# taz.de -- Niedersachsens neuer Slogan: Immerhin nicht das Land der Frühaufsteher
       
       > Niedersachsen wirbt für sich jetzt mit dem Spruch „Niedersachsen. Das ist
       > groß“. Das ist ganz großes Kino.
       
 (IMG) Bild: Hat Größe: Vertreter*innen der niedersächsische Landesregierung stellen den neuen Slogan vor
       
       Es kommt doch auf die Größe nicht an, betont eine Bremer taz-Kollegin. Size
       doesn’t matter! Jaja, das sagt sich so leicht im kleinen Stadtstaat. Da
       lässt sich mit der eigenen Winzigkeit kokettieren, da gibt es doch eine
       offenbar alle irgendwie zufriedenstellende Identität als Hansestadt, als
       armes Bundesland, als linke Hochburg. Und drumherum? Da ist, joa:
       Niedersachsen.
       
       Als in Niedersachsen Geborener herrscht also doch das kleine bisschen
       Ratlosigkeit, wenn es heißt, es komme auf die Größe nicht an. Auf was denn
       sonst? Denn zugegebenermaßen ist da schlicht kein anderes gemeinsames
       Wesensmerkmal, [1][kein verbindendes Selbstbild der Menschen aus diesem
       Bundesland.] Ästhetisch betrachtet taugt die verbindende Liebe zum Grünkohl
       leider wirklich nicht. Darum ist das schon ganz richtig von der rot-grünen
       Landesregierung, dass sie eine neue Standortkampagne des Landes initiiert
       hat, sich vom lahmen „Niedersachsen. Klar.“ verabschiedet – und mit dem
       neuen Slogan „Niedersachsen. Das ist groß.“ wirbt.
       
       Groß ist das Land auf jeden Fall in der Künstlichkeit seiner
       Zusammensetzung. Als es 1946 gegründet wurde, kamen Leute zusammen, die
       nicht allzu viel miteinander zu tun hatten: Die Küstenbewohner:innen wenig
       mit den Bergleuten im Harz, das katholische Oldenburger Münsterland wenig –
       mit allen anderen.
       
       Gleich vier frühere Staaten hatten die alliierten Briten hier fusioniert:
       das übergroße Land Hannover mit den Freistaaten Braunschweig und Oldenburg
       sowie Schaumburg-Lippe. Doch selbst nach mittlerweile 80 Jahren kommt kaum
       jemand aus Niedersachsen auf die Idee, sich irgendwo in Deutschland als
       Niedersachse vorzustellen. Viel eher pflegen Ostfries:innen ihre regionalen
       Klischees und träumen Schaumburg-Lipper:innen insgeheim noch immer von der
       Wiedererrichtung ihres einstigen Mini-Fürstentums – das historisch
       gewachsene Zugehörigkeitsgefühl bleibt in diesem Bundesland beständig auf
       die Regionen bezogen.
       
       ## Überschätzte Ziele
       
       Auch wenn „Das ist groß“ nun zum einen als Werbung für den
       Wirtschaftsstandort dienen, Investoren und Fachkräfte anlocken soll und zum
       anderen „Mut und Selbstvertrauen“ der Bevölkerung fördern will – der Slogan
       lässt sich von da Geborenen oder da Lebenden auch fernab dieser maßlos
       überschätzten Ziele nutzen: Was ist denn groß an Niedersachsen?
       
       Das zu diskutieren, läuft schließlich nicht automatisch auf Größenwahn
       hinaus: Es ist weder das flächengrößte Bundesland (Nummer 2 hinter Bayern)
       noch das bevölkerungsreichste (immerhin Platz 4!). Auch in Pisa-Studien,
       [2][Glücksatlanten] und den meisten anderen mehr oder minder bedeutenden
       Rankings landet es fern von Gut und Böse.
       
       Wirklich groß ist Niedersachsen aber, was die Ausbeutung in der
       Fleischindustrie angeht. Oder den Unwillen zur Veränderung – hallo
       Wolfsburg, hallo VW! Oder die Hybris „seines“ Altkanzlers Schröder. Oder
       die völkische Blutrünstigkeit seiner Hymne: „Wo fiel’n die römischen
       Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an
       Niedersachsens Wut.“
       
       Einige Bundesländer mögen die cooleren Slogans haben: „Der echte Norden“
       (Schleswig-Holstein) oder „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ (Wie
       konnte Baden-Württemberg das nur [3][durch „The Länd“ ersetzen?]) Und
       andere die peinlicheren – „Rheinland-Pfalz.Gold“ (Hä?) oder „#moderndenken“
       (dabei hatte Sachsen-Anhalt doch mal das zeitlos geniale „Land der
       Frühaufsteher“). Niedersachsen dagegen entzieht sich dieser Logik und ruft
       seine Bevölkerung zur kritischen Selbstreflexion auf. Das ist wirklich groß
       – und darauf kommt es doch an!
       
       13 Jun 2026
       
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