# taz.de -- Ukrainische Angriffe auf Russland: Verhandeln ist besser
       
       > Ja, die Ukraine hat das Recht, zurückzuschlagen. Aber das Land sollte
       > sich nicht an der moralischen Niedertracht Russlands orientieren.
       
 (IMG) Bild: Sankt Petersburg, Russland, 3. Juni: Rauchschwaden über dem Hafen
       
       Völkerrechtlich gesehen ist es das gute Recht der Ukraine, russische Ziele,
       [1][wie diese Woche ein Öllager bei St. Petersburg], anzugreifen. Russland
       greift die Ukraine an, warum also sollte es der Ukraine verboten sein,
       Russland anzugreifen? Russland hat im Februar vergangenen Jahres die
       Schutzhülle des ehemaligen AKW Tschornobyl mit einer Drohne angegriffen;
       nach wie vor fliegen russische Drohnen in gefährlicher Nähe zu ukrainischen
       Atomanlagen und deren Infrastruktur.
       
       Wenn Russland in der Ukraine Ökozide verübt, warum sollte die Ukraine dann
       nicht das Recht haben, symmetrisch zu antworten? Doch nicht alles, was
       erlaubt ist, sollte man auch tun. Wenn ein Terrorist einen Bus entführt hat
       und droht, ihn in die Luft zu sprengen, darf man diesen Mann töten.
       Allerdings nur, wenn man sicherstellen kann, dass man nicht gleichzeitig
       auch unschuldige Passagiere tötet. Längst treffen die ukrainischen Angriffe
       auch unschuldige Zivilisten.
       
       Ende Mai hatten ukrainische Angriffe 21 Menschen, vorwiegend junge Frauen,
       im ukrainischen, von Russland besetzten Städtchen Starobilsk getötet. Im
       ukrainischen Enakiewo (Jenakijewe) wurden [2][am Mittwoch sieben Passagiere
       eines Busses] von einer ukrainischen Drohne getötet. Bei einem ukrainischen
       Angriff auf eine Ölraffinerie an der russischen Schwarzmeerküste verendeten
       massenhaft Delfine, Vögel und Fische; die Küstenlandschaft ist auf Jahre
       verseucht. Nach einem Bericht des ukrainischen Mediums New Voice gibt es
       nur noch zwei Raffinerien in Russland, die nicht von ukrainischen Drohnen
       angegriffen worden sind.
       
       ## „Auge um Auge“ führt ins Verderben
       
       Eine Politik, die sich an einem „Auge um Auge, Zahn um Zahn, Ökozid um
       Ökozid“ orientiert, bringt uns ins Verderben. Ein Angriff auf Zivilisten
       und Ökologie in Russland ist ein Verrat an unseren humanistischen Werten.
       Orientieren wir uns an diesen humanistischen Werten, sind wir zwar
       möglicherweise militärisch im Nachteil bei einem Gegner, der sich um diese
       Werte nicht kümmert. Aber wir sind ihm moralisch überlegen und somit
       weltweit attraktiver. Ein „Weiter so“ ist keine Alternative. Ein „Weiter
       so“ bringt uns in eine Eskalation, bei der Bevölkerung, Tierwelt und Natur
       Opfer werden. Und Gebiete, die uns noch heute wichtig sind, werden dann
       unbewohnbar sein.
       
       Im Gebiet Charkiw finden sich Ortschaften, die mehrmals erobert und
       zurückerobert worden sind und auf denen kein Stein mehr auf dem anderen
       steht. Heute stehen wir vor der Wahl: weiter so mit einer Eskalation, die
       auch Unschuldige tötet – oder Verhandlungen mit Russland. Letzteres ist die
       bessere Wahl.
       
       4 Jun 2026
       
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