# taz.de -- Kanzler besucht SPD-Fraktion: Merz kommt nochmal zum Schnuppern
> Die Stimmung in der Koalition ist nicht gut. Um die Reformen im Sommer
> durchzubringen, versuchen es SPD und Union nochmal auf die persönliche
> Art.
(IMG) Bild: Hört sich lächelnd sein Lob an: SPD-Fraktionsvorsitzender Mathias Miersch neben CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz
Friedrich Merz bemüht sich ein Jahr nach der Regierungsbildung, nochmal
Aufbruchstimmung in seiner Koalition aufkommen zu lassen. Als der
Bundeskanzler und CDU-Chef am Dienstagmittag den Sitzungssaal der SPD im
Reichstagsgebäude betritt, findet er durchaus nette Worte für den
Koalitionspartner. Merz zählt auf, was die Regierung in den ersten 12
Monaten bereits initiiert habe: Einsparungen bei der Krankenversicherung,
Reform des Wehrdiensts, [1][Änderungen beim Mietrecht]. „Das sind
weitgehend Entscheidungen aus Ressorts in der Bundesregierung, die von
Sozialdemokraten geführt werden“, sagt der Kanzler.
Der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch hatte Merz zur Sitzung
eingeladen, nun steht er neben dem Kanzler und hört sich lächelnd das Lob
an. Im Anschluss werden die Türen für die Presse geschlossen, für eine
knappe Stunde stellt sich der Kanzler dann den Fragen des
Koalitionspartners. Themen gibt es genug.
Die Bundesregierung hat sich eine Liste an Reformvorhaben aufgegeben, die
sie noch im Sommer angehen will. In der kommenden Woche soll es einen
ersten Entwurf für eine Pflegereform geben. Zudem möchte die Koalition
einen Aufschlag für eine [2][Reform des 8-Stunden-Tags] machen, für den
Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) beim [3][DGB-Kongress
vergangene Woche Ärger kassiert haben].
## Ähnliche Diskussion, andere Seite
Nach der Sitzung berichten SPD-Abgeordnete dann von wenig Kritik und einer
„nach vorne gerichteten“ Debatte. Mehrfach habe es Applaus für Merz
gegeben. Zuletzt aufgekommene Spekulationen hinsichtlich einer
Minderheitsregierung der Union soll Merz zudem eine deutliche Absage
erteilt haben. Auch der Kanzler selbst scheint zufrieden: Als er nach etwa
50 Minuten eilig den Sitzungssaal der SPD verlässt, um nur wenige Schritte
weiter den Fraktionsraum der Union zu betreten, bezeichnet er die Debatte
als konstruktiv und die Stimmung als gut.
Bei seiner eigenen Partei sieht sich Merz einer ähnlichen Diskussion
ausgesetzt, nur von der anderen Seite. Auch dort muss er Überzeugungsarbeit
leisten, dass man der SPD ihre Erfolge gönnen muss, [4][um erfolgreich
zusammenzuarbeiten]. Unionsfraktionschef Jens Spahn und andere
Rechtsausleger*innen zeichnen dabei gerne das Bild, zu häufig den
Forderungen der SPD klein beizugeben und als Union an Profil zu verlieren.
Im Nacken sitzen der Koalition auch die schlechten Beliebtheitswerte – und
die starken Umfragergebnisse der AfD.
Vor diesem Hintergrund und den Streitigkeiten der vergangenen Wochen
appellierte Merz an die SPD, aber auch an seine eigene Fraktion, in der
Reformdebatte darauf zu verzichten, sich „gegenseitig öffentlich rote
Linien“ aufzuzeigen. „Wir brauchen jetzt Ruhe, wir brauchen Vertrauen, wir
brauchen aber auch Mut in der Regierung.“
## Das Beschnuppern könnte weitergehen
In der SPD gab es bereits vor dem Besuch des Kanzlers Abgeordnete, die mit
mahnenden Worten vorpreschten. Der außenpolitische Sprecher der
SPD-Fraktion, Adis Ahmetovic, sagte dem RND, er erwarte „Demut und
Klarheit“ von Merz. Dies gelte besonders für die Art des Kanzlers, wie er
kommuniziere. Hier erwarte er eine „positive Zukunftsvision“ und Ansagen
darüber, was Merz künftig besser machen wolle.
Es war Friedrich Merz’ erster Besuch in der SPD-Fraktion in seiner Funktion
als Bundeskanzler. Zuletzt war er dort vor mehr als einem Jahr zu Gast, um
für seine Wahl zu werben. Dabei könnte es sein, dass das gegenseitige
Beschnuppern zwischen der Union und der SPD weitergehen könnte: Während
Merz noch bei der SPD-Fraktion saß, [5][erklärte sich Spahn offen dafür],
dass Arbeitsministerin und SPD-Co-Chefin Bas bei der Unionsfraktion mal für
einen Gegenbesuch vorbeikommt.
19 May 2026
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