# taz.de -- Influencer-Comedy „Babystar“: Das ist schon nice
       
       > In seinem satirischen Spielfilm „Babystar“ zeigt Joscha Bongard eine
       > Influencer-Familie der Hölle. Den kapitalistischen Oberflächenkult
       > inszeniert er konsequent kalt.
       
 (IMG) Bild: Alles auf dem Schirm: Familie Sommers in „Babystar“ am Esstisch
       
       Dass der Influencer-Film als eigenes Subgenre in den letzten Jahren im Kino
       Konjunktur hat, ergibt total Sinn. Schließlich bieten die
       Kapitalisierungsmechaniken im Zeitalter totaler Socialmedialisierung mit
       ihren Ambivalenzen und teils unfassbaren Blödheiten viele Angriffsflächen
       für filmische Auseinandersetzungen.
       
       Auch [1][Joscha Bongard hat sich bereits in seinem Langfilmdebüt, dem
       Dokumentarfilm „Pornfluencer“], mit dem Influencertum beschäftigt. Er
       folgte einem jungen Paar, das als „Verified Couple“ mit selbstgedrehten
       Pornos nach Freiheit und Reichtum strebte – ein Film, der sich von dem sex-
       und pornopositiven Vorhaben, das der Regisseur ursprünglich im Sinn hatte,
       zum verstörenden und doppelbödigen Porträt einer toxischen Beziehung
       entwickelte.
       
       Mit „Babystar“, mit dem der 31-jährige Regisseur auf das Toronto
       International Film Festival eingeladen wurde, macht er nun spielfilmisch
       ziemlich genau dort weiter. Gleich in den ersten Einstellungen strahlen die
       Bilder wie unter einem Instagram-Filter, Kinderfans steigen aus dem Auto,
       um, begleitet von Kameras, Momente mit Luca Sommer ([2][Maja Bons]) und
       ihren Eltern Stella (Bea Brocks) und Chris (Liliom Lewald) zu verbringen.
       „Das Beste ist, dass wir dafür bezahlt werden, dass wir einfach wir sind.
       Das ist schon nice“, sagt Luca.
       
       Die Sommers sind die Family-Influencer of hell. Schon vor der Geburt der
       zur Zeit der Handlung 16-jährigen Tochter, die natürlich auch auf den
       Familienkanälen übertragen wurde, war das Familienleben Content. Lucas
       gesamte Entwicklung, Ultraschallbilder, erste Erfolge auf dem Töpfchen,
       unangenehme Mutter-Tochter-Aufklärungssgespräche, Yoga, Zähneputzen, Essen
       – alles wird aus der so durchdesignten wie gesichtslosen Familienvilla in
       die große weite Welt übertragen. Lächeln, gut aussehen, Markenwerbung
       einbauen, und der Profit steigt.
       
       ## Sie sucht Nähe
       
       Bongard erzählt seinen Film nach einem gemeinsam mit Nicole Rüthers
       verfassten Drehbuch mit großer Ruhe zwischen satirischer Zuspitzung und
       Thrillervibes. Wenn nicht gerade Bilder der Überwachungskameras
       weitwinkelig von oben auf das Treiben schauen, gleitet die Kamera durch das
       helle Anwesen und beobachtet einen Alltag im Algorithmus- und
       Interaktions-Hamsterrad.
       
       „Die Engagements sind einfach bei über 300 Prozent“, staunt Chris am Pool,
       während Stella neben ihm auf dem Smartphone daddelt. Dass Luca Nähe sucht,
       rebelliert und sich dafür im Pool halb ersäuft, merkt der Papa erst, als
       die Tochter seinen Laptop ins Wasser wirft. Ärger gibt es dafür keinen,
       keine bad vibes, auch nicht im realen zwischenmenschlichen Miteinander.
       
       Die Stimmung kippt, als ihre Eltern Luca offenbaren, dass sie ein zweites
       Kind wollen und gleich online wieder mit der Vermarktung des neuen
       „Produkts“ beginnen. Luca dreht frei, als ihr in einem Edelrestaurant eine
       Torte vorgesetzt wird, auf der „Einzelkind“ durchgestrichen steht. Sie
       verschwindet aus dem Raum, kommt wieder, zieht sich aus und pinkelt vor
       gefülltem Haus und gezückten Smartphones in einen Eimer. Ab da nimmt eine
       Rebellion ihren Lauf, die „Babystar“ meist leise zeigt. Luca zieht aus und
       kommt Content-Producerin Julie (Joy Ewulu) näher.
       
       In seinem Ansatz hat „Babystar“ etwas Didaktisches, und die Kälte, mit der
       Bongard seiner Heldin folgt, fördert nicht gerade den emotionalen Zugang zu
       ihr. Zugleich ist dieser Modus konsequent in diesem Film, der den
       kapitalistischen Oberflächenkult unserer Gegenwart auf Anschlag dreht und
       dessen zwischenmenschliche Folgen durchseziert und der selbst Marken
       verpixelt und auspiept.
       
       Böse sind die Eltern nicht, aber ihr Mantra des Selfmade-Business aus dem
       Nichts ist toxisch. Wem gehört das Kapital, wenn das Content-Zentrum
       aussteigen will? Und wie lernen wir das Menschsein und echte Gefühle, wenn
       alles nur noch hochgestylt und verkünstelt wird, um mehr Geld zu machen?
       Das Element Wasser zieht sich als Motiv durch den Film, ebenso Natasha
       Bedingfields Popevergreen „Unwritten“: „Feel the rain on your skin, no one
       else can feel it for you, only you can let it in“ (Spüre den Regen auf
       deiner Haut, niemand sonst kann ihn für dich spüren, nur du kannst dich ihm
       hingeben). Hauptsache wirklich fühlen.
       
       27 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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