# taz.de -- Geflüchtetenpolitik: Was bedeutet die Geas-Reform?
> Ab Juni 2026 gilt das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem. Hier die
> Antworten auf die wichtigsten Fragen.
(IMG) Bild: Hammelsprung im Bundestag: Die Abgeordneten stimmen ab zum Thema „Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems“
## Was ist passiert?
Im April 2024 stimmte das Europäische Parlament für die Reform des
Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (Geas). Die meisten der Richtlinien
und Verordnungen aus dem Gesetzespaket müssen von den EU-Mitgliedsstaaten
ab Mitte Juni 2026 umgesetzt werden. In der Praxis bedeutet die Reform
weitreichende Einschränkungen der Rechte von Asylsuchenden, maßgeblich
durch Schnellverfahren an den EU-Außengrenzen unter haftähnlichen
Bedingungen.
## Was steht drin?
Wer ohne Papiere die EU-Außengrenzen überschreitet, muss zunächst ein
maximal sieben Tage dauerndes Screeningverfahren durchlaufen, bei dem unter
anderem Fingerabdrücke genommen und die Identität der betroffenen Person
festgestellt werden soll. Das Screening entscheidet auch darüber, wie es
weitergeht. Wer etwa aus einem Land mit einer Anerkennungsquote von 20
Prozent oder weniger kommt oder keine identitätsklärenden Dokumente
vorlegt, muss das „Grenzverfahren“ durchlaufen.
Bis zu zwölf Wochen können die Geflüchteten dabei unter haftähnlichen
Bedingungen festgehalten werden. Familien mit Kindern sind von den
Grenzverfahren nicht ausgenommen. An ein*e Anwält*in zu kommen, ist
extrem schwierig. Obwohl sich die Geflüchteten schon auf europäischem Boden
befinden, gilt für sie die Fiktion der Nichteinreise – sie werden rechtlich
so behandelt, als seien sie noch nicht auf EU-Staatsgebiet. Somit können
Verfahrensrechte verwehrt werden, etwa werden die ausgedehnten
Freiheitsbeschränkungen möglich.
Zudem eröffnet die Geas-Reform den Mitgliedsstaaten die Möglichkeit,
Asylgesuche als unzulässig zurückzuweisen, wenn ein Asylsuchender über
einen als sicher erachteten Drittstaat eingereist ist oder über ein „erstes
Asylland“, in dem die betroffene Person laut EU ebenfalls sicher hätte
leben können. Als sicherer Drittstaat gilt allerdings zum Beispiel die
Türkei, die ihrerseits in der Vergangenheit immer wieder nach Syrien
abschob. Des Weiteren sieht die Geas-Reform vor, dass Staaten, die keine
Geflüchteten aufnehmen wollen, sich etwa finanziell oder personell an den
Kosten beteiligen müssen.
Zugleich sollen Länder die Standards noch weiter absenken dürfen, wenn sie
sich in einer krisenhaften Situation befinden – die allerdings nach vagen
Kriterien definiert ist. In der Summe bedeutet die Reform: Schlechtere
Standards, massive Freiheitsbeschränkungen und Einschränkungen des
individuellen Rechts auf Asyl. Wer aus einem Land mit niedriger
Anerkennungsquote oder über den Landweg kommt, wird wohl kaum Chancen auf
einen Aufenthaltstitel in der EU haben.
## Was war da noch mal mit den Grünen?
Gegen massiven Widerstand der Basis setzte sich die Parteispitze durch, die
Grünen trugen die Geas-Reform als Teil der Ampelkoalition mit. Hätte
Deutschland sich wegen grüner Ablehnung enthalten müssen, wäre die
Ausgangslage eine völlig andere gewesen, um etwa Ausnahmen für
Minderjährige von den Grenzverfahren durchzusetzen.
Mit einem kleinen Erfolg verteidigte die Parteispitze ihre Zustimmung zur
Reform. Die Bundesgrünen hätten durchgesetzt, dass Abschiebungen nur in
Staaten stattfinden dürfen, zu denen die Betroffenen einen Bezug haben.
## War’s das jetzt?
Noch nicht. Im Dezember einigten sich die EU-Innenminister*innen auf eine
Reform der Rückführungsverordnung. Neu regeln wollen sie damit, in welche
Länder abgeschoben werden kann. Ausgerechnet das den Grünen so wichtige
Verbindungselement soll nun gestrichen werden.
Sollte die Novelle das Europäische Parlament passieren, sind Abschiebungen
in Drittstaaten möglich, in denen Asylsuchende nie waren und wo sie
niemanden kennen. Giorgia Meloni könnte dann EU-rechtskonform
Migrant*innen in die bereits jetzt von Italien betriebenen Lager in
Albanien bringen lassen. Zu den weiteren geplanten Verschärfungen gehört
unter anderem auch, dass die Abschiebehaft ausgeweitet werden soll.
## Gibt es für die Mitgliedsstaaten noch Spielraum bei der Umsetzung?
Ja, und den nutzt die Bundesregierung denkbar restriktiv. Am Freitag hat
der Bundestag dazu zwei Gesetze beschlossen, das Geas-Anpassungsgesetz und
das Geas-Anpassungsfolgegesetz. Dabei geht es allerdings um weit mehr als
die Justierung nationaler Vorschriften an den neuen europäischen
Rechtsrahmen.
Zum Beispiel sieht das Gesetz vor, dass die Bundesländer bestimmte
Aufnahmeeinrichtungen mit verschärfter Wohnpflicht für Asylsuchende
schaffen können, bei denen hinreichende Indizien für ihre Einreise nach
Deutschland über ein anderes EU-Land vorliegen. Auch Familien mit Kindern
können verpflichtet werden, monatelang in solchen Einrichtungen zu wohnen.
Behörden können auch verfügen, dass die Menschen die Unterkünfte gar nicht
mehr verlassen dürfen.
Wovon Konservative migrationspolitisch sonst noch träumen, zeigte sich in
den Anträgen auf dem CDU-Parteitag vergangenes Wochenende. Darin wurde
unter anderem gefordert, zu überprüfen, ob man Menschen an der russischen
und belarussischen Grenze nicht doch EU-rechtskonform zurückweisen könne.
Und Bundesinnenminister Dobrindt hat längst begonnen, mit den Taliban über
Abschiebungen nach Afghanistan zu verhandeln. In Einklang mit der Genfer
Flüchtlingskonvention sind die nicht.
28 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Franziska Schindler
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
(DIR) GEAS (Gemeinsames Europäisches Asylsystem)
(DIR) Geflüchtete
(DIR) Unterbringung von Geflüchteten
(DIR) EU-Flüchtlingspolitik
(DIR) Schwerpunkt Flucht
(DIR) Schwerpunkt Flucht
(DIR) Flüchtlingssommer
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) GEAS-Asylreform wird umgesetzt: Zwölf Monate Hausarrest für „Dublin-Fälle“
Der Bundestag passt das deutsche Recht an die EU-Asylreform an – und geht
noch weiter: Bald könnten Haftzentren für Geflüchtete entstehen.
(DIR) Deutsche Migrationspolitik: Die Shitshow ist in jeder Hinsicht sinnlos
Seit dem Fluchtsommer verschärft sich die Migrationspolitik in Deutschland.
Dabei hätte es durchaus anders laufen können – und sollen.
(DIR) Migration und Bevölkerungspolitik: Schlicht notwendig
Der Befund ist eindeutig: Europa braucht Migration, sonst kann der Laden
bald dichtgemacht werden. Mehrkosten rentieren sich auf lange Sicht.