# taz.de -- Waffen für die Ukraine: „Diesen Widerspruch muss man aushalten“
> Evelyn Deller ist in Deutschland als jüdische Ukrainerin aufgewachsen –
> und sie ist links. In Vorträgen wirbt sie dafür, die Ukraine zu
> unterstützen.
(IMG) Bild: Evelyn Deller sagt, die Linke müsse verstehen, dass Pazifismus nicht zu Frieden führt
taz: Frau Deller, in Vorträgen und den sozialen Medien möchten Sie die
linke Szene davon überzeugen, dass sie die Ukraine [1][angesichts des
russischen Angriffskrieges] unterstützen muss. Tut sie aus Ihrer Sicht
aktuell zu wenig?
Evelyn Deller: Ja, auf jeden Fall – weder die Linkspartei noch autonome
Gruppen machen genug, wenn überhaupt. Schon lange vor dem Großangriff vom
24. Februar 2022 hätten Linke in Deutschland die Chance gehabt, sich gegen
russischen Imperialismus zu positionieren und das Leid von Menschen
anzuerkennen, die in einem Gebiet leben, das 2014 völkerrechtswidrig
annektiert wurde und sich seitdem im Krieg befindet. Doch die deutsche
Linke hatte einfach nie das Interesse, sich mit der Ukraine zu befassen.
taz: Warum?
Deller: Die Linke in Deutschland hat viel zu oft ein manichäisches
Weltbild. Sie stopfen ein Land, das sie nicht kennen, in eine Kategorie,
die sie kennen, und wollen ihm deshalb nicht helfen, weil das ja angeblich
ein Nato-Krieg gegen Russland sei.
taz: Ist das nicht vielmehr ein globales Problem der Linken?
Deller: Also in postsowjetischen Ländern merkt man, dass mit Russland und
der sowjetischen oder „sozialistischen“ Vergangenheit generell anders
umgegangen wird. Dort findet innerhalb der linken oder anarchistischen
Szene eben kein Putin-Verstehertum statt. Und die
Sowjetverherrlichungsschiene ist dort nicht massentauglich, weil viele
Familien ja noch davon traumatisiert sind.
taz: Wieso soll sich die westliche Linke aus Ihrer Sicht für die Ukraine
stärker einsetzen?
Deller: Historisch betrachtet sind Ukrainer ein unterdrücktes Volk. Sie
sind Opfer vom Imperialismus von Russland und der Sowjetunion sowie
mindestens einem Völkermord, dem Holodomor. Und sie werden angegriffen vom
größten Staat der Welt, einem autokratischen Staat und Verbündeten von
China, Nordkorea und Iran. Aus emanzipatorischer Sicht soll das Grund genug
sein.
taz: Inwiefern sollen die Linken unterstützen?
Deller: Indem sie sich für Waffenlieferungen an die Ukraine einsetzen. Die
Linke muss verstehen, [2][dass Pazifismus nicht zu Frieden führt, sondern
zu mehr Unterdrückung.] Denn wenn man angegriffen wird, muss man sich
verteidigen. Wer das nicht tut, stirbt. Sogenannte Antiimperialisten sind
ja nicht per se gegen Gewalt. Selbst den bewaffneten Hamas-Angriff auf
Israel vom 7. Oktober 2023 deuten sie perfiderweise zu einem
„Widerstandsakt“ um.
taz: Solche Linke argumentieren, Waffenlieferungen würden den Krieg
lediglich verlängern und schließlich zu mehr Toten führen.
Deller: Das ist Bullshit. Ein Leben unter Unterdrückung, Okkupation und
Russifizierung ist kein gutes Leben, wenn es überhaupt ein Leben ist. Die
Besatzung selbst fordert viele Tote. [3][Das haben wir schon in Butscha],
Irpin und Cherson gesehen: Kriegsverbrechen, die den Verdacht eines
Völkermords an Ukrainer erhärten.
taz: Eine weitere Kritik lautet, in den ukrainischen Streitkräften dienten
auch Rechtsextreme und Neonazis. Berüchtigt ist etwa die Asow-Brigade. Ist
da nicht etwas dran?
