# taz.de -- CSU-Chef in der Kritik: Es dämmert (ihm)
> Dass er wandlungsfähig ist, muss Markus Söder niemandem beweisen. Jetzt
> ist es mal wieder so weit: Es gibt einen ganz neuen Söder – seriös und
> demütig.
(IMG) Bild: Ohne Bart und mit Krawatte: Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, gibt im Landtag eine Regierungserklärung ab
Die Nachricht kam recht überraschend, erst ein paar Tage vor der
Plenarsitzung: Markus Söder werde im Landtag eine Regierungserklärung
abgeben. Regierungserklärungen gehören nicht zum Tagesgeschäft. Außer zu
Beginn der Legislatur kommen sie meist zum Einsatz, um größere
Regierungsvorhaben anzukündigen. Vor zwei Jahren etwa nutzte der bayerische
Ministerpräsident das Instrument, um ein Entbürokratisierungsprogramm
anzukündigen.
Und diesmal? Im Steinernen Saal, von dem aus es in den Plenarsaal geht,
stehen am Donnerstagmorgen Abgeordnete und Journalisten und fragen sich
gegenseitig, wer was gehört hat. Doch Genaues weiß keiner zu berichten.
Wenig später erklingt im Sitzungssaal die Glocke der Landtagspräsidentin.
Ilse Aigner eröffnet die 80. Vollsitzung der Legislatur, Söder tritt ans
Rednerpult. Eine „Standortbestimmung“, kündigt er an, eine „ehrliche
Bestandsaufnahme“.
## Plötzlich ist die Kritik offen
Wer Auskünfte über konkrete Regierungspläne erwartet hat, wird enttäuscht.
Der Neuigkeitswert von Söders Rede hält sich in Grenzen. Es geht darum, wie
gut Bayern dasteht im Vergleich zu den anderen Bundesländern, aber auch im
europäischen oder sogar globalen Vergleich. Bei den Wirtschaftsdaten, der
Arbeitslosigkeit, in der Forschung. „Die Zeit hält keiner auf. Man kann nur
mit ihr gehen“, sagt Söder und schwärmt – „keine Selbstbeweihräucherung!“ –
von seiner Hightech-Agenda, neuralen Chips, Quantencomputern und der
bayerischen Raumfahrt. Und er zitiert die New York Times: Bayern sei sexy
und trendy.
Will da einer ablenken? Und wenn ja, wovon? Fest steht: Markus Söder
befindet sich derzeit, freundlich formuliert, nicht auf dem Zenit seiner
Karriere. Vor allem die für die CSU verheerenden [1][Kommunalwahlen im
März] haben den Parteichef in Bedrängnis gebracht. Nur einmal haben die
Christsozialen bei Kommunalwahlen ein schlechteres Ergebnis eingefahren.
Und damals war Söder noch nicht einmal geboren. Dass dieser am Tag nach den
Stichwahlen in gewohnter Manier versuchte, die Schuld von sich zu weisen
und auf die Wahlkämpfer vor Ort abzuschieben, kam bei diesen nicht so gut
an.
Das Bemerkenswerte an der Kritik am Parteivorsitzenden war indes, dass sie
zum Teil ganz offen geäußert wurde. Denn dass etwa ein Josef Zellmeier,
CSU-Landtagsabgeordneter, sowohl in der Fraktion als auch in der
Öffentlichkeit Söder vorhielt, er hätte sich mal besser um seine Rolle als
Landesvater kümmern sollen, als Belege seines Fleischkonsums im Internet zu
posten, und ihm mehr Demut und Selbstkritik anriet, darf durchaus als
ungewöhnlich gelten. Derlei nahmen sich bislang allenfalls Parteiveteranen
heraus, die nichts mehr zu verlieren haben. Beobachter sind sich einig: So
angeschlagen wie aktuell war Söder noch nie.
## Selbst die Zurückhaltung wird inszeniert
Seither gibt es in Bayern kaum ein Medium, das nicht schon über die
dräuende „Söderdämmerung“ referiert hätte, und sei es auch nur mit dem
Zusatz, dass sie in Wirklichkeit gar nicht bevorstehe.
