# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Leben im Rhythmus der Raketen
       
       > Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw erlebt in der Nacht zu Sonntag eine der
       > schwersten russischen Angriffswellen seit dem Beginn der Vollinvasion
       > 2022. Unsere Autorin war vor Ort.
       
 (IMG) Bild: Am Morgen danach: Zwei Personen laufen am Sonntag an einem zerstörten Wohnhaus in Kyjiw vorbei
       
       In der Nacht zu Sonntag sitze ich gegen ein Uhr im Flur meiner Wohnung in
       der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw und zähle die Sekunden zwischen den
       Lichtblitzen vor meinem Fenster und den Geräuschen von Explosionen. Auf
       diese Weise lässt sich grob abschätzen, in welcher Entfernung eine Rakete,
       eine Drohne oder deren Trümmer niedergegangen sind.
       
       Mittlerweile können die Einwohnerinnen Kyjiws allein am Geräusch eine
       Kampfdrohne von einem Düsenjet unterscheiden, einen Marschflugkörper von
       einer ballistischen Rakete und das Geräusch einer aktiven Flugabwehr von
       der Explosion eines Einschlags. Dies ist eine Begleiterscheinung des Lebens
       in einer Stadt, die Russland regelmäßig aus der Luft angreift.
       
       In der Nacht zum 24. Mai führt Russland einen der massivsten Luftangriffe
       auf die Ukraine seit Beginn des vollumfänglichen Krieges durch. Nach
       Angaben der Luftwaffe setzt das russische Militär 90 Raketen verschiedener
       Typen sowie 600 Drohnen ein. Hauptziel des Angriffs ist Kyjiw. „Dies war
       die härteste Nacht seit Jahren“, schreiben die Menschen in den sozialen
       Medien. [1][Härteste Nacht oder nicht, aber es ist sicherlich eine jener
       Nächte, nach denen die Stadt noch lange Zeit aufmerksam in die Stille
       hinein horcht.]
       
       Nach den ersten Explosionen denke ich noch, ich könne vielleicht
       einschlafen. Doch die Einschläge kommen immer häufiger. Es ist unmöglich,
       sich an ballistische Angriffe zu gewöhnen: Manchmal vergehen zwischen dem
       Luftalarm und der Detonation nur wenige Minuten. Bei jedem Einschlag spannt
       sich mein Körper an, als würde er von einem Stromschlag durchzuckt. Dann
       tritt eine kurze Stille ein – ein Moment, um einiges zu überprüfen: Ich
       lebe, das Haus steht noch, also ist vorerst alles in Ordnung.
       
       ## Etwas Absurdes
       
       Gegen zwei Uhr morgens höre ich, wie die Worte der ukrainischen
       Nationalhymne durch die Wand dringen. Zuerst denke ich, meine Nachbarn
       versuchten lediglich, sich zu beruhigen. Dann sehe ich in den Nachrichten:
       Der ukrainische Boxer Oleksandr Usyk hat gerade den Niederländer Rico
       Verhoeven besiegt. Die Leute in der Nachbarwohnung haben den Kampf in den
       Pausen zwischen den Explosionen verfolgt – und die ukrainische Hymne laut
       mitgesungen.
       
       Dieser Augenblick hat beinahe etwas Absurdes an sich – und zugleich etwas,
       das der Ukraine im vierten Jahr des Krieges zutiefst vertraut ist: Raketen
       fliegen am Fenster vorbei, Benachrichtigungen über erneute Explosionen
       fluten das Telefon, und doch klammern sich gleich hinter der Wand die
       Menschen weiter an das Leben. Nicht, weil sie keine Angst hätten, sondern
       weil die Angst nicht der einzige Sinn der Nacht sein darf.
       
       Der Morgen nach einem massiven Beschuss in Kyjiw beginnt nicht mit einem
       Kaffee, sondern mit einem Blick auf die Nachrichten: Was wurde getroffen,
       wer hat überlebt und wie viele Menschen wurden verletzt? Diesmal ist einer
       der ersten Beiträge in meinem Feed ein Text der ukrainischen Filmemacherin
       und Autorin Iryna Tsilyk.
       
       „Die Tür im Zimmer meines Sohnes wurde regelrecht aus den Angeln gerissen.
       Die Fenster unserer Nachbarn zersplitterten und direkt gegenüber schlug
       etwas ein. Ich laufe durch die Wohnung, rauche in den Zimmern und schaue
       mich ständig um. Ich bin ruhig und doch zittere ich. Es ist lange her, dass
       wir so sehr rennen oder uns im Flur flach auf den Boden werfen mussten“,
       schreibt sie.
       
