# taz.de -- Migrationspolitik der Bundesregierung: Von Spanien lernen
> Ein repressiver Kurs in der Migrationspolitik ist nicht alternativlos.
> Die Regierung Sánchez zeigt, dass pragmatische Maßnahmen möglich sind.
(IMG) Bild: Migrant*innen ohne Vorstrafen bekommen die Chance auf einen regulären Aufenthaltsstatus und eine Arbeitserlaubnis
Als Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez ankündigte, 500.000
Migrant*innen ohne gesicherten Status ein Aufenthaltsrecht und eine
Arbeitserlaubnis zuzusichern, traf er nicht nur eine menschlich und
wirtschaftlich gesehen wichtige Entscheidung. Er zeigt vor allem, dass der
europaweit überwiegend repressive Umgang mit Migrant*innen nicht
alternativlos ist.
Das ist die wichtigste Lehre aus Spanien: Der repressive Kurs ist eine
politische Entscheidung – keine Notwendigkeit. Es geht nicht darum, genau
das Gleiche hier umzusetzen, denn die Umstände in Deutschland sind andere.
Vielmehr sollte es darum gehen, eine Politik zu machen, die unter den
gegebenen Umständen sinnvoll und menschlich vertretbar ist.
Nach dem sogenannten Sommer der Migration 2015 kam es in Deutschland zu
einer Kehrtwende im Diskurs über Migration. Eine immer schärfere
Krisenrhetorik und die treibende Wirkung rechtspopulistischer Kräfte auf
die etablierten Parteien haben eine Drohkulisse geschaffen, die mit der
tatsächlichen Realität aktueller Migrationsbewegungen wenig zu tun hat.
Innenminister Alexander Dobrindt spricht von einer „nationalen Notlage“.
Dabei sind die Zahlen gestellter Asylanträge in Deutschland rückläufig;
Menschen mit Migrationsgeschichte tragen in der alternden deutschen
Gesellschaft dazu bei, krisenhafte Zustände zum Beispiel in Krankenhäusern
zu verhindern.
[1][Große Teile der Berichterstattung und politische Debatten über
Migration sind jedoch stark ereignisorientiert]. Sie machen
Migrant*innen dann zum Thema, wenn sie Opfer oder Täter sind.
Langzeittrends werden kaum abgebildet. Die Folge sind symbolpolitische
Maßnahmen, [2][wie die Kontrollen an deutschen Außengrenzen, die massive
Kosten mit sich bringen und wahrscheinlich gegen EU-Recht verstoßen. ]
Deutschland steht mit dieser Entwicklung nicht allein da. Europaweit fahren
viele Regierungen einen sehr restriktiven Kurs in der Migrationspolitik.
Dies äußert sich auch in der jüngsten Reform des Gemeinsamen Europäischen
Asylsystems (GEAS), die eine deutliche [3][Verschärfung der
EU-Migrationspolitik] bedeutet.
## Spanien macht es anders – mit Erfolg
Das spanische Dekret für den „Prozess der außerordentlichen Regulierung
ausländischer Personen“ sticht deshalb deutlich hervor. Durch das
mittlerweile in Kraft getretene Dekret bekommen Migrant*innen, die
nachweislich seit mindestens fünf Monaten in Spanien leben und keine
Vorstrafen haben, die Chance auf einen regulären Aufenthaltsstatus und eine
Arbeitserlaubnis.
So revolutionär diese Maßnahme im aktuellen europäischen Diskurs scheinen
mag, sie ist nicht die erste ihrer Art. In der EU-Geschichte gab es mehrere
solcher Maßnahmen – und die Bilanz, die daraus gezogen wurde, war
weitestgehend positiv.
Nach der letzten großen Legalisierungsmaßnahme in Spanien im Jahr 2005
stieg die Beschäftigungswahrscheinlichkeit unter Migrant*innen deutlich
an. Einkommen und damit einhergehende Steuereinnahmen stiegen, und durch
die gesicherten Zukunftsperspektiven wurden sie motivierter, etwa durch
Sprachkurse und eine berufliche Ausbildung in die Zukunft zu investieren.
