# taz.de -- Jüdische Privatfotografie: Die Verfolgung im Kaffeegarten
       
       > Es scheinen auf den ersten Blick Fotos des Alltags zu sein. Doch sie
       > dokumentieren die Flucht von Juden in der Nazizeit. Robert Müller-Stahl
       > hat sie untersucht.
       
 (IMG) Bild: Zöglinge des Auerbach’schen Waisenhauses beim Fußballspielen
       
       Es sind Bilder, die bei flüchtiger Betrachtung keine Besonderheiten
       aufweisen. Man sieht auf den Schwarz-Weiß-Fotografien immer wieder
       Menschen, die offenbar für den privaten Fotografen eine Bedeutung haben. Es
       gibt Berge und Meer zu sehen, Strandkörbe, sportliche Übungen,
       Ferienidyllen, Ozeandampfer, Kleinkinder. Mit einem Wort:
       [1][Familienfotos]. Und doch haben diese Alben etwas Besonderes, das sie
       eint: Sie sind gerettet worden.
       
       Kein Foto und kein Album, das in Robert Mueller-Stahls Buch „Das Leben
       festhalten“ vorgestellt wird, sei „einfach so erhalten geblieben“, schreibt
       der Autor. Die Erinnerungen seien unter widrigsten Bedingungen vor dem
       Verlust gerettet worden.
       
       Da sind etwa die Fotos von Walter Frankenstein: Sie überstanden Krieg und
       Verfolgung vergraben [2][im Berliner Grunewald]. Sie überlebten die Reise
       auf einem alten Frachtkahn über das Mittelmeer. Frankenstein hütete sie in
       einem britischen Internierungslager, später auf einem Schiff in Richtung
       Schweden, zuletzt in einem Vorort von Stockholm. Heute liegen die Alben in
       einem Museum.
       
       Die Rede ist von Fotoalben jüdischer Verfolgter während der Nazizeit.
       Robert Mueller-Stahl ist der Frage nachgegangen, was die darin enthaltenen
       Bilder zur Situation der Menschen aussagen, wie also die Verfolgten selbst
       ihr Leben und das ihrer Umgebung festgehalten haben. Können die Fotos mehr
       über das Leben der Verfolgten erzählen als die vielen schriftlichen
       Berichte, die mündlichen Interviews und die Film- und Fernsehaufzeichnungen
       nach dem Krieg?
       
       ## Der Alltag im Schatten der Bedrohung
       
       Auf den Fotos finden sich keine wehenden Hakenkreuzfahnen. Schon gar nicht
       sind darauf antisemitische Aktionen des NS-Regimes abgebildet, etwa von der
       Pogromnacht im November 1938. Nur in seltenen Fällen finden sich Bilder,
       die in einer offensichtlichen Situation der Verfolgung gemacht worden sind,
       und selbst bei diesen, zum Beispiel aus dem holländischen Lager Westerbork,
       enthüllt sich diese Information erst nach genauer Detailsuche. Eigentlich
       sind es Kinderfotos.
       
       Häufig dargestellt sind die kleinen Fluchten, in die sich Jüdinnen und
       Juden auf der Suche nach einem bisschen Glück begaben, die Nischen, welche
       die Nazis in den ersten Jahren ihrer Herrschaft den Ausgegrenzten noch
       ließen und die doch immer kleiner und beengter wurden, bis sie ganz
       verschwanden.
       
       Mueller-Stahl hat die Bilder aus den vielen Alben klug in vier Kategorien
       aufgeteilt, die er einzeln auf ihre Bedeutung zum Entstehungszeitraum
       untersucht: den Sport, den Urlaub, [3][die Flucht] und die Ankunft im Exil.
       In keiner dieser Kategorien hat er auf den untersuchten Tausenden
       Bilddokumenten Sensationelles entdeckt. Aber dafür den Alltag im Schatten
       der Bedrohung.
       
       Da sind die Fotoalben der Familie Chotzen aus Berlin. Die vier Söhne waren
       begeisterte Sportler, doch sie mussten ihren Klub verlassen, weil sie als
       Juden nicht mehr geduldet waren. Zum Abschied gestaltete Bubi Chotzen eine
       Albumseite mit Bildern seiner Sportsfreunde und schreibt dazu: „Wie
       wertvoll der Sport für Körper und Geist ist, habe ich erst richtig
       erfahren, da er mir genommen wurde!“
       
       Die Brüder wechselten gezwungenermaßen zu einem damals noch geduldeten
       jüdischen Sportverein. Doch das Endspiel der Handballer bei den
       Meisterschaften – erlaubt waren solche nur zwischen jüdischen Klubs –
       musste ausfallen. Die Nazis verboten 1938/39 den jüdischen Amateursport
       komplett. „Der Sieg wurde uns durch das Verbot des Vereins genommen“,
       schreibt Bubi bedauernd zu Fotos, auf denen die Kameradschaft der jungen
       Leute deutlich wird. Zuletzt spielten die Brüder 1941 – im Sinne der Nazis
       nicht legal – in einer landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte zur
       Emigration nach Palästina.
       
