# taz.de -- Freilaufende Troubadixe: Sie röhren unablässig
       
       > Im Hamburger Stadtraum scheinen sich Sangeskünstler:innen ganz
       > besonders wohl zu fühlen. Pausenlos beschallen sie den Balkon unserer
       > Autorin.
       
       Gesang ist ein menschliches Bedürfnis. Jeder von uns trällert, summt,
       entäußert sich, wenn Laune und Überschwang kicken. Manche tun es zum
       Selbstzweck, andere wiederum wollen gehört werden und sind dankbar für ein
       Feedback. An einem Punkt des eigenen Lebens muss jede:r sich entscheiden:
       Dusche oder Bühne, Wohnung oder Straße.
       
       Apropos Straße – in den vergangenen Jahren scheint sich die Annahme
       durchgesetzt zu haben, dass der Hamburger Stadtraum das eine oder andere
       Stück von Alanis Morissette, Adele, Janis Joplin, Coldplay oder Ed Sheeran
       vertragen kann.
       
       Unzählige Male hatte man mich in den vergangenen Jahren bedauert, weil ich
       an einer Hauptverkehrsstraße wohne und daher großer Lärmbelästigung durch
       Autos ausgesetzt sein müsse. Verkehrslärm ist aber nicht mein Problem.
       
       Die emsigen Sänger:innen auf der anderen Straßenseite neben dem
       U-Bahn-Eingang sind es!
       
       Sie wählten den Stadtraum!
       
       Gegen meinen Willen!
       
       Natürlich – nichts ist zu sagen gegen eine Musicalausbildung an privaten
       Instituten.
       
       Etwas so RICHTIG GUT gelernt zu haben, beruhigt so manche:n. Auch die
       jeweiligen Eltern können dann im Freundeskreis von einer abgeschlossenen
       Ausbildung berichten. Aber muss tausendfach wiederholt werden, was Tina
       Turner, 4 Non Blondes und Johannes Oerding bereits vorgelegt haben?
       
       Der Wind trägt die durchgeröhrten Songs der Vortragenden direkt in Richtung
       meines Balkons. Und sie röhren unablässig. Keine Pause. Klimperklimper –
       die Münzen der Touristenscharen, die den „Grünen Bunker“ besteigen wollen
       und daher an den Sangeskünstler:innen vorbeimüssen, füllen den
       Gitarrenkasten.
       
       Spontane Idee: Schmerzensgeld!
       
       Was, wenn ich runterginge, den Instrumentenkoffer in einen Jutebeutel
       entleerte und mich von dannen machte? In diesem Fall könnte ich sogar noch
       verstehen, wenn kräftiges Bluesgeheule erklänge. Das Geld gäbe ich zwar
       nicht zurück, aber ich würde vom Balkon aus klatschen.
       
       21 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rebecca Spilker
       
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