# taz.de -- Flucht vor Nazideutschland: Jüdisch in Shanghai
> Ein Museum in Shanghai erzählt die Geschichte chinesischer
> Willkommenskultur. Ohne Visum fanden Juden und Jüdinnen in Fernasien
> einen Zufluchtsort.
(IMG) Bild: Eröffnung des Museums im Jahre 2020
Das Jewish Refugees Museum in Shanghai hat mich überrascht. Denn hier wird
nicht nur in liebevollen Details von den 18.000 Juden und Jüdinnen erzählt,
die in Shanghai Zuflucht vor dem Nationalsozialismus fanden, sondern eine
Geschichte chinesisch-jüdischer Freundschaft entworfen. Vermutlich war
diese Perspektive nur für mich überraschend und nicht für die jungen
Chinesen und Chinesinnen, die an diesem Nachmittag interessiert durch die
zehn kleinen Räume der Ausstellung wanderten; ihre Generation ist mit
patriotischen Erzählweisen vertraut.
Im westlichen Holocaust-Schrifttum ist das Shanghai der späten 1930er
Jahre, soweit überhaupt erwähnt, ein elender, schmutziger Ort, an den nur
schiere Verzweiflung verschlagen konnte. Anders als fast überall sonst war
hier [1][kein Visum nötig] – eine Folge von Chinas halbkolonialer
Unterwerfung nach den verlorenen Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts. In
Shanghai waren Macht und Recht zersplittert: Briten, Franzosen,
US-Amerikaner lebten in Enklaven eigener Hoheit, illustre Minderheiten
inmitten einer armen chinesischen Mehrheit.
Wie passt die Rettung der Juden und Jüdinnen nun in diese komplizierte
Geschichte? War sie ein glückliches Nebenprodukt von Chinas kolonialem
Unglück? Das Shanghaier Museum schlägt einen anderen Ton an, erzählt von
einer chinesischen Willkommenskultur. Gleich am Eingang heißt es: „Die
Menschen hier öffneten ihre Arme und akzeptierten die Flüchtlinge.“
Was auf 4.000 Quadratmetern an Exponaten und Biografien zusammengetragen
wurde, zeugt von Hingabe: Bevor [2][das Museum] 2007 in restaurierten
Originalgebäuden jüdischen Exils eröffnet wurde, reisten die Kuratoren
durch die Welt, um Überlebende zu befragen und Erinnerungsstücke zu
erbitten. Das erste Objekt, eine Spielzeugrikscha, fand sich in Hamburg.
2020 wurde das Museum erweitert, bildet nun ein Ensemble mit einer
renovierten Synagoge. Der Direktor bekam eine Auszeichnung [3][Israels].
## Chinesische Juden
Gegenüber der Regierung in Jerusalem sprechen chinesische Offizielle gern
von einer tausendjährigen Freundschaft „zwischen der chinesischen und der
jüdischen Nation“. Zwar hat damals wohl kaum jemand diesen Begriff gekannt,
doch kamen in der Tat erste jüdische Händler über die antiken Seidenstraßen
nach China. Die Geschichte der Gemeinde von Kaifeng am Gelben Fluss, einer
früheren Hauptstadt Chinas, währte Jahrhunderte; Juden wurden kaiserliche
Beamte, nahmen chinesische Namen und Gebräuche an, bis schließlich im 19.
Jahrhundert ihre vermeintliche „Entdeckung“ durch christliche Missionare
für Wirbel in der westlichen Forschung sorgte. Huch, chinesische Juden?!
Neuere jüdische Gemeinden entstanden dann in den semikolonialen
Hafenstädten, später folgten russischsprachige Juden aus dem Zarenreich,
die vor Antisemitismus und Kommunismus flüchteten. Im gesellschaftlich
fragmentierten Shanghai der späten 1930er Jahre lebten immerhin 25.000
solcher säkularen aschkenasischen „émigrés“, wie sie sich nannten – eine
eigene Schicht, bescheiden wohlhabend, doch in der Regel nicht potent
genug, um in die exklusiveren Kreise sephardischer Juden und Jüdinnen mit
britischen Pässen einzuheiraten.
