# taz.de -- Wissenschaftlerin über DDR-Literatur: „Niemand wusste besser, zwischen den Zeilen zu schreiben“
       
       > Trotz oder gerade wegen des staatlichen Sozialismus hat die Literatur der
       > DDR queeres Potenzial, sagt die Literaturwissenschaftlerin Franziska
       > Haug.
       
 (IMG) Bild: Queerness nicht nur als Identität, sondern auch als Verfahren gibt’s im Roman „Franziska Linkerhand“ der Autorin Brigitte Reimann
       
       taz: Frau Haug, wie passen Queerness und DDR zusammen? 
       
       Franziska Haug: Erst mal möchte ich betonen, dass die rechtliche Lage für
       Schwule und Lesben in der DDR sehr viel besser war als in der BRD.
       
       taz: In der DDR war Homosexualität schon ab 1968 weitgehend straffrei.
       
       Haug: Zudem war [1][die Möglichkeit der Abtreibung], die es in der DDR viel
       früher als in der BRD gab, auch gerade wichtig für bisexuelle und lesbische
       Frauen. In der DDR gingen viele Frauen mit Kindern nach der ersten Ehe mit
       einem Mann in eine lesbische Partnerschaft. Ein schnelles und billiges
       Scheidungsverfahren begünstigte das. Die konkrete historische Situation
       führte schon zu anderen Lebensformen.
       
       taz: Trotzdem gab es in der DDR für Schwule und Lesben weniger
       Möglichkeiten, sich öffentlich zu treffen. Die Stasi überwachte [2][die
       schwul-lesbische Szene] bis in die 1980er.
       
       Haug: Es stimmt, dass vor allem Homosexualität unter Männern nicht so offen
       gelebt wurde. Das hat aber viele Gründe. Dennoch gab es eine aktive
       schwul-lesbische Subkultur. Sie war aber weniger öffentlich als in
       Westdeutschland und nicht zwangsläufig gegen den Staat gerichtet.
       Demgegenüber oder vielleicht gerade deshalb war Literatur ein Ort, wo
       Queerness in der DDR sehr offen zur Sprache kommt.
       
       taz: Wa r offene Queerness in der Literatur der DDR möglich? 
       
       Haug: [3][Die Literatur in der DDR] war unglaublich breit. In kaum einem
       anderen Land wurde in so kurzer Zeit so viel produziert. Es gibt Texte, da
       steht lesbisch oder schwul drin, die veröffentlicht wurden. Doch viel
       queeres Leben fand impliziter in den literarischen Fiktionen statt. Es ist
       ein dialektisches Verhältnis, das auch Rückschläge in die Gesellschaft
       hatte.
       
       taz: Ihre Definition von „queer“ geht über die Identität der Autor*innen
       und Charaktere hinaus. Sie sprechen von einem literarischen Verfahren,
       einem queeren Materialismus. Was heißt das? 
       
       Haug: Die Texte, die [4][in unserem Buch] besprochen werden, sind
       materialistisch in dem Sinne, dass sie die Wirklichkeit der DDR, den
       Sozialismus, zum Ausgangspunkt nehmen. Gleichzeitig enthalten sie Utopien
       und Hoffnungen, also die Möglichkeit, zwischen den starren Gesetzen und
       Regeln hindurchzugehen, aber ohne sich von der historisch konkreten Materie
       zu entfernen. Viele Romane sind in Alltagssettings angelegt. Es ist immer
       ein Wechselspiel.
       
       taz: Können Sie das genauer erklären? 
       
       Haug: Ein Beispiel ist „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann über
       eine junge idealistische Architektin. Darin sind die Hoffnungen auf
       Überschreitung eines patriarchalen Lebensmodells oder einer nur
       heterosexuellen Liebe gerade in der Beschreibung des Patriarchats angelegt,
       das die Hauptfigur vorfindet. Das ist ein Beispiel, wie sich Queerness auch
       aus einer Bearbeitung der Materialität, die uns umgibt, herausentwickelt
       oder vielleicht nur daraus entwickeln kann.
       
       taz: Entstand in der DDR also eine besonders queere Literatur? 
       
       Haug: Na ja, zumindest wusste wohl niemand besser, wie man subtil
       unterschwellig zwischen den Zeilen schreibt, um, was nicht so konkret
       gesagt werden konnte, unterzubringen. Und das, glaube ich, lässt sich mit
       einem queeren Verfahren in Zusammenhang bringen, weil das immer Wege sucht,
       die irgendwo dazwischen liegen.
       
       taz: Welchen Text aus der DDR sollte man unbedingt lesen? 
       
       Haug: Ich habe diese Frage auch dem Schriftsteller Norbert Marohn gestellt.
       Im Interview, das in unserem Buch abgedruckt ist, nennt er seine
       Best-of-Liste. Ich empfehle „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander. Es
       versammelt literarisch bearbeitete Interviews mit 19 Frauen. In der DDR gab
       es die Tradition, die bei mir leider aufhörte, dass Mütter ihren Töchtern
       das Buch als Initiationsritual schenkten. An die Seite stellen würde ich
       „Ganz normal anders – Auskünfte schwuler Männer“ von Jürgen Lemke, das in
       einem ähnlichen Stil die Pluralität und Widersprüchlichkeit schwulen
       Begehrens in der DDR zeigt.
       
       6 May 2026
       
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