# taz.de -- Regisseur über Rassismus: „Die Fremdheit zerfrisst einen irgendwann“
       
       > Mit „Noah“ hat Regisseur Ali Tamim einen Film über rassistische
       > Polizeigewalt gemacht. Der Plot wurde real, als in Oldenburg Lorenz A.
       > erschossen wurde.
       
 (IMG) Bild: Still aus „Noah“: In einem Sinne auch autobiografisch
       
       taz: Herr Tamim, Sie haben mit „Noah“ einen Film über und für Leute
       gemacht, die [1][in Deutschland leben], aber nicht als Deutsche gelesen
       werden. 
       
       Ali Tamim: Genau! Schon als ich das Drehbuch zu „Noah“ geschrieben habe,
       war mir klar, dass dies ein Film „von uns und für uns“ sein sollte. Und
       wenn ihn jetzt jemand ansieht, der nicht „von uns“ ist, dann sehe ich das
       als einen Bonus. Aber es muss nicht sein.
       
       taz: Ist der Film also autobiografisch, weil Sie da von ihren eigenen
       Lebensverhältnissen erzählen? 
       
       Tamim: Er ist autobiografisch in dem Sinne, dass die Dinge, die darin
       verhandelt werden, immer schon eine große Rolle in meinem Leben gespielt
       haben. Die Erlebnisse, von denen da erzählt wird, habe auch ich in
       irgendeiner Form erfahren müssen.
       
       taz: Es geht im Film ja vor allem darum, dass man fremd in dem Land bleibt,
       in dem man lebt. 
       
       Tamim: Und [2][diese Fremdheit zerfrisst dich irgendwann einmal]. Sie macht
       wütend – vor allem aber sehr müde. Also muss man lernen, wie man damit
       umgeht. Und der erste Weg ist, dass man sagt: Man ist doch ein Deutscher.
       Man ist hier geboren und hat einen deutschen Pass. Aber das macht gar
       keinen Unterschied, weil die Leute einen nicht als einen Deutschen ansehen.
       Und dann muss ich mich fragen: Was bin ich denn dann? Das will ich in
       „Noah“ ausloten.
       
       taz: Im Mittelpunkt steht die Tötung des Titelhelden „Noah“ bei einer
       Polizeiaktion. Er selber tritt nie auf und auch von der Tat sprechen nur
       andere Protagonist*innen. Warum haben Sie diese indirekte Erzählweise
       gewählt? 
       
       Tamim: Es gab ein paar Bedingungen, die ich mir selber gesetzt habe. Eine
       davon war, dass wir den Gewaltakt selber nicht sehen. Für mich war immer
       klar, dass das Opfer Noah ein Symbol sein sollte. Für alle
       Protagonist*innen im Film, aber auch für jeden und jede, die „Noah“
       sieht, symbolisiert er etwas anderes – und das ist gut so. Wenn ich die
       Tötung gezeigt hätte, dann wäre Noah einfach nur ein Gewaltopfer gewesen.
       Das wollte ich auf keinen Fall.
       
       taz: Auch sonst zeigen Sie keine Diskriminierungen oder Gewaltakte. 
       
       Tamim: Das stimmt! Denn die zweite Bedingung, die ich mir selber gestellt
       habe, war, dass „wir“ am Ende gewinnen – dass also keiner von uns
       erschossen oder von der Polizei zusammengeschlagen wird.
       
       taz: Haben Sie dann nicht einen utopischen Film gemacht? 
       
       Tamim: Absolut. Für mich geht es immer darum, in meinen Arbeiten eine
       Utopie zu finden. Das macht mir in der Kunst am meisten Spaß.
       
       taz: Sie haben Ihren Film „Noah“ genannt. Aber es gibt in ihm so viele
       Bezüge auf die Geschichte von Moses in Ägypten, dass auch „Moses“ oder
       „Exodus“ gute Titel gewesen wären. 
       
       Tamim: Stimmt. Das alte Testament fasziniert mich extrem. Für mich sind
       diese Ansammlungen von Geschichten so etwas wie die Urtexte der westlichen
       Zivilisation. Ich habe das Gefühl, dass darin schon alles verhandelt wurde.
       Und ich frage mich immer: Wie kann ich mir das aneignen?
       
       taz: Sie haben seit 2022 an „Noah“ gearbeitet. In Oldenburg ist 2025 mit
       der [3][Tötung von Lorenz A.] das Gleiche passiert wie in Ihrem Film – und
       zwar bis ins Detail genau. Wie erklären Sie sich das? 
       
       Tamim: [4][Als ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich dabei Hanau im
       Kopf]. Und ich habe damals gesagt, dass der Film schnell gemacht werden
       müsste, weil er gerade so aktuell war. Aber inzwischen habe ich gemerkt,
       dass der Kern des Films immer aktuell bleiben wird.
       
       taz: Wenn „Noah“ jetzt in Oldenburg gezeigt wird, hat er dort ja einen ganz
       anderen Resonanzraum als an einem anderen Ort. 
       
       Tamim: Richtig. In Oldenburg wird der Film von den Menschen aus dieser
       Perspektive heraus gesehen werden. Und genau das sollen die Zuschauer und
       Zuschauerinnen ja auch machen. Sie sollen den Film in ihrem eigenen Kontext
       ansehen. Es ist ja nicht so, dass ich ihnen etwas auf die Nase drücken
       will.
       
       19 May 2026
       
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