Die [2][meisten Söder-Interpretatoren sind schon einen Schritt weiter]:
Mittlerweile spricht man von der „Neuerfindung“. Söderdämmerung also
allenfalls in dem Sinne, dass Söder gedämmert habe, dass sein Kurs des
gnadenlosen Polit-Entertainments nicht überall verfängt.
Neu erfunden soll sich der Ministerpräsident jetzt also haben. Statt
Quatsch mache er Politik, liest man allerorten, statt Strickjacke trage er
Anzug, immer öfter sogar mit Krawatte, und statt bei McDonald’s lasse er
sich neuerdings im Landtag sehen. „Mehr Sachlichkeit und Zurückhaltung“
attestiert ihm etwa der Bayerische Rundfunk.
Aber Söder wäre nicht Söder, wenn er nicht auch seine neue Zurückhaltung
trefflich in Szene setzen würde. So wird etwa kolportiert, das Umfeld des
Ministerpräsidenten sei sehr bemüht gewesen, beim Maibockanstich im
Hofbräuhaus darauf hinzuweisen, dass Söder dieses Jahr darauf verzichtet
habe, zum Defiliermarsch im Saal Einzug zu halten. Er sei einfach nur zu
seinem Platz gegangen. Quasi wie ein normaler Besucher. Wäre sonst
vielleicht keinem aufgefallen.
## Es fehlen die Putschisten
Und dann natürlich der Bart! Er ist ab. Ein Malheur beim Rasieren habe ihn
gezwungen, den Bart erst mal abzunehmen, ließ Söder verlauten. Doch dann
habe er so positive Rückmeldungen bekommen, dass er auf seinen
„Henriquatre“ verzichtet habe. Mancher Beobachter will selbst in diesem
Malheur eine Söder’sche Inszenierung sehen – was natürlich umgehend ins
Reich der Verschwörungstheorien verbannt werden muss.
Na, schön, auch als er den Bart nach einem rasurfreien Urlaub vor knapp
zwei Jahren erstmals beibehalten hat, argumentierte Söder mit dem positiven
Feedback. Und mancher Schelm könnte fragen, warum die Rückmeldungen wohl
ausgeblieben seien, als Söder schon zweimal wegen einer
Faschingsverkleidung den Bart vorübergehend abgenommen hatte. Aber das wäre
– Obacht, jetzt tut’s weh! – Haarspalterei.
[3][Zurück zur Söderdämmerung]. Dass trotzdem kaum jemand glaubt, Söders
Sturz stehe unmittelbar bevor, hat vor allem zwei Gründe: Es fehlen die
Putschisten in der Fraktion. Und es fehlt die Nachfolgerin oder der
Nachfolger. Landtagspräsidentin Ilse Aigner, auch Vorsitzende des größten
CSU-Bezirksverbandes Oberbayern, stünde zwar im Falle eines Falles als
Ministerpräsidentin sicherlich bereit.
Aber dass sie sich aus der Deckung wagt, solange Söder nicht abgedankt hat,
scheint höchst unwahrscheinlich. Zumal die 61-Jährige auch nach Berlin
schielt und sich ebenfalls vorstellen kann, für das Amt der
Bundespräsidentin zu kandidieren.
## Zuhören statt nur beschimpfen
Doch an diesem Donnerstag sitzt sie noch auf dem Platz der
Landtagspräsidentin, gleich hinter Söder, der schon seit einer
Dreiviertelstunde spricht. „Noch etwas Persönliches“, sagt er jetzt.
Auch er habe manchmal in der Vergangenheit sehr deutliche Worte gewählt,
aber künftig werde er stärker darauf achten, dass Ton und Stil „der Lage
unserer Demokratie“ angemessen seien. Und er sei überzeugter denn je, dass
es wichtig sei einander zuzuhören, statt sich nur zu beschimpfen. „Daher
nehme ich verstärkt an Plenardebatten teil, um neue Argumente zu hören.“
Die Botschaft ist klar: Ich habe verstanden. „Das ist die wahre Größe“,
kommentiert wenig später CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek.
21 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Stichwahlen-in-Bayern/!6165218
(DIR) [2] https://www.merkur.de/politik/der-naechste-neue-soeder-csu-chef-erfindet-sich-wieder-neu-94315837.html
(DIR) [3] /Neue-Regierung-in-Baden-Wuerttemberg/!6175634
## AUTOREN
(DIR) Dominik Baur
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