# taz.de -- Japanische Datingshows: Mal weich, mal wütend
> Zwei japanische Datingformate zeigen, wie die Gesellschaft gerade tickt:
> „The Boyfriend“ auf sanfte Art, „Badly in Love“ eher auf die harte Tour.
(IMG) Bild: Szene aus „Badly in Love“
Man nehme ein bisschen Drama, irgendwelche actionreichen Aktionen und
Alkoholexzesse – fertig ist das klassische westliche Datingformat. Ganz
anders funktionieren dagegen die Shows in asiatischen Ländern, etwa in
Japan. Da gibt es aktuell zwei Datingserien, die für Aufsehen sorgen.
Einerseits gibt es die [1][Netflix-Produktion „The Boyfriend“] von 2024,
das erste queere japanische Datingformat, in dem zehn schwule Männer für
zwei Monate gemeinsam in einem Haus leben. Dort leben sie zusammen, sollen
in einem Kaffeewagen arbeiten, um sich auch im Arbeitsalltag
kennenzulernen, und verlieben sich manchmal ineinander.
Die Show begleitet die Männer durch einen ruhigen, idyllischen Alltag.
Gemeinsame Abendessen, Gespräche über Liebe, Outing, Familie,
Freundschaften, in denen auch mal Tränen fließen, vermitteln
Zuschauer*innen das Gefühl, dass die Sorgen und Hoffnungen der Männer
ernst genommen werden.
Im Vergleich dazu steht das Datingdrama „[2][Badly in Love“ auf Netflix],
in der elf [3][Yankiis] (eine japanische Subkultur von rebellischen jungen
Männern und Frauen) sich daten. Eine bunte, verspielte Küche oder ein
Wohnzimmer, das an eine Mini-Spielhalle erinnert. Was hier jedoch
hervorsticht, ist die aggressive Haltung der Männer und Frauen. In einer
Szene sieht man etwa Mylk, der zu einem anderen Kandidaten sagt: „Du
provozierst mich hier (in der Küche), obwohl hier Messer sind.“ Solche
expliziten Gewaltandrohungen gibt es in westlichen Datingshows dann doch
nicht – und solche Aggressionen passen auch kaum zum Bild, das wir von
Japaner*innen haben.
## Männlichkeit in verschiedenen Subkulturen Japans
Durch die beiden Datingshows kann man daher gut etwas über das
Männlichkeitsbild in Japan lernen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs
prägten Samurai, die den feudalen Herren dienten und für die Kriegsführung
zuständig waren, die Auffassung von Männlichkeit.
Mit der Zeit wandelte sich dieses Bild zu dem eines Büroangestellten, der
nach wirtschaftlichem Erfolg strebt und der Versorger der Familie ist. Doch
der versprochene wirtschaftliche Aufstieg konnte aufgrund der
Wirtschaftskrise in den 1990ern nicht eingehalten werden. Der Wunsch nach
einer neuen Art von Männlichkeit drängte sich immer mehr in den Vordergrund
der Gesellschaft. Männer [4][seien nun offener] für eine „weichere Form“
der Männlichkeit. Es wird normaler, Kosmetik zu verwenden, Make-up oder
auch als feminin geltende Kleidung.
„The Boyfriend“ zeigt diese neue Offenheit. Die Kandidaten schminken sich
gegenseitig und machen sich Komplimente zu ihrem Aussehen wie „Ich finde
deine Sommersprossen schön“. Und dennoch zeigt sich Japan
gesellschaftspolitisch im Zwiespalt, wenn es um das Thema Queerness geht:
Queere Ehen werden laut einer Umfrage von 2023 von 72 Prozent der befragten
Japaner*innen befürwortet, obwohl [5][sie noch verboten sind].
Gleichzeitig zeigt sich die Akzeptanz in „Boys Love“-Mangas (japanischen
Comics) oder auch in queeren Bars in Tokio, die es seit Jahrzehnten gibt.
Und die Gesellschaft [6][diskutiert das Thema.]
„The Boyfriend“ trägt dazu bei, queere Liebe zu repräsentieren. Die Serie
wurde in insgesamt 190 Ländern ausgestrahlt. Ein weiterer spannender Aspekt
der Datingshow: Der Produzent Dai Ota hat Psychologen hinzugezogen, die den
Teilnehmern [7][auch nach Veröffentlichung der Show beiseitestehen.]
