# taz.de -- Der Kanzler in der Oper: Viel mehr als das Wort
> Das Publikum hält den Atem an, als Ehrendirigent Zubin Mehta Beethoven
> anstimmen lässt. Auch ein Gast oben im Rang ist sichtlich bewegt.
Staatsoper, ein Sonntag im Mai. Trubel um den Kanzler im ersten Rang, dann
gedimmtes Licht. Vorne wird ein Rollstuhl ans Pult geschoben. Zubin Mehta,
Ehrendirigent, 90 Jahre und vier Tage alt.
Zwei kräftige Männer hieven den Maestro behutsam auf einen hohen Stuhl.
Falten des Gehrocks glattstreichen. Den Stock, heute Abend überflüssig, an
die Lehne hängen. Ein schmerzhaft irdisches Ritual. Das Orchester schweigt.
Das Publikum hält den Atem an. Kippt er?
Sein Arm flattert hoch. Millimeterarbeit. Und plötzlich: Schwerelosigkeit.
Der Zweifel im Saal verfliegt. Mozart, g-Moll-Sinfonie. Keine tanzenden
Schmetterlinge, sondern ein drängendes, fast dunkles Flüstern. [1][Der
Dirigent zaubert uns direkt in seinen Himmel].
Nach der Pause sollte es eigentlich Mahler geben. Kurzfristig geändert. Nun
also Beethovens Siebte. [2][Was für ein Statement!] Aus seinem wackeligen
Thron heraus entfesselt dieser greise, schmächtige Mann einen Orkan.
## Beethoven statt Mahler
Rauschhafte Rhythmen, ein ekstatisches Pochen, gleißendes Licht. „Die
Apotheose des Tanzes“. Die Musiker lesen ihm jede Intention von den
zittrigen Fingern ab. 30 Jahre gemeinsame Grammatik. „Musik ist viel mehr
als das Wort“, lautet eine seiner Weisheiten. Das Strahlen in Mehtas
Gesicht sieht man ihm selbst von hinten an.
Schlussakkord. Da ist sie wieder, die Schwerkraft. Der überreichte Strauß
scheint für einen Moment fast zu schwer. Erneut heben die Männer ihn in den
Rollstuhl. Er sieht erlöst aus. Stehende Ovationen für einen Maestro, der
im Sitzen ein Riese ist.
Oben klatscht der Kanzler. Sichtlich bewegt. Eine lehrreiche Stunde. Wenn
er demnächst im Kabinett mit unsichtbarem Taktstock wedelt, [3][um
Dissonanzen zu bändigen] – wir wissen, woher die Idee stammt. Wahre
Autorität braucht keine großen Gesten. Aber das Schweben will gelernt sein.
Viel Zeit bleibt nicht. Noch steht er.
18 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Berliner-Philharmoniker-und-der-Holocaust/!1771708&s=Beethoven+Symphonie&SuchRahmen=Print/
(DIR) [2] /Musikerin-Ebba-Durstewitz/!5042840
(DIR) [3] /Kanzler-haelt-Debatte-fuer-beendet/!1905740&s=kakophonie+schr%C3%B6der&SuchRahmen=Print/
## AUTOREN
(DIR) Irina Aragon
## TAGS
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Staatsoper Berlin
(DIR) Ludwig van Beethoven
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
(DIR) Kolumne Szene
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nächtliche Roller-Raudis: Instant-Karma für den König der Welt
Highspeed auf zwei Rädern in Berlin-Wedding: Am Klang erkennt man bereits
deutlich die Vierstelligkeit des entstandenen Sachschadens.
(DIR) Freilaufende Troubadixe: Sie röhren unablässig
Im Hamburger Stadtraum scheinen sich Sangeskünstler:innen ganz
besonders wohl zu fühlen. Pausenlos beschallen sie den Balkon unserer
Autorin.
(DIR) Besuch auf dem Land: Oh, wie herrlich! Frischluft!
Vom Hochbett aus ist die Aussicht am schönsten. Vorsicht jedoch an der
Leiter beim Herunterklettern – sonst landet der Fuß womöglich, wo er nie
hinwollte.
(DIR) Chattie um Rat fragen: Wegen Koks auseinander gelebt
Wie hoch ist der Eintritt vom besten Club der Welt? Darüber schnacken Bro
und Digger im 44 Brekkie. Und essen am Wochenende schon mal im Borchardts.
(DIR) Zu Besuch bei Ludwig Zwo: Das Erbe der Nachtschwalbe
Während des Immobilienchecks bei Bajuwarenkönig Ludwig Zwo können samtene
Treppen auch einen Wettstreit anregen. Oder man isst lieber ein Eis.
(DIR) Warten mit dem Uhu: Am Zaubergleis
Klar, dass Nacht ist, wenn der Großstadtmensch einer imposanten Eule
begegnet. Oder war beim Treffen auf dem S-Bahnsteig noch ganz anderes im
Spiel?