# taz.de -- Gerüchte über Ersatzkanzler: Keine K-Frage, bitte
> Wird der schwache Bundeskanzler abgelöst? Die Gerüchte darüber ebben im
> politischen Berlin nicht ab. Bei einem Ortstermin lässt sich Merz nichts
> anmerken.
(IMG) Bild: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nimmt an der Veranstaltung „80 Jahre Neheim-Hüstener Programm“ in der Schützenhalle Hüsten teil
dpa | Es ist ein Wohlfühltermin für Friedrich Merz – von denen der Kanzler
derzeit nicht gerade zu viele haben dürfte. In der Schützenhalle von
Hüsten, einem Stadtteil seiner Heimatstadt Arnsberg im Hochsauerland,
spricht der Parteichef am Mittwochabend zum Thema „80 Jahre Neheim-Hüstener
Programm“. Die CDU feiert ein Dokument von 1946, das zu einem ihrer
Gründungsdokumente wurde.
Von der Kritik an Merz, die in Teilen der Union wabert, redet hier niemand.
Die Arnsberger CDU steht fest hinter ihrem Bundeskanzler, der nur ein paar
Kilometer von der Hüstener Schützenhalle entfernt wohnt. „Die CDU im
Hochsauerlandkreis steht hinter dir“, versichert einer der Parteifreunde.
„Du hast volle Rückendeckung für das, was du tust.“
Doch Merz droht gut ein Jahr nach dem Start seiner Regierung neben den
verzwickten Reformdebatten mit dem Koalitionspartner SPD und den
schwierigen internationalen Konflikten nun auch noch eine Debatte über
seinen Kanzlerposten. Im Mittelpunkt: der nordrhein-westfälische
Ministerpräsident Hendrik Wüst.
Kann der Kanzler den Reformstau mit seiner Regierung aufbrechen – oder
könnte er womöglich durch einen anderen Unionsmann ersetzt werden, wie etwa
der Stern schreibt? Unter „Mitgliedern der obersten Führungsgremien der CDU
sowie anderen prominenten Christdemokraten“ sei diese Möglichkeit
besprochen worden, konkrete Planungen in großer Runde gebe es noch nicht,
berichtet auch die Bild-Zeitung.
## Im Sauerland erwähnt Merz das Thema gar nicht
Das Umfeld des Kanzlers versuchte umgehend, eine aufkommende interne
Debatte über Merz im Keim zu ersticken. Auf Anfrage ist in diesen Kreisen
mit Blick auf einen Kanzlerwechsel von einer naiven Idee und wüsten
Spekulationen die Rede. Ob das eine Anspielung auf den Namen des
NRW-Regierungschefs ist, bleibt offen. Die Idee zeuge von einer
„gefährlichen Lust an der Zündelei“ und „bemerkenswerter Unkenntnis der
Verfassung und der politischen Realität“. Wer solche Spekulationen
anstelle, „betreibt das Geschäft der AfD und raubt der politischen Mitte
die Autorität“.
So werde die Stabilität im Bundestag gefährdet – angesichts der Weltkrisen
sei dies doppelt fahrlässig, heißt es aus dem Merz-Umfeld. Vor dem
Hintergrund der laufenden Reformdebatten wird spitz ergänzt: „Es ist immer
einfacher, über Personal zu quatschen, als sich ernsthaft mit den
Einkommensteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen.“
Bei seiner Rede in Arnsberg erwähnt Merz das Thema mit keiner Silbe. Aber
an seinen Ambitionen als Regierungschef lässt er auch keine Zweifel.
„Deutschland hat die Kraft für einen neuen Aufbruch. Und ich bin persönlich
mit aller Kraft entschlossen, diesen Aufbruch mit meiner Regierung auch zu
ermöglichen“, betont er.
In der Union, aber auch unter Hauptstadtjournalisten, werden derweil
verschiedene Szenarien durchgespielt. Neben dem 50 Jahre alten Wüst als
möglichem „Einwechselkanzler“ werden etwa Bayerns Ministerpräsident und
CSU-Chef Markus Söder sowie Unionsfraktionschef [1][Jens Spahn] (CDU)
genannt.
## Auch Wüst könnte kein Interesse haben
Neu ist die Debatte nicht – auch nicht jene über Wüst. Hört man sich bei
den Christdemokraten um, heißt es, aktuell sei ein Kanzlerwechsel kein
Thema. Zumal auch nicht absehbar sei, dass Merz in absehbarer Zeit
vielleicht aus Frust alles hinwerfen könne.
In einem solchen Szenario müsste Merz den Weg für eine Kanzler-Neuwahl „im
laufenden Galopp“ – also im derzeitigen Bundestag mit seiner schwarz-roten
Mehrheit – selbst frei machen. Oder durch den Druck führender Parteifreunde
zum Verzicht gebracht werden. Gemeinsam mit der SPD könnten die
Abgeordneten von CDU und CSU dann einen neuen Kanzler wählen. Doch einfach
wäre ein solcher Prozess in der Union nicht. Ganz zu schweigen davon, ob
die SPD mitziehen würde.
