# taz.de -- Satirethriller „Good Boy“: Der gute Junge und die schlechte Aufmerksamkeit
       
       > Können Menschen sich ändern? Jan Komasas Satirethriller „Good Boy“
       > interessiert sich vor allem dafür, welche Form von Aufmerksamkeit sie
       > dazu brauchen.
       
 (IMG) Bild: Eine Familie? Kathryn (Andrea Riseborough), Jonathan (Kit Rakusen), Chris (Stephen Graham) und Tommy (Anson Boon) in „Good Boy“
       
       Ausgerechnet Wilhelm Busch drängt sich als Referenz für den neuen Film von
       Jan Komasa auf. „Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen,
       Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge“, notierte der deutsche
       Dichter und Zeichner einst. Im Kern denkt nun auch der polnische
       Filmemacher über Aufmerksamkeit nach: über das Heil, das in ihr liegen
       kann, und das Unheil, das bisweilen aus ihr erwächst, wenn sie für das
       Falsche gewährt wird.
       
       Zunächst aber führt eine andere Spur zu [1][Wilhelm Busch. Denn Jan Komasas
       satirischer Thriller erinnert bei aller zeitgenössischen Zuspitzung nicht
       zuletzt an „Max und Moritz“], an die Geschichte über zwei Lausbuben, deren
       Streiche ein ganzes Dorf in Aufruhr versetzen – und die die unerbittliche
       Konsequenz ihres Tuns erfahren. Auch „Good Boy“ konzentriert sich auf eine
       verhängnisvolle Dynamik aus Verfehlungen und grausamen Strafen und bedient
       sich dabei schulmeisterlicher Motive.
       
       Jan Komasas „Lausbub“ heißt Tommy (Anson Boon), ist ein gerade noch
       jugendlicher Brite und wird in einer atemlosen Auftaktmontage durch die
       Exzesse einer Partynacht vorgestellt. Trinkend, prügelnd, jede verfügbare
       Droge einwerfend, zwischen dröhnenden Boxentürmen schnellen Sex habend, an
       Bushaltestellen pinkelnd und pöbelnd taumelt er durch Clubs und Straßen –
       bis er im Licht eines Autoscheinwerfers zusammenbricht und sein Martyrium
       beginnt.
       
       Wenn „Good Boy“ ihn dann das nächste Mal zeigt, ist Tommy wortwörtlich an
       die Leine genommen. Von der Decke eines muffigen Kellerraums hängt eine
       schwere Kette, die in eine eiserne Halsfessel mündet und ihm gerade genug
       Spiel lässt, um sich auf eine dünne Matratze zu kauern. Sein Entführer
       wiederum trägt Perücke und Goldrandbrille, ist mit Pfefferspray und Taser
       ausgestattet, heißt Christopher (Stephen Graham) und ist Familienvater, wie
       sich zeigt. Seine blasse Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und den
       zehnjährigen Sohn Jonathan (Kit Rakunsen) spricht er meist nur mit
       „Prinzessin“ respektive „Sonnenschein“ an.
       
       ## Die Strafe folgt sogleich
       
       So skurril diese Konstellation auch klingen mag, so erstaunlich schnell
       stellt sich fast schon familiäre Alltäglichkeit ein. Zwar versucht Tommy zu
       fliehen, doch das abgelegene Herrenhaus, umgeben von weiten Wiesen,
       verschluckt seine Schreie ebenso wie lange jede Hoffnung auf Rettung.
       
       Dass man sich auch als Zuschauer bereitwillig auf dieses groteske Szenario
       einlässt, liegt nicht zuletzt daran, dass „Good Boy“ weitgehend auf die
       erwartbaren Schockbilder körperlicher Folter verzichtet. Stattdessen stehen
       Achtsamkeitskassetten und Aufklärungsvideos auf dem Programm. Über einen
       alten Röhrenfernseher flimmern etwa stundenlang Videos über die Gefahren
       von Drogen und Trunkenheit am Steuer.
       
