# taz.de -- Ungarische Medien nach Orbán: Was bleibt nach 15 Jahren Propaganda?
       
       > Márton Gergely erzählt vom Niedergang der Fidesz-Medien, journalistischen
       > Überlebensstrategien und welche Hoffnungen es nun in Ungarn für Medien
       > gibt.
       
 (IMG) Bild: Péter Magyar, Vorsitzender der Tisza-Partei, pflegt einen anderen Umgang
       
       Was endete am Wahlabend, was auch meine journalistische Arbeit betrifft?
       Alles, was ich bisher kannte, so beantwortete die Frage in der
       Redaktionskonferenz leise der 26-jährige Dávid. Der talentierte Kollege war
       10 Jahre jung, als Viktor Orbán die Macht in Ungarn übernommen hat und mit
       seiner Zweidrittelmehrheit erst einmal ein neues Mediengesetz schreiben
       ließ.
       
       Orbán glückte mit seiner Fidesz-Partei 2010 nach zwei Legislaturperioden
       auf der Oppositionsbank der Sprung zurück an die Spitze. Er verstand seine
       Wahlniederlage von 2002 als Betriebsunfall, verursacht von den Medien, und
       schwor, dies werde ihm nie wieder passieren. Er baute die
       Öffentlich-Rechtlichen in Staatsmedien um, und hat dann angefangen, die
       privaten Medien unter Kontrolle zu bringen. Erst wurden die auf Linie
       gebracht, die staatliche Lizenzen oder Genehmigungen brauchten. Dann wurden
       die ausländischen Investoren aus dem Land geschubst und die anderen
       Medienunternehmen langsam finanziell ausgetrocknet.
       
       In anderthalb Jahrzehnten wurden Medien in eigener Manier übernommen, wie
       Strache im Ibiza-Video den ungarischen Umbau beschreibt: zack, zack, zack.
       Die meisten wurden von Orbáns Umfeld aufgekauft und an eine Stiftung
       verschenkt, am Ende kamen 500 verschiedene Titel zusammen. Auch deswegen
       wurde die beschenkte Stiftung Kesma als Todesstern beschrieben.
       
       Den Fidesz-Medien zuliebe wurde die Mehrwertsteuer für ihre Publikationen
       so gesenkt, dass [1][die restlichen Unabhängigen davon nichts hatten]. Auch
       Wettbewerbsregeln wurden mit Regierungsdekreten außer Kraft gesetzt, und
       dann wurden all die Zeitungen, Magazine, Internetportale, Radios und
       Fernsehsender mit staatlichen Werbungen finanziert. Die Regierung und die
       staatseigenen Unternehmen wurden zusammen die größten Player am Werbemarkt
       und vergaben das Geld streng nach politischer Nützlichkeit.
       
       ## Clubähnliche Internetzeitungen
       
       In diesem Ökosystem überlebten nur einzelne Medien, zum Beispiel die
       Wochenzeitung HVG mit ihrem großen Internetportal. Aber nach vielen
       Übernahmen und Schließungen kamen auch neue dazu. Die ungarischen
       Medienmacher haben außerordentlichen Innovationsgeist bewiesen, um ihre
       Freiheit bewahren zu können. Sie bauten Fernsehsender auf Youtube auf und
       gründeten neue Portale. Die Journalisten schlossen sich zusammen zu
       investigativen Kollektiven oder Club-ähnlichen Internetzeitungen. Im
       Schatten der Medien-Dinosaurier der Orbán-Regierung wuchsen neue Säugetiere
       heran.
       
       Und dann entschieden die ungarischen Wähler am 12. April, einen Meteoriten
       auf die sogenannte illiberale Demokratie stürzen zu lassen. Nicht nur in
       Bezug auf die Medien sind die Riesen der abgewählten Fidesz-Partei jetzt
       lebensunfähig. Merkwürdige Szenen spielen sich ab. Der Milliardär, der mit
       seiner Werbeagentur die Propagandabotschaften erarbeitete und die
       staatlichen Gelder verteilen ließ, weinte plötzlich in einem Youtube-Video
       und bot an, all seine Firmen und Teile seines Vermögens an den Staat zu
       spenden.
       
       Der Marktführer im Segment der kommerziellen Fernsehsender feuerte seine
       Nachrichtenchefin am Tag nach der Wahl, dann wurden die Moderatoren
       beurlaubt, und Anfang Mai verkündete die Anstalt, ihre 30-jährige
       Nachrichtensendung umzubenennen. Sie hieß früher „Tények“, auf Ungarisch
       bedeutet das: Fakten. Eine ihrer Meldungen lautete wörtlich: George Soros
       wollte seine Mutter töten.
       