Im Gegensatz zur deutschen Wirtschaft ist die spanische in den vergangenen
Jahren kontinuierlich gewachsen – und [4][eine Studie der Europäischen
Zentralbank] verdeutlicht, dass zugewanderte Arbeitskräfte einen
bedeutenden Anteil daran haben.
## Die Ampel versuchte Reformen
In Deutschland sind die Umstände – wie bereits angedeutet – andere als in
Spanien. Während in Spanien sehr viele Menschen mit irregulärem
Aufenthaltsstatus leben, von denen viele gerade in der Landwirtschaft ohne
richtigen Arbeitsvertrag beschäftigt sind, ist diese Gruppe in Deutschland
deutlich kleiner.
Jedoch leben in Deutschland viele Migrant*innen, die sich teilweise seit
vielen Jahren im Land aufhalten, denen aber der Zugang zu Selbstbestimmung
und aktiver Teilhabe verwehrt bleibt. Es geht um die Menschen, die sich im
sogenannten Status der [5][Kettenduldung] befinden.
Viele von ihnen leben seit vielen Jahren in Deutschland – laut neuesten
Zahlen rund 80.000 seit über fünf Jahren. Sie haben Familie in Deutschland,
und viele von ihnen waren oder sind zwischenzeitlich schon beschäftigt,
bekommen ihre Arbeitserlaubnis dann aber aus unterschiedlichen Gründen
häufig wieder entzogen.
Hier könnte mit Maßnahmen wie in Spanien angesetzt werden – das hatte die
Ampelregierung teilweise auch getan. Mit dem Chancenaufenthaltsrecht schuf
sie einen Mechanismus, der Dauergeduldeten den Einstieg in den Arbeitsmarkt
erleichterte und echte Perspektiven schuf. Expert*innen zogen eine
überaus positive Bilanz.
140.000 Menschen nahmen das Angebot wahr. Aber dennoch verlängerte die
schwarz-rote Bundesregierung die Maßnahme nicht, wohl wegen der
Befürchtung, Deutschland zu attraktiv zu machen.
Dabei wird die Erzählung von sogenannten „Pull-Faktoren“ der komplexen
Realität von Migrationsentscheidungen nicht gerecht und ist
wissenschaftlich höchst umstritten. Hier ist eine pragmatische und zugleich
menschenwürdige Maßnahme einer populistischen Politik zum Opfer gefallen.
## Deutschland kann es sich nicht leisten, so weiter zu machen
Die Frage ist nicht, ob Deutschland sich eine andere Migrationspolitik
leisten kann. Sondern, wie lange Deutschland es sich noch leisten will, auf
eine zu setzen, die erkennbar nicht funktioniert.
Der aktuelle Kurs ist menschenrechtlich nicht vertretbar, weil er
Migrant*innen stigmatisiert und in Perspektivlosigkeit gefangen hält. Er
ist unwirtschaftlich, weil Menschen mit ihren Fähigkeiten nicht in den
Arbeitsmarkt eingebunden werden. Und er ist ineffektiv, weil er auf einer
populistischen Problemkonstruktion aufbaut und reale Herausforderungen wie
den dramatischen demografischen Wandel nicht genügend mit einbezieht.
Anstatt sich von populistischen Kräften wie der AfD treiben zu lassen,
sollten reale Probleme mit mutigen und konstruktiven politischen Maßnahmen
angegangen werden. Die Legalisierung in Spanien ist ein Vorbild für uns.
29 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.stiftung-mercator.de/content/uploads/2021/07/Medienanalyse_Flucht_Migration.pdf
(DIR) [2] /Wahrscheinlicher-Rechtsbruch-an-Grenzen/!6155147
(DIR) [3] /Gefluechtetenpolitik/!6158153
(DIR) [4] https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/arbeitskraefte-spanien-setzt-im-aufschwung-voll-auf-einwanderer/100196745.html
(DIR) [5] /Menschen-ohne-Aufenthaltsrecht/!6143028
## AUTOREN
(DIR) Timo Krügener
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