# taz.de -- Abwanderung aus Deutschland: Auf Wiedersehen
> Immer mehr Menschen verlassen Deutschland. Das liegt am Lügenbild, das
> über diesen unseren Staat verbreitet wird. Und könnte die Stimmung
> verbessern.
(IMG) Bild: La dolce vita mit Blick auf die lächerlichen Deutschen und ihr Gendern auf der anderen Seite des Bodensees
Deutschland ist irgendwie voll scheiße und so.
Wer an dieser Stelle von seiner Zeitung ein analytischeres Statement oder
gar echte Gründe erwartet hätte, dürfte nun eventuell enttäuscht sein. Doch
ebendieser diffuse Satz trifft die gleichfalls diffusen Stimmungen, aus
denen sich das unbestimmte, düstere Grundrauschen in diesem unserem Lande
zusammensetzt, nun mal am besten. Es ist genau dieses Grundrauschen, das
vor allem [1][die AfD] erst erzeugt und dann verstärkt, um anschließend
gekonnt darauf zu surfen wie eine jugendliche Schmeißfliege auf frischem
Durchfall.
Nur so ein Gefühl. Damit hat es diese Partei geschafft, [2][innerhalb eines
Jahres die statistische Nettozuwanderung um fast die Hälfte, nämlich um 45
Prozent, zu verringern]. Da sie nicht regiert, brauchte sie dazu natürlich
die beflissene Mitarbeit der willfährigen Helferlein in Gestalt fast aller
anderen Parteien, insbesondere derer, die heute an der Regierung sind. Ein
restriktiver bis ungesetzlicher Umgang mit dem Asylrecht trägt einiges zu
dem negativen Zuwanderungssaldo bei, was viele wider jede demografische
Vernunft gewiss erfreulich finden – das ist hier schließlich immer noch
Deutschland.
Doch ein Rückgang der Zahl Asylsuchender macht nur einen Teil der
Entwicklung aus. Denn man muss nur lange genug betonen, wie schlimm es hier
ist, damit unser Arbeitsmarkt auch für eine dringend benötigte, gezielte
und qualifizierte Zuwanderung unattraktiv wird. Neben Kälte, Rassismus,
Unfreundlichkeit und Sprachbarriere wird den potenziellen Neubürgern klar
signalisiert: Bleibt um Himmels willen weg, macht ihr euch bitte nicht auch
noch unglücklich!
## Vielleicht sollten die Unzufriedenen wirklich alle gehen
Aber auch die steigenden Abwanderungszahlen deutscher Staatsbürger fließen
in die Statistik ein. Eine Zeit lang hatte man noch gehofft, dass vor allem
in ihrer politischen Kognition Beeinträchtigte in beliebte
Musterdemokratien wie Ungarn und Paraguay türmten und sich auf diesem Wege
auch die seelisch moralische Binnenatmosphäre in Deutschland erholen
könnte.
Doch nun heißen die Hauptzielländer Schweiz, Österreich und Spanien. Das
klingt wiederum nach qualifizierter Abwanderung – ein Saldo, der nicht im
Interesse unseres Landes sein kann und ein Ergebnis der oben genannten
Stimmungsmache ist. Man hat den Leuten jeden Tag Angst gemacht, alles
schlechtgeredet, eine verlogene Dystopie konstruiert, und nun gehen nicht
selten genau die Leute, die auch die AfD wahrscheinlich gern im Land
behalten hätte: gut ausgebildete, furchtsame weiße Normalbürger. Die
Stimmung ist am Boden, der fleißige deutsche Angsthase legt seine Eier
jetzt woanders.
Man hat ihnen lange genug erzählt, dass es überall sonst besser wäre. Im
zurzeit liberalen Spanien mögen sie die Sonne suchen. Doch in Ländern wie
der stockkonservativen Schweiz oder dem [3][FPÖ-verseuchten Österreich]
suchen sie so was wie Sicherheit, Recht und Ordnung, weil man ihnen erzählt
hat, dass es das hier nicht mehr gäbe.
Wer noch [4][in typischen Boomer-Netzwerken] unterwegs ist und wie bei
einem schlimmen Autounfall nicht wegschauen kann, bekommt ein Lügenbild
dieses Landes gezeichnet, das mit der Wirklichkeit und der
Kriminalstatistik divergiert. Denn es sind wohl weniger die sozialen
Verwerfungen, die Sparzwänge, die Bildungsmisere, die unverschämten Mieten,
die diese Leute aus dem Land treiben, sondern vor allem die Narrative
überbordender Gewalt in den Städten, völligen Zerfalls, nicht enden
wollender öffentlicher Geschlechtsumwandlungen, und gendern muss man
wahrscheinlich auch noch, sonst wird man getötet, verklagt oder sogar
angemeckert.
Vielleicht sollten die Unzufriedenen wirklich alle gehen. Für uns andere
gibt es hier doch immerhin auch noch viel Gutes: eine geringe
Jugendarbeitslosigkeit im Gegensatz zu Spanien, eine immer noch relativ
gute Gesundheitsversorgung im Vergleich zu Irland, dass Rechtsradikale
nicht in einem Maße hoffähig sind wie in Österreich, dass ein flexibles
System – anders als in der Schweiz – Machtwechsel ermöglicht. Nach dieser
Selbstreinigung wird sicher auch die Stimmung besser.
2 Jun 2026
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