# taz.de -- Offensive in Libanon: Iran bricht Verhandlungen mit den USA vorläufig ab
> Israels Vormarsch in Libanon sabotiert die Verhandlungen zwischen den USA
> und Iran – und könnte auch für Israel selbst zum Verhängnis werden.
(IMG) Bild: Zerstörung mit geopolitischen Auswirkungen: Gebäude nach Luftangriffen in der libanesischen Hafenstadt Tyrus
Der israelische Premier Benjamin Netanjahu feiert das weitere Vorrücken der
israelischen Armee in Libanon als großen Etappensieg. Er steht zu Hause
unter Druck – von einer Opposition, die eine noch härtere Gangart in
Libanon fordert. [1][Am Sonntag eroberten israelische Truppen erstmals
wieder seit über einem Vierteljahrhundert die Kreuzritterburg Beaufort in
Südlibanon] und drangen sogar bis in die Vororte der Stadt Nabatija vor.
„Wir sind zurück, geeint, entschlossen und stärker als jemals zuvor“,
verkündete Netanjahu in einer Videobotschaft. Kurz darauf ordnete er
erneute Angriffe auf die südlichen Vororte von Beirut an, und die
israelische Armee griff erneut Orte in der südlibanesischen Mittelmeerstadt
Tyros an. Tausende Libanesen befinden sich erneut auf der Flucht. Es ist
ein Déjà-vu der israelischen Besatzung Südlibanons, die 1982 begann und
2000 endete.
Die israelische Eskalation hat bereits diplomatische Auswirkungen. Laut
iranischer Nachrichtenagentur wurden die [2][Verhandlungen mit den USA
vorläufig ausgesetzt.] Das iranische Verhandlungsteam stellt den Austausch
gegenseitiger Nachrichten aufgrund der Offensive in Libanon ein, heißt es
dort.
[3][Was in Libanon geschieht], hat unmittelbare Auswirkungen auf die
amerikanisch-iranischen Verhandlungen, in denen um ein Ende des Krieges am
Golf und der Öffnung der Straße von Hormus gerungen wird.
Bringt Libanon die Iran-Verhandlungen zum Entgleisen?
Der israelische Vormarsch in Südlibanon stärkt jene Kräfte im iranischen
Regime, die ein Ende des Krieges am Golf mit einem Ende des Krieges in
Libanon verbinden wollen. Mit den Ereignissen der letzten Stunden rückt die
Forderung nach einem Ende des Waffengangs in Libanon und dem Rückzug der
israelischen Armee wieder nach oben auf der iranischen Agenda.
Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmaeil Baghaei, betonte,
dass israelische Aktionen in der Region, einschließlich in Libanon, nicht
von den USA zu trennen sind. Ein Ende des regionalen Konflikts müsse auch
einen echten Waffenstillstand in Libanon beinhalten. Auch der iranische
Chefunterhändler Mohammad-Bagher Ghalibaf erklärte, dass die
„Kriegsverbrechen in Libanon ein klarer Hinweis sind, dass die USA einem
Waffenstillstand zuwiderhandelt“.
Der Versuch Washingtons, die Lage in Libanon von den Verhandlungen mit Iran
zu trennen, ist in den letzten Tagen sicherlich nicht einfacher geworden.
Die Iraner wollen ein Ende der US-Seeblockade und Zugang zu den
eingefrorenen iranischen Geldern – und jetzt auch verstärkt ein Ende des
Krieges in Libanon, bevor sie die Blockade der Meerenge von Hormus beenden.
Die Atomverhandlungen sollen nach iranischer Vorstellung erst dann
beginnen. Libanon könnte also die bisherigen Verhandlungen zum Entgleisen
bringen.
Die Verhandlungen mit Iran sind also nicht nur komplizierter geworden,
sondern auch fataler: sie hängen nun vom Verhalten des israelischen
Premiers und seiner Armee in Libanon ab. Der wiederum zeigt kein Interesse
daran, den Waffengang in Libanon und in Iran zu beenden.
## Kann Israel aus der Offensive politischen Gewinn ziehen?
Den israelischen militärischen Vormarsch in Libanon scheint derweil nichts
aufzuhalten. Doch eine der Fragen ist, ob sich das auch in einen
politischen Gewinn für Israel ummünzen lässt. Denn die entscheidende Größe
zur Übersetzung in einen politischen Gewinn ist für Israel die libanesische
Regierung – und die ist schwach.
Israel will, dass die libanesische Armee vollzieht, was die eigene Armee
nicht geschafft hat: die Hisbollah zu entwaffnen. Dass dies nun der
libanesischen Armee gelingt, scheint unrealistisch, stattdessen könnte ein
libanesischer Bürgerkrieg drohen.
Vor ein paar Monaten hieß es aus Israel, man werde mit den Angriffen auf
das Regime in Teheran das iranische Volk befreien. Nun lässt Israel
verlautbaren, dass die Gelegenheit für die Libanesen noch nie so günstig
war, die bei Vielen verhasste Hisbollah loszuwerden.
Dass dabei aber massiv Infrastruktur und die Lebensgrundlagen von Millionen
Menschen zerstört werden, wird geflissentlich ausgelassen. Genauso wie die
Frage, ob sich die Menschen mithilfe israelischer Militär-Hardware befreien
lassen wollen und ob sie im Falle Libanon erneut eine längerfristige
israelische Militärpräsenz akzeptieren werden.
## Hisbollah als Antwort auf israelische Besatzung
Geht die Rechnung also auf? Es ist davon auszugehen, dass sich am Ende
niemand ernsthaft der immer noch sehr starken Hisbollah entgegenstellen
wird, zumal das einer Kriegserklärung gegen die schiitische Bevölkerung
gleichkäme, die die Hisbollah immer noch als ihre Schutzmacht ansieht.
Die Frage ist, ob das militärische Vorgehen Israels nicht ein zu großer
Brocken ist, um ihn herunterzuschlucken. Bei der israelischen Besetzung
Südlibanons 1982 ging es um die Präsenz der säkularen palästinensischen
PLO. Die Hisbollah entstand erst als schiitische Antwort auf die
israelische Besatzung. Sie machte den israelischen Besatzern das Leben in
Südlibanon in einer Guerillataktik in asymmetrischer Kriegsführung zur
Hölle, die dort unter permanenten Beschuss gerieten. Als der letzte
israelische Soldat im Mai 2000 Südlibanon verließ und die Besatzung
beendete, ging ein kollektiver Seufzer der Erleichterung durch die Reihen
der israelischen Armee.
Jetzt steht die israelische Armee wieder da und gibt paradoxerweise gerade
jener Organisation Aufwind, die sie bekämpfen will. Die Hisbollah schreibt
einmal mehr die Befreiung jedes Zentimeters libanesischen Boden auf ihre
Fahnen und gewinnt damit angesichts der erneuten israelischen Besatzung
neue Legitimität – vor allem unter der schiitischen Bevölkerung, die jetzt
erneut ihr Land verliert und nicht in ihre Dörfer zurückkehren kann. Eine
langfristige israelische Präsenz in Libanon könnte eine neue Dynamik
auslösen, wie während der vorherigen Besatzung, als die Hisbollah als
Antwort geboren wurde.
1 Jun 2026
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