# taz.de -- Kanzlerfrage – oder doch nicht?: Das kann noch wüst werden – oder öder als Söder
       
       > Die Sehnsucht nach dem Erlöser im Kanzleramt wächst. Aber erst mal müssen
       > die Drängler sich gedulden – zumindest bis nach den Wahlen im September.
       
 (IMG) Bild: Zumindest hier keinen Spahn im Auge: Merz und Wüst beim CDU-Parteitag 2025
       
       Jens Spahn hat ein schier unglaubliches Kunststück vollbracht, das ihm auch
       seine größten Fans nicht zugetraut hätten: Er hat sich noch unbeliebter
       gemacht als Friedrich Merz. Offenbar ist die Bevölkerung doch etwas
       nachtragender als die Unionsfraktion, die Spahn gerade erst mit satter
       Mehrheit wiedergewählt hat. Das sture Aussitzen von Affären und Vorwürfen
       der Milliardenverschwendung im Maskenskandal mag bei der CDU als
       machtpolitische Cleverness bewundert werden. Bei den Steuerzahlenden eher
       nicht.
       
       Weil Spahn bei Umfragen im kaum noch messbaren Bereich hinter dem Kanzler
       rangiert, spielt er bei den aktuellen Spekulationen über einen möglichen
       Kanzlerwechsel bisher nur eine Nebenrolle, die allerdings noch sehr wichtig
       werden könnte.
       
       Kaum vorstellbar ist auch, dass die SPD Spahn mitwählen würde. So muss der
       Mann mit dem vielleicht größten Machtwillen in der Union erst einmal mit
       ansehen, wie der beliebte nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik
       Wüst und andere Kandidaten auf den Schild beziehungsweise auf die
       Titelseite der Bild gehoben werden, die am Mittwoch fragte: „Kommt ein
       Kanzler-Tausch?“
       
       Auch seriöse Nachrichtenagenturen tickern inzwischen ernsthaft, welche
       Szenarios möglich wären, um Merz abzulösen. Seine Autorität schwindet
       dahin. Noch nie war ein Kanzler dermaßen unten durch. Zuletzt waren 83
       Prozent mit ihm unzufrieden. Weil auch seine Partei inzwischen konstant
       hinter der AfD liegt, steigt die Nervosität spürbar von Tag zu Tag. Nicht
       nur in der Union. Da es der Koalitionspartnerin SPD noch schlechter geht
       und beide häufig streiten, wirkt die gesamte Regierung wie ein verstimmtes
       Panikorchester – und deutlich fragiler als [1][Udo Lindenberg mit 80.]
       
       ## Einig ist sich Deutschland nur im Merz-Verdruss
       
       Logisch, dass die Sehnsucht nach einem Erlöser wächst, Doch wer könnte das
       sein? Ein Mann, so viel scheint klar, Frauennamen werden bisher nicht
       genannt. Ansonsten ist das Anforderungsprofil noch diffizil. Allen ist ja
       klar, dass die Malaise nicht nur an Merz liegt. Auch die Weltlage und ihre
       Folgen für die deutsche Wirtschaft drücken erheblich auf die Stimmung. Bei
       jedem Reformvorschlag kommt [2][Kritik von allen Seiten.] Wirklich einig
       ist sich Deutschland nur im Merz-Verdruss.
       
       In der Union hält der Glaubenskrieg an, ob man angesichts der AfD-Gefahr
       selbst noch mehr als bisher nach rechts abdrehen sollte. Wer darauf setzt,
       kommt schnell doch wieder auf Spahn. Nur ihm ist die Brutalität zuzutrauen,
       Merz wegzuputschen, gleich die ganze Koalition platzen zu lassen und sein
       Heil irgendwo hinter der Brandmauer zu suchen. So weit ist die Union zum
       Glück noch lange nicht. Es kann aber sein, dass Spahn auf einen solchen
       Moment wartet und deshalb andere Aspiranten ausbremst.
       
       Das Gegenextrem zu Spahn ist Daniel Günther, der in Schleswig-Holstein
       fröhlich mit den Grünen regiert und sogar eine Zusammenarbeit mit der
       Linkspartei denkbar findet. Ein netter Liberaler, aber gerade deshalb für
       den rechten Flügel der Union ein Albtraum. Außerdem müsste ihn die CSU
       mitwählen, was ausgeschlossen ist, solange Günthers Intimfeind Markus Söder
       [3][noch etwas zu sagen hat.]
       
       Der ewige Kandidat aus Bayern versucht gerade händeringend, ohne Bart und
       Bratwurst irgendwie seriös zu wirken. Falls ihn jemand fragt, stünde der
       CSU-Chef sicher zur Verfügung. Aber weil das bisher niemand tut, muss Söder
       erst mal froh sein, wenn er sich in München halten kann, wo an seinem
       eigenen Stuhl gesägt wird.
       
       ## Verschandelung des Stadtbildes
       
       Der goldene Mittelweg zwischen „zu links“ und „zu rechts“ scheint deshalb
       momentan zu Hendrik Wüst zu führen. Der aktuell am häufigsten genannte
       Aspirant ist mit 50 im besten Kanzleralter, sieht aber immer noch so aus
       wie ein Streber von der Jungen Union und hat einen Trumpf: Über sein
       fünfjähriges Wirken als Ministerpräsident ist außerhalb von NRW absolut
       nichts bekannt – also auch nichts Schlechtes. Dass man von ihm nie hört,
       wird von seinen Fans damit begründet, dass er geräuschlos regieren kann.
       
       Langweilig? Umso besser! Nach einem Jahr Merz klingt das wie ein Traum.
       Wüst hat noch niemanden vergrault und kann nett lächeln. Das reicht, um
       Favorit zu sein. Weil es ja wirklich schon ein großer Fortschritt wäre,
       wenn ein Kanzler freundlich mit den Leuten reden würde, statt ihnen
       Faulheit oder die Verschandelung des Stadtbildes vorzuwerfen. Wenn er sich
       vorher absprechen würde, statt solo vorzupreschen. Wenn er bei Konflikten
       diplomatisch bleiben würde.
       
       Dass ein CDU-Mann all das schafft und Ruhe reinbringt, müsste sich selbst
       die SPD wünschen, weil schnelle Neuwahlen aussichtslos und für die
       Demokratie gefährlich wären. Dass Wüst bald Kanzler wird, ist trotzdem
       unwahrscheinlich. Er selbst hat die Spekulationen am Freitag als „Quatsch“
       bezeichnet und Merz seine volle Unterstützung zugesichert. Seine Rivalen
       werden ihm den Job nicht gönnen. Merz wird kaum freiwillig abtreten. Kurz
       vor den Landtagswahlen im September wäre ein Putsch kaum ratsam, weil der
       Nachfolger höchstwahrscheinlich mit Niederlagen starten würde. Aber danach
       ist alles möglich.
       
       29 May 2026
       
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