# taz.de -- Linkspartei und Antizionismus: Antisemitismus vergessen
> In Berlin macht die Linkspartei eine Gedenkveranstaltung zur
> NS-Bücherverbrennung. Aber warum fehlen im Ankündigungstext entscheidende
> Begriffe?
(IMG) Bild: „Die Versunkene Bibliothek“ des Künstlers Micha Ullman auf dem Bebelplatz in Berlin erinnert an die Bücherbrennung der Nazis 1933
Am 10. Mai lud die Linke in Berlin dazu ein, auf den Bebelplatz zu kommen.
„Lesen gegen das Vergessen“ hieß die Veranstaltung. Gemeinsam wolle man an
die Bücherverbrennungen von 1933 erinnern und „ein Zeichen gegen Hass,
Rassismus und das Vergessen“ setzen. Die Co-Vorsitzende der Linken, Ines
Schwerdtner, teilte auf ihrem Instagram-Account mit: „Wir erinnern an
Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Bücher am 10. Mai 1933 in 22
deutschen Universitätsstädten verbrannt wurden.“ Auch Schwerdtner versprach
noch einmal: „Wir werden nicht vergessen!“
Vergessen wurde in der Ankündigung allerdings der Hinweis, dass die
Mehrheit dieser Schriftstellerinnen und Schriftsteller jüdisch war. Die
nationalsozialistische Propaganda begründete die [1][Bücherverbrennungen]
so: „Der jüdische Geist, wie er sich in der Welthetze in seiner ganzen
Hemmungslosigkeit offenbart, und wie er bereits im deutschen Schrifttum
seinen Niederschlag gefunden hat, muss aus diesem ausgemerzt werden.“
Die sogenannte „Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist“ im
Frühjahr 1933 folgte einem klar und deutlich formulierten Programm, für das
es einen Begriff gibt, den sich deutsche Judenhasser bereits im 19.
Jahrhundert selbst gegeben hatten: Dieser Begriff heißt Antisemitismus.
Auch er bleibt in der Ankündigung der Linken unerwähnt. Seit der Einführung
der Politik der „Blutreinheit“ im Spanien des 15. Jahrhunderts hat der Hass
auf Juden eine rassistische Komponente. Antisemitismus ist trotzdem keine
bloße Unterkategorie von Rassismus.
## Semantische Verschiebungen
Das lässt sich im Fall der Bücherverbrennung schon daran erkennen, dass bei
Weitem nicht alle der Autorinnen und Autoren, deren Bücher von eifrigen
deutschen Studierenden auf den Scheiterhaufen geworfen wurden, Juden waren.
Den Nazis reichte, dass sie moderne Literatur produzierten, um sie unter
dem Begriff des „jüdischen Zersetzungsgeistes“ zu subsumieren. Linke
sollten das wissen.
Wir sind geneigt, das Ausüben von Macht mit großen Gesten zu verbinden.
Kleine semantische Verschiebungen aber weisen manchmal deutlicher als laute
Parolen auf strategische Justierungen in Apparaten hin, die ihre Macht
sichern oder vergrößern wollen.
In Berlin wird im September gewählt. Der [2][antizionistische Flügel] hat
auch innerhalb der Berliner Linken seine Macht ausgebaut. Wer den Kampf
gegen den Zionismus für die vornehmste Aufgabe der deutschen Linken und
Israel für ein neokoloniales Projekt weißer Überlegenheit hält, muss den
Antisemitismus wohl vergessen. Dann aber sollte man auf pathetische Aufrufe
„gegen das Vergessen“ verzichten. Weil dann wird’s peinlich.
30 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ulrich Gutmair
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