       ## „Juden sind im Luftkurort Fürstenberg nicht erwünscht“
       
       Walter Frankenstein, Jahrgang 1924, hielt die Sportveranstaltungen im
       Innenhof des Waisenhauses fest, in dem er aufwuchs – vom Boxen bis zum
       Staffellauf ist alles dabei. Es sind unbeschwerte Szenen vom Wettkampf, die
       da zu sehen sind. Nur wissen wir heute, dass die meisten der Abgebildeten
       ermordet wurden, ermordet wie drei der vier Chotzen-Brüder. Frankenstein
       überlebte im Untergrund.
       
       Urlaubsbilder zählen zu den beliebtesten Motiven des Amateurfotografen,
       egal ob jüdisch oder nicht. Die Tradition, den Urlaubsort und die dort
       besuchten Menschen durch Fotos in Erinnerung zu behalten, ließen sich die
       verfolgten Jüdinnen und Juden auch nach der Machtübernahme der Nazis
       zunächst nicht nehmen – soweit sie ökonomisch noch in der Lage waren, eine
       Ferienreise zu finanzieren. Diese Reisen mussten unter dem Diktat der
       Antisemiten immer bescheidener ausfallen – anfangs ging es noch in Seebäder
       oder tschechische Kurorte, bald nur noch in Sommerfrischen in der Umgebung
       des eigenen Wohnorts. Ab etwa 1939 nirgendwo hin.
       
       Mueller-Stahl stellt in der Motivgestaltung verblüffend ähnliche Bilder
       jüdischer Familien aus Marienbad (Mariánské Lázně) vor, auf denen die
       Anwesenden auf der Promenade des Kurorts inszeniert sind – ein Zeichen für
       Wohlstand, aber auch dafür, an der Tradition der bürgerlichen Bäderreise
       festzuhalten. Der grassierende Antisemitismus im teilweise deutschsprachig
       besiedelten Sudetenland wird dabei komplett ausgeblendet. Der Autor
       interpretiert dies als beginnende Widerstandsfähigkeit gegenüber den
       Brüchen der Geschichte. Es könnte aber auch sein, dass die Verfolgten für
       ein paar Tage einfach nur Augen und Ohren verschließen wollten.
       
       Ganz anders ging Helen Levy-Thilo mit der den Urlaub immer stärker
       bestimmenden Verfolgung um – nämlich mit Spott. Ihr bescheidener Urlaub
       führte die Berlinerin 1936 zusammen mit einer Freundin ins brandenburgische
       Fürstenberg. Auf dem ersten Bild ihres Albums sieht man eine Anschlagsäule
       mit der unmissverständlichen Aufschrift: „Juden sind im Luftkurort
       Fürstenberg nicht erwünscht“.
       
       „Die erste Begrüßung“ schreibt Levy-Thilo darunter. Die Drohung schreckte
       die beiden Frauen nicht. Auf der nächsten Seite sieht man einen gemütlichen
       Kaffeegarten mit gedeckten Tischen, im Hintergrund sind die Freundin, ein
       Junge und ein Hund zu sehen. „Die zweite!“, schreibt die Fotografin
       triumphierend unter das Bild. Helen Levy-Thilo überlebte die NS-Verfolgung
       in London.
       
       ## Die gescheiterte Flucht nach Übersee
       
       Ältere Herrschaften an Deck in Liegestühlen, Fotos von stolzen Schiffen.
       Die auf der „St. Louis“ entstandenen Fotos vermitteln den Reiz einer
       unbeschwerten Weltreise. Die Fahrt ging 1939 nach Kuba, an Bord befanden
       sich knapp 1.000 deutsche Jüdinnen und Juden auf dem Weg ins Exil. Man war
       einander zugetan, berichten Tagebücher, aber auch die Fotos. Die Bilder
       dokumentieren das Glück, der Verfolgung entronnen zu sein – scheinbar. Denn
       auf Kuba verweigerten die Behörden die Einreise. Nach einer Odyssee musste
       die „St. Louis“ zurück nach Europa fahren, wo die Passagiere im belgischen
       Antwerpen von Bord gingen. Viele von ihnen wurden im Zweiten Weltkrieg ein
       Opfer der Nazis.
       
       Was erzählen uns diese Bilder? Auf den ersten Blick zeigen sie die enorme
       Diskrepanz zwischen der bedrohten eigenen Existenz und der scheinbaren
       Normalität ihrer Fotos, schreibt Mueller-Stahl. Tatsächlich aber seien sie
       auch Dokumente der Versuche, weiter ein alltägliches Leben zu führen,
       Familientraditionen zu folgen und sich so der permanenten Unterdrückung zu
       entziehen – und sei es in einer kurzen Urlaubsreise. Das macht diese Fotos
       so wertvoll. Sie dokumentieren ein Leben jenseits der Verfolgung in der
       Verfolgung.
       
       Das Buch wird am 2. Juli um 19 Uhr im Exilmuseum in Berlin vorgestellt. Um
       [4][Anmeldung] wird gebeten.
       
       2 Jul 2026
       
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