# taz.de -- Linke Debattenkultur: Lasst uns wieder richtig streiten
       
       > Die sozialen Medien belohnen als Debattenraum Schnelligkeit, klare
       > Zuschreibungen und eindeutige Haltungen. Linke sollten sich dieser Logik
       > entziehen.
       
 (IMG) Bild: Aktionstag am Flughafen Frankfurt, 31. Mai 2013: Rückblickend wirkt Blockupy wie einer der letzten größeren Versuche, kollektive Debatte und Praxis zusammenzudenken
       
       Ich erinnere mich an einen Raum im zweiten Stock eines autonomen Zentrums.
       Zu klein für die zwanzig Leute, die dort saßen, Stühle im Kreis, Jacken
       über Heizkörpern. Die Fenster waren beschlagen, jemand hatte die
       Kaffeemaschine angelassen. Einer redete zu lange, zwei hörten demonstrativ
       nicht mehr zu, jemand widersprach erst, als der Gedanke eigentlich schon
       vorbei war. Es wurde unruhig, dann wieder erstaunlich konzentriert. Niemand
       hatte recht, alle rangen. Am Ende war man sich nicht einig – aber klüger.
       
       So habe ich Politik kennengelernt: in selbstverwalteten Räumen, bei Küfas,
       auf offenen Treffen, in Diskussionen, die anstrengend waren und gerade
       deshalb produktiv. Streit galt nicht als Gefahr, sondern als Voraussetzung
       dafür, die Welt überhaupt verstehen zu können. Vielleicht fällt mir deshalb
       heute so stark auf, dass sich etwas verändert hat. Vielleicht bilde ich mir
       diese Veränderung auch teilweise ein – Erinnerung ist bekanntlich selektiv,
       und Nostalgie ein bequemer Filter. Aber selbst mit diesem Vorbehalt bleibt
       das Gefühl, dass etwas fehlt.
       
       Ich erlebe politische Debatten zunehmend als moralisch, zugespitzt und
       kurzatmig. Gespräche brechen schnell ab, Positionen werden früh festgelegt,
       Widersprüche werden eher als störend wahrgenommen und nicht als klärend.
       Das ist kein persönlicher Vorwurf und keine „Abrechnung mit der Linken“. Es
       beschreibt eher eine Verschiebung der politischen Kultur, die viele
       betrifft – mich eingeschlossen.
       
       Auch wenn es schnell wie eine nostalgische Verklärung wirkt, lohnt ein
       Blick zurück. Der Konkret-Kongress 1993 der gleichnamigen linksradikalen
       Zeitschrift [1][gilt bis heute als legendär]: laut, polemisch, voller
       Reibung. Sicher nicht harmonisch, oft chaotisch – aber getragen von der
       gemeinsamen Annahme, dass politische Erkenntnis aus Auseinandersetzung
       entsteht. Es wurde gestritten, zugespitzt, widersprochen. Nicht alles war
       klug, manches wahrscheinlich verletzend. Aber eine konfliktreiche Debatte
       war hier kein Makel, sondern Kern linker Politik.
       
       ## Irrtümer müssen erlaubt sein
       
       Ereignisse wie der Konkret-Kongress waren keineswegs Ausnahmen, sondern
       Ausdruck einer Zeit, in der politische Sozialisation vor allem in realen
       Räumen stattfand. Dort lernte man, dass man Widersprüche aushalten muss, um
       gesellschaftliche Widersprüche überhaupt bearbeiten zu können. Dass
       Erkenntnis nicht am Anfang steht, sondern erst in einem Prozess entsteht,
       in dem um Positionen gerungen wird.
       
       Meine eigene Politisierung begann Ende der 2000er-Jahre: mit dem globalen
       Finanzcrash, den Protesten gegen die Krisenpolitik, mit der
       Blockupy-Bewegung gegen die Frankfurter Börse – und mit dem gleichzeitigen
       Erstarken rechter Strukturen, gerade auch im Südwesten Deutschlands.
       Politik war plötzlich keine abstrakte Frage mehr, sondern Teil des Alltags.
       Wie viele andere suchte ich nach Antworten. Als Teenager war das zunächst
       eine ziemlich grobe, im Rückblick auch etwas peinliche Nähe zu autoritären
       kommunistischen Vorbildern – weniger Analyse als das Bedürfnis nach
       Klarheit und Wut mit System. Später folgten andere Stationen: antideutsche
       Debatten, anarchistische Zusammenhänge, schließlich rätekommunistische
       Perspektiven. Nicht als Identität, sondern als Lernprozess.
       
