# taz.de -- Queere Debatten: Nicht hetero zu sein, ist noch nicht politisch
> Queersein alleine ist nicht automatisch emanzipatorisch. Denn politisches
> Potenzial entsteht nur dort, wo es um mehr geht, als private
> Lebensführung.
(IMG) Bild: Die Vorstellung, dass lesbische Beziehungen oft Heterobeziehungen imitieren, greift historisch zu kurz
Was macht Queerness politisch? Reicht es schon, nicht heterosexuell zu
leben? Oder wird Queerness erst dort subversiv, wo sie gesellschaftliche
Normen sichtbar infrage stellt? Diese Fragen gewinnen derzeit neue
politische Schärfe. Angesichts wachsender sozialer Ungleichheit und
Prekarisierung wird immer wieder behauptet, Identitätspolitik und soziale
Gerechtigkeit stünden im Widerspruch zueinander. Sowohl konservative
Stimmen als auch Teile der politischen Linken fragen, ob Queerness
gesellschaftliche Solidarität eher schwäche als stärke.
Diese Fragen zeigen sich besonders deutlich in den [1][Debatten um
Butch/Fem-Dynamiken], also lesbische Beziehungen, in denen eine Person sich
nach klassischen Genderrollen eher männlich (Butch) und die andere eher
weiblich (Fem) präsentiert. Noch heute werden solche Beziehungen oft als
Nachahmung heterosexueller Rollen gelesen. Doch diese Sichtweise greift
historisch wie politisch zu kurz.
Die [2][US-amerikanische Autorin Joan Nestle] beschreibt in ihren
Erinnerungen die lesbische Bar-Kultur im New Yorker Greenwich Village der
1950er und 1960er Jahre. Orte wie die Bar Sea Colony waren Schutzräume für
vor allem weiße Arbeiter*innenlesben – und zugleich Räume ständiger
Gefahr. Polizeirazzien gehörten zum Alltag, geschlechtsabweichende Kleidung
konnte Verhaftungen nach sich ziehen.
Gerade unter diesen Bedingungen entwickelte sich Butch/Fem nicht als Kopie
heterosexueller Beziehungen, sondern als eigene lesbische Kultur. Butches
luden ein, hielten Türen auf oder übernahmen Schutzfunktionen. Femmes
signalisierten ihr Begehren auf andere Weise. Daraus entstanden soziale
Codes, über die Zugehörigkeit, Flirten und Sichtbarkeit organisiert wurden.
## Kein Lifestyle
Entscheidend ist: Diese Rollen dienten nicht dazu, Heterosexualität zu
imitieren. Sie machten lesbisches Begehren überhaupt erst öffentlich
lesbar. Wer als Butch auftrat, also entgegen den gesellschaftlichen
Erwartungen des Frauseins, riskierte Beschimpfungen, Gewalt oder
Verhaftung. Diese Form der Sichtbarkeit war kein Lifestyle, sondern ein
politisches Risiko.
Innerhalb der Community war genau das umstritten. In der lesbischen
Zeitschrift The Ladder wurden Butch/Fem-Paare oft den „diskreten“ Lesben
gegenübergestellt, die sich möglichst unauffällig verhalten wollten.
Butch/Fem galt vielen als zu provokant, zu sichtbar, zu wenig
anpassungsfähig. Doch genau diese Sichtbarkeit machte die Beziehungen
politisch.
Die bis heute verbreitete Frage „Wer ist der Mann in eurer Beziehung?“
zeigt deshalb weniger etwas über lesbische Beziehungen als über die Grenzen
heteronormativen Denkens. Sie unterstellt, queere Beziehungen müssten sich
zwangsläufig an heterosexuellen Rollen orientieren. Dabei hatten
Butch/Fem-Identitäten immer eigene Bedeutungen, die sich nicht auf
Mann/Frau-Schemata reduzieren lassen.
