# taz.de -- Warten mit dem Uhu: Am Zaubergleis
       
       > Klar, dass Nacht ist, wenn der Großstadtmensch einer imposanten Eule
       > begegnet. Oder war beim Treffen auf dem S-Bahnsteig noch ganz anderes im
       > Spiel?
       
       Samstag kurz nach Mitternacht auf dem S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke.
       
       L. und ich unterhalten uns von einem Bahnsteig zum anderen über die
       Schienen hinweg. Hinter ihm viele Wartende, seine Bahn kommt gleich. Ich
       dagegen bin ganz allein auf dem Bahnsteig. „Die Bahn soll schon länger in
       13 Minuten kommen, hoffentlich ist nicht wieder was und alle wissen es, nur
       ich nicht, weil hier ja keiner steht außer mir“, rufe ich L. zu, als ein
       riesiger Vogel auftaucht. Er fliegt über die Schienen direkt auf mich zu.
       Ich starre ihn wie hypnotisiert an. Er ist nah, braun mit gigantischer
       Flügelspanne. Landet er etwa auf mir? Die Leute drüben raunen, als der
       Vogel kurz vor mir über mich hinwegfliegt und sich auf einem Baum in der
       Böschung niederlässt.
       
       „Oh mein Gott, das war eine Eule! Mitten in der Stadt!“, rufe ich total aus
       dem Häuschen.
       
       „He, ich dachte, sie setzt sich dir auf die Schulter“, antwortet L. „Wie
       bei so einer Hexe!“ Ein paar Leute lachen.
       
       „Ich hab noch nie eine wilde Eule in der Stadt gesehen!“
       
       „Hab überhaupt noch nie eine wilde Eule gesehen“, sagt L.
       
       Ich drehe mich zum Baum. „Ist das ein Uhu? Kann doch nicht sein!“
       
       Mein Handy macht leider nur verschwommene Bilder.
       
       „Die Bahn kommt! Flieg nicht mit der Eule mit!“, ruft L. und winkt.
       
       Die Anzeige zeigt immer noch 13 Minuten. Der Uhu und ich sind allein. Wenn
       ich nicht wüsste, wo er sitzt, würde ich ihn nicht sehen, so perfekt
       getarnt ist er. Irgendwann fliegt er segelnd zwischen den Bäumen entlang.
       Jetzt springt die Anzeige weiter.
       
       „Ist ja wie bei Harry Potter“, antwortet eine Freundin. „Warst auf dem
       Bahnsteig 9 3/4tel und hast ein Paket von der Eulenpost bekommen, wie?“
       
       Uhuuu, denke ich. „Noch lieber hätte ich die drei Nüsse für die Wünsche von
       Aschenbrödel, die bewahrt doch ihre Eule auf.“
       
       Später lese ich, dass in Berlin und Hamburg Waldohr-, Schleiereulen und
       sogar Uhus ansässig sind. Jaja, gut. Aber trotzdem. Samstagnacht bin ich
       bestimmt an einem Zaubergleis gelandet.
       
       12 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Isobel Markus
       
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