welle der Flucht ausgelöst. Viele verließen
diese Woche die südlichen Städte Nabatija und Sour sowie umliegende
Gebiete. Hunderttausende Menschen in Libanon bleiben weiter vertrieben,
viele schlafen auf der Straße.
## Weitere Verhandlungen mit Israel stehen an
Auf Druck der USA führt Libanon derzeit [5][direkte Verhandlungen mit
Israels Vertretern] in Washington. [6][Das nächste Treffen steht am Freitag
an]. Die Miliz-cum-Partei Hisbollah lehnt Verhandlungen mit Israel ab und
macht innenpolitisch Druck auf die Regierung: Hisbollah-Chef Naim Kassem
hatte zuletzt seine Anhänger dazu aufgerufen, die libanesische Regierung zu
stürzen.
Die libanesische Regierung ist keine Kriegspartei. Sie drängt auf eine
Entwaffnung der Hisbollah in ganz Libanon und hatte im vergangenen Jahr
bereits mit der Räumung erster Hisbollah-Stellungen begonnen. Auch weil die
Hisbollah besser ausgerüstet ist als das Militär [7][des wirtschaftlich
schwer angeschlagenen libanesischen Staates], gestaltet sich das aber
anhaltend schwierig. Ein Durchbruch bei den Gesprächen ist nicht zu
erwarten.
28 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://x.com/AvichayAdraee/status/2059621847994380652?s=20
(DIR) [2] /Israel-toetet-Journalistin-in-Libanon/!6173294
(DIR) [3] /Israel-dringt-in-Libanon-vor/!6165509
(DIR) [4] /Israel-Iran-Krieg/!6094306
(DIR) [5] /Libanesische-Diplomatin-Nada-Hamadeh/!6170928
(DIR) [6] /Krieg-in-Nahost/!6181975
(DIR) [7] /Wirtschaftskrise-im-Libanon/!6081884
## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
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