       ## Teile von Kjiws Gedächtnis getroffen
       
       Diesmal trifft der Angriff insbesondere das Zentrum Kyjiws. Berichten von
       Behörden und Kultureinrichtungen zufolge werden der Schytnij-Markt, das
       Taras-Schewtschenko-Literaturinstitut, das Nationale Kunstmuseum der
       Ukraine, das Ukrainische Haus, das Nationalmuseum „Tschornobyl“, die Kleine
       Oper Kyjiw sowie das Kulturzentrum „Hinaus“ beschädigt.
       
       Was wie eine bloße Auflistung von Gebäuden klingt, ist für Kyjiw jedoch ein
       Teil des Gedächtnisses der Stadt. Der Schytni-Markt ist eines der
       Wahrzeichen des historischen Stadtviertels Podil. Das Literaturinstitut ist
       ein Ort, der untrennbar mit dem ukrainischen Literaturarchiv verbunden ist.
       [2][Das Tschornobyl-Museum bewahrt die Erinnerung an eine der größten von
       Menschen verursachten nuklearen Katastrophen des 20. Jahrhunderts].
       
       Auch Regierungsgebäude werden beschädigt – konkret jene Gebäude, in denen
       die Regierung der Ukraine sowie das Außenministerium untergebracht sind.
       Die ukrainische Premierministerin Julija Swyrydenko schreibt auf der
       Social-Media-Plattform X, dass das Regierungsgebäude infolge einer
       Explosion Schaden genommen habe, jedoch niemand verletzt worden sei. Sie
       bezeichnet den Angriff als ein weiteres Zeugnis dafür, dass Russland –
       unfähig, die Ukraine zu brechen – weiterhin zivile Gebiete mit Raketen und
       Drohnen beschießt.
       
       Die Schäden am Nationalmuseum „Tschornobyl“ sind beträchtlich. Im Internet
       kursieren Fotos und Videos, die aus dem Gebäude aufsteigende Flammen
       zeigen, gefolgt von einer dichten Rauchwolke. Einige Medien berichten, das
       Museum sei zerstört worden. Offizielle Stellungnahmen sind vorsichtiger,
       doch sie schmerzen nicht minder: Etwa 40 Prozent der Exponate sind
       unwiederbringlich verloren.
       
       ## Morgens Scherben, nachmittags Kaffeeausschank
       
       „Mit dem heutigen Angriff hat Russland versucht, nicht nur Leben, sondern
       auch die Erinnerung zu zerstören“, heißt es aus dem Innenministerium der
       Ukraine. Seinen Angaben zufolge hätten Rettungskräfte und
       Museumsmitarbeiter unmittelbar nach dem Angriff mit der Evakuierung der
       Exponate begonnen. Es sei ihnen gelungen, Gegenstände aus den
       Museumsdepots, ein Gemälde der bekannten Künstlerin Marija Prymatschenko
       sowie die ukrainische Flagge zu retten, die nach dem Abzug russischer
       Truppen 2022 am Kernkraftwerk Tschornobyl gehisst worden war.
       
       In Podil sind es nicht nur Museumsmitarbeiter:innen und städtische
       Dienste, die Glasscherben beseitigen. Die Druckwelle hat auch in kleinen
       Cafés die Scheiben bersten lassen. Stanislaw Zavertailo, der Inhaber eines
       Cafés, hat vor seinem beschädigten Lokal ein Video aufgenommen: „Na? Hier
       ist es – Unternehmertum auf Ukrainisch. Jetzt sind wir an der Reihe, um
       russische Raketen zu ‚begrüßen‘“, sagt er. Bereits am Nachmittag lädt
       Zavertailo Leute auf einen Kaffee ein. Von den Glassplittern in dem Raum
       ist nichts mehr zu sehen.
       
       Infolge des jüngsten massiven Angriffs auf Kyjiw seien zwei Menschen ums
       Leben gekommen und weitere 87 verletzt worden – darunter drei Kinder,
       berichtet der staatliche Dienst für Notfallsituationen der Ukraine.
       
       Tote, Verletzte, beschädigte Wohnhäuser, Museen, Cafés, Regierungsgebäude –
       diese Angaben klingen trocken. Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich die
       Nacht von Menschen im Hausflur, ein zerstörtes Kinderzimmer oder der
       morgendliche Versuch, Glasscherben wegzufegen.
       
       Nach Nächten wie diesen wirkt Kyjiw nicht heldenhaft. Es wirkt erschöpft –
       mit Fenstern, die mit Sperrholz vernagelt sind, schwarzen Rauchspuren an
       den Fassaden und Menschen, die schweigend Scherben von den Gehwegen fegen.
       Das Heldentum liegt hier nicht in großen Worten, sondern in kleinen Taten:
       ein Café wieder zu öffnen, ein Museumsexponat zu retten oder den Liebsten
       einfach eine Nachricht zu schreiben: „Ich lebe“. An die Raketen gewöhnt man
       sich nie. Doch in der Ukraine haben die Menschen gelernt, in den Räumen
       zwischen ihnen zu leben.
       
       Aus dem Russischen Barbara Oertel
       
       25 May 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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