Hinzu kommt: Butch und Fem waren nie starre Kategorien. Joan Nestle
beschreibt etwa, wie sie auf der Straße als [3][„Bulldyke“], also
„Kampflesbe“ beschimpft wurde, im Freund*innenkreis aber als Fem galt.
Auch Begriffe wie „butchy Femmes“ oder „femmy Butches“ zeigen, dass die
Grenzen fließend waren.
Dass Menschen verschiedener Geschlechtsidentitäten – cis, trans, inter oder
nonbinär – sich als Butch oder Fem verstehen können, macht zusätzlich
deutlich, wie verkürzt die Vorstellung einer bloßen Imitation ist.
Entscheidend ist nicht die Ähnlichkeit zu Heterosexualität, sondern die
Frage, welche sozialen und politischen Funktionen solche Identitäten
erfüllen.
## Radikal individualistisch statt solidarisch
Einen starken Kontrast dazu bilden die autobiografisch geprägten Romane der
französischen Autorin [4][Constance Debré]. Ihre Erzählerin verlässt Ehe,
Beruf und Familie, um nur noch zu schreiben und Beziehungen mit Frauen zu
führen. Homosexualität erscheint dabei als „Urlaub von allem“ – als Rückzug
aus gesellschaftlichen Erwartungen.
Doch diese Form von Queerness bleibt radikal individualistisch. Die
Erzählerin betont ausdrücklich, keiner Community anzugehören und keine
politischen Kämpfe führen zu wollen. Beziehungen bleiben flüchtig, andere
Frauen werden anonymisiert und emotional auf Distanz gehalten. Freiheit
bedeutet hier vor allem Unabhängigkeit von Bindungen.
Das wirkt zunächst wie ein Bruch mit heterosexuellen Lebensmodellen.
Politisch subversiv ist dieser Bruch jedoch nicht automatisch. Denn Debrés
Figur verweigert sich nicht nur patriarchalen Erwartungen, sondern auch
Solidarität.
Hinzu kommt ein Klassenaspekt: Der Rückzug aus Ehe und Erwerbsarbeit wird
erst möglich durch ökonomische Absicherung. Die Figur des unabhängigen
„Cowboys“, die Debré entwirft, bleibt an Privilegien gebunden. Eine
Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten findet kaum statt.
Daran zeigt sich ein grundlegender Unterschied: Nicht jede Abkehr von
Heterosexualität ist bereits emanzipatorisch. Queerness wird nicht allein
dadurch politisch, dass sie Normen verletzt oder Anderssein verkörpert.
Die historischen Butch/Fem-Kulturen waren subversiv, weil sie lesbisches
Begehren sichtbar machten, Gemeinschaft organisierten und sich bewusst
einer feindlichen Ordnung aussetzten. Ihre politische Kraft lag gerade
darin, dass sie Öffentlichkeit herstellten. Wo Queerness dagegen nur als
individueller Ausstieg aus Beziehungen, Verantwortung oder Gesellschaft
erscheint, verliert sie ihre transformatorische Dimension. Der Bruch mit
der heterosexuellen Kleinfamilie genügt nicht, wenn daraus keine neue Form
von Solidarität entsteht.
Das subversive Potenzial von Queerness liegt deshalb nicht im bloßen
Nicht-heterosexuell-Sein. Es entsteht dort, wo queeres Leben mehr ist als
private Lebensführung: wo Menschen gemeinsam andere Formen von Beziehung,
Sichtbarkeit und Zusammenleben entwickeln – und damit gesellschaftliche
Normen tatsächlich herausfordern.
26 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Erotische-Kultur-oder-neues-Dogma/!1282967/
(DIR) [2] /Joan-Nestle/!1557276&s=Joan+Nestle/
(DIR) [3] https://queer-lexikon.net/2017/06/15/dyke/
(DIR) [4] /Play-Boy-von-Constance-Debre/!6101561
## AUTOREN
(DIR) Zeynep Sandalli
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