Liliane Willens, Tochter ukrainisch-russischer Émigrés, beschreibt in ihrer
Autobiografie „[4][Staatenlos in Shanghai]“ unverblümt den alltäglichen
Rassismus einer schroff geteilten Welt, in der arrivierte jüdische Familien
ebenso wie die Angehörigen der Kolonialmächte elegante Partys feierten und
Chinesen allenfalls Dienstboten waren. Die aus Europa vor dem Faschismus
Fliehenden durchkreuzten plötzlich die soziale Trennung.
Viele konnten sich eine Miete in den Villenvierteln der ausländischen
Enklaven nicht leisten, sondern lebten gezwungenermaßen dort, wo Weiße
eigentlich nicht hingehörten: in den engen Gassen des Viertels Hongkou, wo
sie wie die Einheimischen morgens ihre Exkremente in Holzeimern auf die
Straße tragen mussten. Die erdrückenden Umstände wurden immerhin
psychologisch dadurch erträglicher, notierte [5][Liliane Willens], „dass
die Chinesen keinerlei antisemitische Gefühle hegten“.
## Freundlicher Empfang für die Geflüchteten
Die Freundlichkeit der Nachbarn, oft noch ärmer als die Ankömmlinge, ist
keine Erfindung des Museums; sie wird durch Schilderungen Überlebender
bestätigt. Manche Chinesen hätten ihr karges Essen mit den Geflüchteten
geteilt, während wiederum ein jüdischer Komponist chinesische Studenten
unterrichtete. Gewiss keine Idylle, sondern eine Geschichte der vielen
Facetten, und nicht jede Facette drängt ins Licht.
Die großzügigste Hilfe für die Ankömmlinge kam von den reichen
sephardischen Familien – sie hatten ihr Vermögen nicht zuletzt mit jenem
Opiumhandel aufgebaut, der China in die Knie zwang. Dass es jüdische
Geschäftsleute gab, die zu Kolonialismus und europäischer Expansion
beitrugen, mögen heute, nach dem Holocaust, manche nicht mehr sehen –
obwohl es auch in die Kolonie Deutsch-Südwestafrika jüdische Siedler und
Investoren aus dem Kaiserreich zog.
An der Shanghaier Uferstraße, dem Bund, zeugen heute noch prächtige Bauten
von der Rolle jüdischen Unternehmertums im britischen Imperialismus, am
bekanntesten die ursprünglich aus Bagdad stammende [6][Dynastie der
Sassoon]. Während in Deutschlands eurozentrisch verengter Erinnerungskultur
selten Erwähnung findet, dass Chinesen zur Rettung von 18.578 Juden
immerhin beigetragen haben, sind all ihre Namen in Shanghai auf einer Mauer
neben dem Museum eingraviert, genannt „The Shanghai List“, nach der durch
Hollywood berühmt gewordenen Liste Oskar Schindlers.
Ihre Rettung ist in der patriotischen Selbsterzählung Beweis für Chinas
universelle Empathie. In Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, der 20
Millionen Chinesen das Leben kostete, heißt es: „Gemeinsam gingen Juden und
Chinesen durch eine dunkle Zeit.“ Beim Stichwort Empathie musste ich an die
Uiguren denken. Sind sie, metaphorisch gesprochen, heute Chinas jüdische
Frage? Es bleibt immer etwas Ungesagtes.
3 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.chbeck.de/heim-abschottung-welt/product/39929820
(DIR) [2] https://www.shhkjrm.com/en/index.htm
(DIR) [3] https://www.haaretz.com/jewish/2014-09-03/ty-article/shanghai-unveils-memorial-to-jewish-refugees/0000017f-e8e6-da9b-a1ff-ecef83fd0000
(DIR) [4] https://www.drachenhaus-verlag.com/products/staatenlos-in-shanghai
(DIR) [5] http://www.lilianewillens.info/
(DIR) [6] https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/maezene-und-opiumhaendler/
## AUTOREN
(DIR) Charlotte Wiedemann
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