## Manchmal kocht ihre Wut hoch
In „Badly in Love“ stellen sich die Yankiis gegen Autoritäten und
gesellschaftliche Normen. Sie heben sich auch ästhetisch von der
japanischen Mehrheitsgesellschaft ab. Sie haben bunt gefärbte Haare und
viele sichtbare Tattoos. In der Datingshow wird der Fokus auf diese
Merkmale gelegt. Doch manchmal kocht ihre Wut hoch und es wird körperlich
zwischen den Männern. Ein Zeichen der Reviermarkierung, die ein sehr
toxisches und gefährliches Verhaltensmuster von Männern zeigt. Auch hier
wäre die Unterstützung von Psycholog*innen durchaus sinnvoll gewesen.
Neben dem Dating lernt man viele der Kandidaten auf einer persönlichen
Ebene kennen. Die Yankiis erzählen von ihrer schwierigen Vergangenheit und
den Auswirkungen bis heute. Viele versuchten anders zu leben. In „The
Boyfriend“ spielen das Outing und die Schwierigkeiten damit eine große
Rolle. Teilnehmer sprechen darüber, dass Familienmitglieder verstorben
seien, sie aber nie die Chance hatten, sich zu outen und zu zeigen, wer sie
wirklich sind. Andere wiederum berichteten über die Angst, sich zu outen
und vor allem ihre Väter zu enttäuschen.
Durch diese Gespräche oder auch die Vorstellung, später mal zu heiraten
oder Kinder zu bekommen, öffnen sich die Männer und entwickeln eine
berührende Freundschaft untereinander. Die tränenreichen Verabschiedungen
bei „The Boyfriend“ zeigen, welche emotionale Verbindung die Männer
untereinander aufgebaut haben.
„The Boyfriend“ darf daher nicht nur als Datingformat gesehen werden,
sondern als ein Ort für Männer, in der Männlichkeit sanft und liebevoll
gelebt werden kann und von dem sich deutsche Datingformate ruhig etwas
abschauen können. Die japanischen Datingformate zeigen, dass sie zwar mit
Polarisierung Aufmerksamkeit erzeugen, dennoch aber auch eine
gesellschaftliche Offenheit und Verständnis für Menschen aufbauen helfen
wollen, die in Japan von der vermeintlichen Norm abweichen,
1 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.netflix.com/de/title/81685212
(DIR) [2] https://www.netflix.com/de/title/81769466
(DIR) [3] https://de.pinterest.com/ideas/japanese-yankii-style/947785351799/
(DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/internationales/japan-sucht-die-neue-mannlichkeit-wo-weinen-muhsam-erlernt-werden-muss-11000587.html
(DIR) [5] /Erste-queere-Ehe-Japans/!5610038
(DIR) [6] /LGBTQ-Diskriminierung-in-Japan/!5922994
(DIR) [7] https://schwulissimo.de/neuigkeiten/schwule-datingshow-japan-netflix-befeuert-debatte-um-die-homo-ehe
## AUTOREN
(DIR) Albertina Pangula
## TAGS
(DIR) Dating
(DIR) Japan
(DIR) Queer
(DIR) Reality-Show
(DIR) Netflix
(DIR) Identitätspolitik
(DIR) Gegenwartsliteratur
(DIR) Indien
(DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Queere Debatten: Nicht hetero zu sein, ist noch nicht politisch
Queersein alleine ist nicht automatisch emanzipatorisch. Denn politisches
Potenzial entsteht nur dort, wo es um mehr geht, als private Lebensführung.
(DIR) Kuku Schrapnell „Gender Punks“: Schon immer Punk
Queere Ikonen seit 1750: Kuku Schrapnell erzählt in „Gender Punks“
Geschichten von transgeschlechtlichen Personen vergangener Jahrhunderte.
(DIR) LGBTQ in Indien: Ehe für alle nicht mehr fern
Dem Obersten Gericht in Indien stehen Verhandlungen über die Homo-Ehe
bevor. Es könnte ein riesiger Erfolg für die liberalen Kräfte im Land
werden.
(DIR) Japans Urteil zur queeren Ehe: Der lange Weg zu weniger Druck
Ein Gericht sieht die fehlende Möglichkeit zur Ehe jetzt als
verfassungswidrig an. Für queere Japaner ist es ein Etappensieg.