# taz.de -- Flucht und Klimawandel: Ein Klima der Krisen
       
       > Extremwettereignisse verschärfen Fluchtbewegungen – aber weder
       > Entwicklungshilfe noch Migrationspolitik reagieren, warnt der „Report
       > Globale Flucht“.
       
 (IMG) Bild: Zu viel Wetter, zu wenig Hilfe: Insbesondere auch Länder in Afrika, hier Kenia, trifft der Klimawandel hart
       
       Es sind insgesamt mehr, als Kanada oder Polen Einwohner:innen haben: 30
       Millionen Menschen mussten allein im vergangenen Jahr vorübergehend wegen
       Extremwetterereignissen fliehen. Weitere 14 Millionen Menschen waren 2025
       wegen Stürmen, Dürren oder Überschwemmungen dauerhaft innerhalb ihres
       Landes vertrieben. Klimabedingte Flucht sei „keine Zukunftsfrage mehr“,
       sagt die Migrationsforscherin Petra Bendel. Vertreibung durch eine
       zunehmende Zahl von Extremwetterereignissen sei vielmehr bereits in vollem
       Gange.
       
       Mit anderen Wissenschaftler:innen stellte die an der FAU
       Erlangen-Nürnberg lehrende Bendel am Montag in Berlin den Report Globale
       Flucht vor. Dessen Kernbotschaft: Der Klimawandel sei eine „wichtige
       Triebkraft von Flucht“. Gleichzeitig stecke in der Mobilität auch „die
       Chance einer besseren Anpassung“.
       
       Klar sei, dass heute die meisten von Extremwetterereignissen Betroffenen
       innerhalb ihrer Herkunftsregionen bleiben, da sie keinen Zugang zu Schutz
       an anderen Orten oder zu legalen Migrationswegen haben, so Bendel.
       Gleichzeitig reiche das bestehende Flüchtlingsrecht nicht aus, um
       Herausforderungen klimabedingter Mobilität zu bewältigen[1][. Zwar erkennen
       die UN heute die Klimakrise als Fluchtgrund an]. Einen Rechtsanspruch auf
       Aufnahme gibt es aber nicht – und vor allem die Industriestaaten haben
       immer wieder klargemacht, dass sie einen solchen auf keinen Fall mittragen
       wollen.
       
       ## Mobilität als Chance
       
       Bendel sagte, dass viele Geflüchtete in einer „Zwickmühle zwischen
       Rückkehr, bleiben oder weiterwandern“ steckten. „Sie wandern aber primär
       dann weiter, wenn sie auf ihrem Weg Gewalterfahrungen machen müssen.“ Schon
       2020 habe der UN-Menschenrechtsausschuss und 2025 der Internationale
       Gerichtshof betont, dass niemand in ein Land abgeschoben werden dürfe, in
       dem ihr oder sein Leben durch Klimafolgen bedroht ist. In ihrem Report
       betonen die Forscher:innen aber, dass es ihnen keineswegs nur um die
       Frage nach Aufnahme oder Umsiedlung geht. Stattdessen brauche es
       „mehrdimensionale Lösungen“ auf lokaler, regionaler und auf internationaler
       Ebene. Die Betroffenen müssten bestmöglich bei der Bewältigung von
       Klimakatastrophen unterstützt werden, sagte Bendel.
       
       Mobilität könne dabei eine geeignete Form der Anpassung an den Klimawandel
       sein. Ebenso wichtig sei aber, die Resilienz der Betroffenen zu erhöhen.
       Eine Möglichkeit dazu sei beispielsweise, in gefährdeten Regionen Schulen
       und Krankenhäuser als widerstandsfähige Infrastruktur so anzulegen, dass
       sie Extremwetterereignisse überstehen können. Dafür aber fehle es an
       ausreichender Finanzierung.
       