       Politik bedeutete für mich immer, Positionen zu prüfen, zu verwerfen, neu
       zu denken – und dabei auch Irrtümer auszuhalten. [2][Blockupy] war für
       viele aus meiner Generation ein prägender Moment. Unterschiedliche linke
       Strömungen kamen zusammen, stritten über Strategie, Ziele und Formen des
       Protests – oft hart, aber selten moralisch. Es ging darum, wie man
       gemeinsam handlungsfähig wird. Rückblickend wirkt Blockupy wie einer der
       letzten größeren Versuche, kollektive Debatte und Praxis zusammenzudenken.
       Vielleicht ist das eine Überzeichnung, aber sie drängt sich auf.
       
       Heute entstehen politische Gespräche oft unter anderen Bedingungen. Viele
       werden über soziale Medien angestoßen oder dort weitergeführt. Diese Räume
       funktionieren [3][als Debattenräume anders als analoge]: Sie belohnen
       Schnelligkeit, klare Zuschreibungen, eindeutige Haltungen. Wer zögert,
       fragt oder differenziert, gerät leicht ins Hintertreffen. Das prägt aber
       nicht nur Onlinedebatten, sondern wirkt spürbar in analoge politische Räume
       hinein.
       
       ## Von Social Media in die analoge Welt
       
       Ich erlebe immer wieder, dass Diskussionen gar nicht richtig eröffnet
       werden. Vieles bleibt unausgesprochen, weil Unsicherheit als Schwäche gilt
       oder weil die Sorge besteht, Konflikte könnten spalten. Gespräche enden,
       bevor sie beginnen – nicht aus bösem Willen, sondern aus Zeitdruck,
       Erschöpfung, Vorsicht. Ob man das sofort „problematisch“ nennen muss, ist
       offen. Aber es ist politisch unproduktiv – und auf Dauer ermüdend.
       
       Eine politische Bewegung, die Konflikte vermeidet, verliert ihre Fähigkeit,
       gesellschaftliche Konflikte zu verstehen. Wer nicht mehr streitet, kann
       natürlich auch nicht gemeinsam lernen. Moralische Eindeutigkeit ersetzt
       dann Analyse, und dadurch geht politische Tiefe zunehmend verloren. Das ist
       auch gar keine ganz neue Erkenntnis, aber eine, an die offenbar wieder
       erinnert werden muss.
       
       Natürlich wäre es weder möglich noch richtig, einfach wieder zu der alten
       Debattenkultur zurückzukehren. Früher war nicht alles besser, vieles war
       härter, ungerechter, schroffer, lauter. Aber es gab zumindest ein
       gemeinsames Verständnis davon, dass das Pochen auf politische Klarheit uns
       an einem produktiven gemeinsamen Denken hindert. Vielleicht brauchen wir
       heute genau das wieder: Räume – reale wie digitale –, in denen Debatten
       Zeit haben dürfen. In denen man widersprechen kann, ohne aussortiert zu
       werden. In denen man nicht sofort wissen muss, wo man steht, sondern es
       gemeinsam herausfinden kann.
       
       Die Frage ist nicht, wie wir zu alten Formen zurückkehren, sondern wie wir
       unter heutigen Bedingungen wieder lernen zu streiten – nicht gegeneinander,
       sondern miteinander.
       
       29 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=MC_96aKSFVE
 (DIR) [2] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Blockupy-Treffen-in-Berlin/!5008579/&ved=2ahUKEwjqtMv4oa6SAxVQXvEDHZkVKeMQFnoECBsQAQ&usg=AOvVaw3aRnEq5lrEiN7SvkXLtr8Z
 (DIR) [3] /Der-Nahe-Osten-und-ich/!6076315
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lars Schneider
       
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