       [2][Auch das Internetportal Index] ist seinen Chef los. Sie haben im
       Wahlkampf behauptet, den Steuerplan der Opposition aufgedeckt zu haben. Das
       Dokument war zwar augenscheinlich mit KI erstellt worden, und die Partei
       Tisza hat vehement jede Beteiligung abgestritten, aber Index schrieb
       Dutzende Texte über das „Geheimpapier“, Orbán ließ die 600 Seiten drucken
       und postete empörte Videos darüber. Eine Regierungswebsite half UngarInnen
       zu errechnen, wie viel Geld sie mit den neuen Steuern verlieren würden. Das
       Ganze wurde dann landesweit plakatiert und in allen befreundeten Medien als
       Werbung geschaltet.
       
       ## Weiterhin keine wirklichen Fakten
       
       Zwei Wochen nach der Wahl veröffentlichte Index eine knappe
       Richtigstellung, das Dokument sei nicht von Tisza gewesen. Der
       Chefredakteur dankte ab, wurde dann aber gleich angestellt, um als Ratgeber
       das neue Nachrichtenprogramm von TV2 zu gestalten. Anscheinend wollen sie
       weiterhin keine wirklichen Fakten senden. Anderswo fehlen die gewohnten
       Direktiven. Die wichtigsten Medienmacher der Regierung erhielten über
       anderthalb Jahrzehnte direkte Befehle vom Kanzleramtsminister Antal Rogán.
       
       Die Narrative und Botschaften wurden wöchentlich abgesprochen, so wussten
       alle besetzten Redaktionen, wie sie auf die aktuellen Themen zu reagieren
       haben. Die Woche nach der Wahl erschien zwar das Magazin „Mandiner“ und die
       Covergeschichte versprach, mit wichtigen Fidesz-Politikern die Gründe für
       die Niederlage zu analysieren, aber im Heft wurden dann einfach
       Facebook-Posts von ihnen nachgedruckt. Und das zehn Seiten lang. In einigen
       Wochen könnte auch die Belegschaft für die eigenen Artikel fehlen, überall
       muss gespart werden, massenhafte Entlassungen stehen bevor. So kommt es,
       wenn das Geschäftsmodell fast ausschließlich auf staatlicher Werbung
       beruht.
       
       Und da sind noch die Säugetiere, denen die Dinos plötzlich nicht mehr die
       Sonne wegnehmen. Auch sie sind in einer Identitätskrise. Auch sie müssen
       neue Wege der Finanzierung finden und sie wären gut beraten, ihre
       Arbeitsweise neu zu denken. Unter Orbáns Herrschaft war das Erkunden der
       Wahrheit eine Guerillaarbeit. Man musste sich ständig fragen, was gelogen
       ist, was verfälscht wurde, wo finden die Geheimtreffen statt und wie kommt
       man an die wichtigen Informationen. Misstrauen war überlebenswichtig.
       
       Und man musste auch Kompromisse eingehen, zum Beispiel hinnehmen, dass alle
       nur dann redeten, wenn sie nicht namentlich zitiert wurden. Man musste sich
       immer wieder zufriedengeben mit Halbwahrheiten, auch oft mit Hörensagen. In
       einem illiberalen Staat helfen alle Institutionen die Lügen der Mächtigen
       zu decken, kein Wunder daher, dass Journalist:innen mit den ihnen
       üblichen Regeln und Methoden immer wieder gegen Wände laufen. Was sie
       trotzdem geleistet haben, war bravourös.
       
       Jetzt müssen aber auch sie die Chance nutzen, mit der Guerillataktik zu
       brechen und kompromisslose Qualität anzufordern. Es winkt ihnen eine große
       Belohnung. Die Menschen sind bereit, mehr Demokratie zu wagen, und sie
       verstehen auch besser, warum Pressefreiheit wichtig ist. Journalismus muss
       wieder ohne Kompromisse gemacht werden. Dann ist auch die Genugtuung süßer,
       der Auflösung der Propaganda zuzuschauen.
       
       31 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vor-der-alles-entscheidenden-Wahl-in-Ungarn-Besuch-bei-zwei-Redaktionen-die-noch-kritisch-berichten/!6167166
 (DIR) [2] /Kritischer-Journalismus-in-Ungarn/!5699563
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Márton Gergely
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fidesz-Partei
 (DIR) Propaganda
 (DIR) Viktor Orbán
 (DIR) Medien
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Tschechien
 (DIR) Ungarn
 (DIR) Ungarn
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Pressefreiheit in Tschechien: Vorbild Ungarn?
       
       Die tschechische Regierung plant, die Rundfunkgebühren abzuschaffen und die
       Sender aus dem Haushalt zu finanzieren. Kritiker warnen vor stärkerer
       Einflussnahme.
       
 (DIR) Pressefreiheit in Ungarn: Der lange Weg aus der Propaganda
       
       Péter Magyar hat die Wahl gewonnen und verspricht, Ungarns Medienlandschaft
       zu befreien. Doch er wäre nicht der Erste, der an einer Reform scheitert.
       
 (DIR) Medien in Ungarn: „Orbáns Leute werden den Wind der Veränderung spüren“
       
       Viktor Orbán hat die ungarische Medienlandschaft umgebaut. Der Journalist
       Ákos Tóth verrät, was sein Herausforderer Péter Magyar daran ändern könnte.