Deller: Da ist was dran, deshalb schlachtet Putin das Thema für Propaganda
aus – und es funktioniert. Doch daraus auf die Gesinnung einer ganzen
Bevölkerung zu schließen, ergibt keinen Sinn. Die Brigade – in der nicht
nur Rechtsextreme dienen – ist nur eine von vielen innerhalb der
ukrainischen Armee. Zur Wahrheit gehört auch: Asow hat sich zu einer hoch
spezialisierten, unverzichtbaren Einheit entwickelt, die viele Gebiete
befreit hat. Diesen Widerspruch muss man aushalten. Außerdem könnten wir an
dieser Stelle natürlich auch reden über die vielen einflussreichen
[4][rechtsextremen und neonazistischen Gruppen aus Russland], die
Kriegsverbrechen begehen.
taz: In einem Artikel der linken Zeitung Junge Welt wird Ihnen „Verständnis
für Faschisten“ und „Kriegspropaganda“ vorgeworfen. Wie gehen Sie damit um?
Deller: Ich hatte danach vor allem Angst, dass meine Eltern sauer auf mich
sind: weil ich zu offen war und mich exponiert habe, weil ich mich nicht
daran gehalten habe, meine Identität zu verstecken. Sie haben mir immer
erzählt, was sie als Juden in der Sowjetunion durchmachen mussten. Aber sie
meinten, es sei ein gutes Zeichen, wenn solche Leute so über mich
schreiben. Nun amüsiere ich mich darüber, dass es Menschen gibt, die immer
noch diese Zeitung ernst nehmen, auch wenn sie russische Staatspropaganda
abdruckt. Durch solche Artikel habe ich sogar mehr Sympathisanten
hinzugewonnen.
taz: Wann waren Sie zuletzt in der Ukraine zu Besuch?
Deller: Vor wenigen Wochen war ich in Lwiw, mein erstes Mal in der
Westukraine. Meine Eltern kommen aus Kyjiw und Odessa, wir sind deshalb
russischsprachig aufgewachsen. Doch ich wusste, dass ich in Lwiw nicht
offen Russisch reden soll. Aber Lwiw war für mich aus einem anderen Grund
ein Schock.
taz: Nämlich?
Deller: Ich habe viele positive Bezüge auf die OUN gesehen [Organisation
Ukrainischer Nationalisten, d. Red.], die sich an den Nazi-Überfällen auf
Polen und die Sowjetunion beteiligt hatte. Ihre schwarz-roten Flaggen sind
bis heute präsent. Dieser Nationalismus bereitet mir Sorgen, ich habe viele
Probleme damit. Auch wenn viele Ukrainer mit der OUN keine Verbrecher,
sondern in ihren Augen Widerstandshelden ehren. In Lwiw habe ich meinen
Davidstern nicht offen getragen. Aber das kann ich eh kaum irgendwo auf der
Welt mehr.
taz: Wann kam Ihre Familie nach Deutschland?
Deller: 1992 sind sie nach Deutschland geflohen, aufgrund ihrer
Antisemitismus-Erfahrungen in der Sowjetunion und später in der souveränen
Ukraine. Zu Hause in Hannover lebten wir in der postsowjetischen
Vergangenheit: ablesbar an der Einrichtung der Wohnung, den Mitbringseln
von damals, am Essen sowie unserer Sprache. Vor der Haustür lag
Deutschland, eine andere Welt, in der ich „Ausländerin“ bin.
taz: Wie haben Sie das zu spüren bekommen?
Deller: Die anderen Kinder haben mich zunächst nicht verstanden, weil ich
nur Russisch konnte. Ich hatte von da an ein Fremdheitsgefühl. Und schon
als Kind habe ich antisemitische Erfahrungen gesammelt. Ich wusste also
immer: Wenn ich sage, dass ich Jüdin bin, wird das irgendwas verändern –
meist auf eine negative Weise.
taz: Und seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023?
Deller: Ich erlebe sehr viel Hass. Ich werde dafür verantwortlich gemacht,
Kinder in Gaza umzubringen. Und ich hätte Blut an meinen Händen.
Währenddessen müssen sich meine Angehörigen in Israel und in der Ukraine
vor den gleichen iranischen Drohnen verstecken. Wegen psychischer Belastung
[5][durch antisemitische Vorfälle] gehe ich nicht mehr in die Uni.
Stattdessen halte ich Vorträge und bitte um Spenden für antiautoritäre
Gruppen, die gegen Russland kämpfen. Das ist meine Art von
Widerstandskampf.
22 May 2026
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