# taz.de -- Deutsche Kriegstüchtigkeit: Nicht für unsere Sicherheit wird aufgerüstet
> Eine neue Greenpeace-Studie zeigt: Selbst ohne US-Hilfe ist Europa
> Russland militärisch haushoch überlegen. Das Hochrüsten dient sowieso
> anderen Zwecken.
(IMG) Bild: Einweihung des neuen Artilleriewerks von Rheinmetall, 27.08.2025, Niedersachsen
Deutschland und Europa müssen hochrüsten – in kaum einer Sache ist sich die
hiesige Öffentlichkeit so sicher und einig wie in dieser. Spätestens seit
Beginn des russischen Angriffskrieges scheint klar: Die Welt ist nicht mehr
die, die sie mal war, unsere Sicherheit ist gefährdet, wir müssen uns vor
der Putin’schen Bedrohung schützen.
Auf die Idee, die vermeintliche Aufrüstungsnotwendigkeit zu hinterfragen,
kommt kaum noch jemand – außer [1][Ole Nymoen], Richard David Precht, 17
linke Kleingruppen und Teile der Linkspartei. Wenn Deutschlands
Top-Journalist*innen, beziehungsweise solche, die regelmäßig in Talkshows
und Podcasts sitzen, über die deutsche und europäische Militarisierung
sprechen, geht es schlicht nicht mehr um das Wozu, sondern allein um das
Wie.
Dabei ist die Erzählung, Russland könnte schon bald die NATO angreifen,
wenig überzeugend – zumindest dann, wenn man die Angstbrille absetzt und
sich in Ruhe Gedanken über diese Drohkulisse macht.
[2][Die neue Greenpeace-Studie zur europäischen Militarisierung] liefert
faktisches Futter für eine besonnenere Betrachtung der Bedrohungslage.
Selbst wenn die militärische Unterstützung durch die USA wegfiele, wäre
Europa gegenüber Russland demnach haushoch überlegen. Die europäischen
Verbündeten und Kanada gaben im vergangenen Jahr zusammen rund 626
Milliarden US-Dollar aus, Russland dagegen 190 Milliarden.
## Selbst in der Ukraine stößt Russland an Grenzen
Und das ist nicht allein ein Vergleich der Ausgaben. Konkret verfügt Europa
über doppelt so viele Kampfflugzeuge und mehr als viermal so viele
Kriegsschiffe wie Russland; auch in der Artillerie kann Europa auf
dreifache Kapazitäten zurückgreifen.
Und mal ehrlich: Putin ist in der Ukraine viel zu weit vorgerückt – doch
selbst gegen das militärisch weit unterlegene Land stößt Russland längst an
seine Grenzen: wirtschaftlich, militärisch und personell. Wie
wahrscheinlich ist es wirklich, dass dieses Russland in einigen Jahren in
der Lage sein soll, die NATO erfolgreich anzugreifen? Selbst ohne
Einschreiten der USA wäre das systemischer Selbstmord.
Was, wenn die russische Bedrohung gar nicht der Grund, sondern lediglich
die Legitimation für eine Aufrüstung ist, die ihre Befürworter ohnehin
wollten – zu einem ganz anderen Zweck? Was, wenn der Angriffskrieg nur ein
Möglichkeitsfenster öffnete, um die öffentliche Meinung zu bearbeiten? Was,
wenn es gar nicht um unsere Sicherheit geht, sondern um den Erhalt des
deutschen und europäischen Machtanspruchs in der Welt?
Wer Deutschlands Stellung als drittgrößte Weltwirtschaft erhalten und
Europa in der neuen Weltordnung als Machtfaktor positionieren will, braucht
zwei Dinge: Wirtschaftswachstum und Aufrüstung – beides untrennbar
miteinander verknüpft. Es sind die zwei zentralen Hebel in einem globalen
System konkurrierender Staaten und Bündnisse.
Die europäische Aufrüstung dient dabei zwei Zwecken. Zum einen geht es
darum, dem US-amerikanischen Wunsch nachzukommen, einen größeren Teil der
NATO-Last zu tragen. Schon Joe Biden drängte darauf; [3][Donald Trump tut
es nur mit schrofferen Mitteln] – seine Art des imperialen
Abstiegsmanagements. Dass Deutschland und Europa sich tatsächlich von den
USA lösen wollen, scheint unwahrscheinlich. Zu sehr sind sie auf den
wichtigsten Absatzmarkt und die US-geführte Absicherung globaler
Handelswege angewiesen.
## Streben nach Machterhalt
Hinzu kommt, dass die Aufrüstung mittelfristig das stagnierende
Wirtschaftswachstum ankurbelt. Nicht nur etablierte Rüstungsunternehmen
profitieren vom Boom – auch die im Wettbewerb mit China geschwächte
Autoindustrie kann so Wachstum produzieren, das andernfalls wegfiele.
Dass diesem Streben nach Machterhalt alles untergeordnet wird, spüren die
meisten Menschen längst. Statt die marode soziale Infrastruktur zu
finanzieren, werden Milliarden in die Rüstung gesteckt. Statt die
arbeitende Bevölkerung zu entlasten, soll sie mehr, länger und effizienter
arbeiten. Alles, was nicht Wachstum oder Waffen produziert, wird
weggekürzt.
Günstig in den Kurzurlaub mit dem [4][Deutschlandticket]? Kein Geld da.
Durchschnaufen nach dem Abi? Geht nicht, wenn Deutschland die größte
konventionelle Armee Europas werden soll. Mit 65 und kaputten Knochen die
letzten Lebensjahre genießen? Nichts da – und für viele dann [5][mit 70 in
die Altersarmut], weil die Rente nicht reicht.
Das ist die eigentliche Bedrohung: eine Politik, die den Menschen
systematisch nimmt, was ihr Leben lebenswerter macht, um es in eine
Aufrüstungsspirale zu stecken, die vor allem einem dient – dem Machterhalt
der Mächtigen.
26 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ole-Nymoen-ueber-Militaer-und-Ukraine/!vn6073905/
(DIR) [2] https://www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland
(DIR) [3] /Forderungen-von-Donald-Trump/!6057303
(DIR) [4] /Streit-um-Deutschlandticket/!6171208
(DIR) [5] /Angeblicher-Rentenplan/!6180999
## AUTOREN
(DIR) Pauline Jäckels
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