Auch Wüst könne aktuell kein Interesse haben, aus Düsseldorf zu wechseln,
heißt es unter Parteifreunden in Berlin. In der Unionsfraktion im Bundestag
fragen sich CDU-Abgeordnete zudem, wer ein Interesse daran haben könnte,
Wüst ausgerechnet jetzt im Zusammenhang mit einem Kanzlertausch zu nennen.
Womöglich jene, die diesem schaden und mögliche Ambitionen im Ansatz
„verbrennen“ wollten?
Auf der anderen Seite glauben einige seit Längerem, dass Wüst sehr wohl ein
geeigneter Kandidat für das Kanzleramt wäre. Zum einen bringe er viel
Regierungserfahrung mit – Merz wird das Gegenteil vorgeworfen. Zum anderen
könne er auch mit den Grünen, siehe NRW. Gut möglich, dass die Union in
einer nächsten Regierung nicht an den Grünen als Partner vorbeikäme.
## Erst neulich übte sich Wüst auf dem internationalen Parkett
Wüst wurde schon 2024 für Berlin gehandelt, stellte sich dann aber
öffentlichkeitswirksam hinter Merz, als dieser als Kanzlerkandidat bereits
feststand. Offiziell lässt Wüst nie etwas zu möglichen Ambitionen auf das
Kanzleramt durchblicken. Erst vor Kurzem ist der 50-Jährige zum zweiten Mal
Vater geworden und erklärt immer wieder, wie wichtig ihm Zeit mit der
Familie ist. Als Kanzler wäre mit Familienzeit wahrscheinlich zum größten
Teil Schluss.
Dass Wüst auf international schwierigem Parkett bestehen kann, zeigte er
vergangene Woche bei seiner Reise nach Schlesien und seinem ersten Besuch
im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Begleitet
wurde Wüst von einem Tross Hauptstadtjournalisten. Dabei traf er nicht etwa
die polnische Regierung in Warschau, sondern nur den Verwaltungschef der
NRW-Partnerregion Schlesien in Kattowitz. Der Besuch in Auschwitz gehört
zudem zu den Pflichten eines jeden Landesregierungschefs.
Wüst inszeniert sich auf Instagram als nahbarer Landesvater. Der
Ministerpräsident regiert präsidial, mischt sich auch im Landtag nicht in
Streitigkeiten ein. Nichts überlässt er dem Zufall, lässt sich nicht in
Debatten provozieren, hält sich so gut wie immer an seine Manuskripte.
Bei politischen Problemen in NRW verweist Wüst gern auf die Verantwortung
in Berlin. Gerühmt wird er für sein „geräuschloses“ Regieren in der seit
2022 bestehenden Koalition mit den Grünen. Koalitionsausschüsse in
Düsseldorf verlaufen – anders als in Berlin – grundsätzlich hinter den
Kulissen, ohne dass Konflikte an die Öffentlichkeit dringen.
## Auch in NRW wird die AfD immer stärker
Ende April 2027 aber steht im bevölkerungsreichsten Bundesland die auch für
den Bund wichtige Landtagswahl an. Wüsts CDU sitzt zwar laut Umfragen
weiter fest im Sattel, doch das Image der harmonischen Koalition hat in den
vergangenen Monaten Kratzer bekommen.
[2][Familien- und Flüchtlingsministerin Josefine Paul (Grüne) trat zurück],
nachdem sie wegen ihrer schleppenden Kommunikation zum Solinger
Terroranschlag von 2024 unter Druck geraten war. Belastet wird die
Landesregierung aktuell von einer Affäre um angebliches Führungsversagen
und Machtmissrauch durch Wüsts Bau- und Heimatministerin Ina Scharrenbach
(CDU). Und monatelang gab es in NRW Proteste gegen eine von Schwarz-Grün
geplante Kita-Reform.
Die AfD wird auch in NRW immer stärker. Schon bei den Kommunalwahlen 2025
hatte sie ihr landesweites Ergebnis mit 14,5 Prozent fast verdreifacht.
Jüngste Umfragen zur Landtagswahl sehen sie in NRW zwischen 17 und 20
Prozent. In Düsseldorf wird der Aufstieg der AfD auch mit dem Zustand der
streitenden Berliner schwarz-roten Koalition verbunden. Doch auch Wüsts
nach außen harmonischer Regierungsstil kann die AfD im Westen offenbar
nicht bremsen.
Die CDU unter Wüst erreicht in Umfragen – trotz Verlusten – mit 32 bis 34
Prozent aber immer noch Ergebnisse, von denen die Union im Bund nur träumen
kann. Der Landesparteichef hielt sich schon 2024, als Merz zum
Kanzlerkandidaten gekürt wurde, ein Türchen nach Berlin offen: Ein
NRW-Ministerpräsident sei „immer ein möglicher Kanzlerkandidat“, betonte
Wüst damals. Und: man solle niemals nie sagen.
28 May 2026
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