       ## „Imperiale Bestrebungen“ als Problem
       
       Der Migrationsforscher Franck Düvell vom IMIS in Osnabrück weist in seinem
       Beitrag auf die Folgen der „fundamentalen Verschiebungen der geopolitischen
       Ordnung“ für die Migration hin. „Imperiale Bestrebungen“ würden heute neue
       Konflikte schaffen und bestehende anheizen, etwa in Sudan oder der Ukraine.
       Handelsabkommen, Zusammenarbeit zur Arbeitsmigration oder humanitäre Hilfe
       würden von konfrontativer Machtpolitik untergraben. „Die Verschärfung
       geopolitischer Bruchlinien lässt für die Entwicklung des globalen
       Fluchtgeschehens nur wenig Hoffnung auf Verbesserungen“, so Düvell.
       
       Sie erwarte, dass die am 12. Juni in Kraft tretende [2][Reform des
       Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS)] zu weiteren Rechtsbrüchen
       führen werde, sagte Petra Bendel. Sie rechne mit einer „Ausweitung
       haftähnlicher Unterbringungen“ an den europäischen Außengrenzen. Auch sei
       eine weitere Marginalisierung von besonders schutzbedürftigen Gruppen zu
       erwarten, da die Schutzzusagen in dem neuen Regelwerk unzureichend seien.
       Dazu zähle auch die deutsche Praxis der Zurückweisung an den Binnengrenzen,
       da dabei keine echte Überprüfung der Schutzbedürftigkeit der Betroffenen
       stattfinde. Dieses Verhalten sei „rücksichtslos nationalistisch“.
       
       Der Migrationsforscher Marcus Engler kritisiert, dass die Bundespolitik den
       Erfolg ihrer zusehends restriktiven Asyl- und Flüchtlingspolitik nur noch
       am „Sinken der Ankunftszahlen durch nicht rechtskonforme Zurückweisungen“
       messe. Er fürchte, dass das fragile globale System des Flüchtlingsschutzes
       „gerade komplett zerstört wird“, so Engler.
       
       ## Kein Platz mehr für Humanität
       
       Die Forscher:innen bedauern, dass die Bereitschaft europäischer Staaten,
       sich an humanitären Aufnahmeprogrammen zu beteiligen, zurückgegangen ist.
       Sie verweisen auf einen Beschluss von Ende 2025, wonach nur neun
       EU-Mitgliedstaaten bereit sind, innerhalb von zwei Jahren insgesamt 10.430
       Plätze für Neuansiedlung und Aufnahme aus humanitären Gründen zur Verfügung
       zu stellen. Deutschland, das im Zeitraum 2012 bis 2024 nach Schweden der
       Staat war, der am meisten Menschen über solche Programme aufgenommen hatte,
       stellt für 2026 und 2027 demnach keine Plätze mehr bereit
       
       Hinter dem vom Bundesforschungsministerium geförderten Report Globale
       Flucht steht ein Netzwerk unter Federführung von Forscherinnen und
       Forschern aus Bonn, Osnabrück und Erlangen. Ebenfalls am Montag hatten
       kirchliche Hilfsorganisationen zu mehr Hilfe für die Opfer des Krieges im
       Sudan aufgerufen. Mit 20 Millionen hungernden Menschen und mehr als 150.000
       im Krieg getöteten Menschen sei der Sudankonflikt die größte humanitäre
       Krise weltweit, erklärten „Diakonie Katastrophenhilfe“ und „Caritas
       International“ am Montag.
       
       „Die verheerende Lage in Sudan findet aber immer weniger Beachtung. Sie
       wird von anderen Kriegen und Katastrophen überlagert. Und sie wird
       international schlichtweg ignoriert“, sagte der
       Diakonie-Katastrophenhilfe-Chef Martin Keßler. Caritas International
       erläuterte, dass die Staatengemeinschaft derzeit nur rund 40 Prozent der
       eigentlich nötigen Hilfsgelder aufbringt. Spenden gingen zurück. „Dieser
       Tendenz können wir aber mit Anteilnahme und Spenden für die Hilfe in Sudan
       und den Nachbarländern begegnen. Solidarität rettet Menschenleben“, sagte
       der Leiter von Caritas International, Oliver Müller.
       
       1 Jun 2026
       
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