       Die Strafe, die für Tommy vorgesehen ist, hat also mehr von einem
       Nachsitzen, von spröder Verkehrserziehung und schließlich auch erzwungener
       Selbstreflexion. Vor allem in Letzterer streift Jan Komasa die
       interessantesten Gedanken, die in „Good Boy“ stecken. Fast wie zwei
       enttäuschte Erzengel beim Jüngsten Gericht rahmen Christopher und Kathryn
       in einer Szene den Bildschirm, während Tommy mit den digitalen Spuren
       seiner Verfehlungen konfrontiert wird: Zu sehen sind die Tiktok-Videos, die
       den 19-Jährigen dabei zeigen, wie er betrunken Autos stiehlt und damit
       Unfälle verursacht, oder wie er einen jüngeren Schüler attackiert und
       demütigt.
       
       Ins Bild rücken aber auch die Reaktionen darauf, die unzähligen Likes und
       Kommentare von Hunderttausenden von Nutzern. Bezeichnenderweise reagiert
       Tommy nicht erschüttert, sondern erinnert sich zuerst an die Klickzahlen,
       die ihm diese Momente eingebracht haben.
       
       Hier wird deutlich, dass Jan Komasas Spitzen auf eine schale
       Aufmerksamkeitsökonomie zielen, in der Reichweite die zentrale Währung ist:
       Die sozialen Medien belohnen das Empörende, wodurch das Grausame oder auch
       einfach nur Hirnrissige oft die größte Resonanz erzeugt – und so derlei
       auch im echten Leben fördert.
       
       ## Die längere Leine
       
       Dieser negativen Aufmerksamkeit stellt „Good Boy“ allerdings eine andere,
       deutlich positivere Form gegenüber. Was Tommy letztlich verändert, ist
       Zuwendung, die ihm bislang offenbar gefehlt hat. Kathryn bringt ihm
       Literaturklassiker näher, und als Christopher die Leine lockerer werden
       lässt, entwickelt er zu Jonathan eine brüderliche Beziehung.
       
       Die eigentlichen Beweggründe dieser Familie bleiben allerdings im Unklaren.
       Damit unterstreicht [2][Jan Komasa] ein weiteres Mal, dass es ihm weniger
       um effektheischende Plott-Twists als um das Parabelhafte geht. Darin aber
       liegt zugleich die Reibung dieser Erzählung: Während die Kritik an einer
       digitalen Aufmerksamkeitsökonomie leicht nachzuvollziehen ist, wird es
       nicht nur deutlich origineller, sondern auch komplizierter, wo ihr als
       Gegenmodell ausgerechnet die konservative Familie und eine strafende
       Autorität gegenüberstellt werden.
       
       Eindeutig auf eine Seite schlägt sich „Good Boy“ hier allerdings nicht.
       Anders als „Max und Moritz“ endet Tommy nicht als Entenfutter, erhält
       letztlich eine Möglichkeit zur Entscheidung – und doch besteht am Ende kein
       Zweifel daran, wohin ihn sein Herz führt. Allerdings auch nicht daran, dass
       Jan Komasa mit dieser gelungenen Provokation vielmehr zum Denken anregen
       als ideologisch Position beziehen will.
       
       3 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Direktorin-des-Busch-Museums-ueber-Karikatur/!5084974
 (DIR) [2] /Spielfilm-The-Change/!6123924
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arabella Wintermayr
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Satire
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) TikTok
 (DIR) Aufmerksamkeit
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Film
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Influencer-Comedy „Babystar“: Das ist schon nice
       
       In seinem satirischen Spielfilm „Babystar“ zeigt Joscha Bongard eine
       Influencer-Familie der Hölle. Den kapitalistischen Oberflächenkult
       inszeniert er konsequent kalt.
       
 (DIR) Spielfilm „The Change“: Verzweifeltes Schreien
       
       Der US-Thriller „The Change“ erzählt vom autoritären Umbau eines Staates.
       Vor allem ist es aber eins: emotional aufgeladenes Blendwerk.
       
 (DIR) Kolumne Draußen im Kino: Die Berlinale ist wie die Liebe...
       
       ... also immer gleichzeitig vertraut und neu: Fahrradfahren als Teil des
       Festivals, die Zigarette vor dem Film - und die Regisseure im Kampf gegen
       die Gameindustrie.